Die autobiographischen Einlassungen, die Fritz, ältester Sohn von Caroline und Theodor, für seine Kinder aufschrieb, sind mit zwei Irrtümern behaftet, die ich vorab berichtigen möchte. Außerdem hat er die Interpunktion weitestgehend ignoriert, so dass sich der Inhalt stellenweise erst nach mehrmaligem Lesen erschließt. Nur an diesen Stellen ergänze ich entsprechend zum besseren Verständnis mit [].
[a] der Großvater von Fritz starb nicht im Winter 1827, sondern am 20. März 1828.
[b] nicht im folgenden Jahr holte sein Bruder Carl den Sarg von Venedig ab: Carl reiste schon im Februar 1858, wie aus dem Brief des Vaters vom 18. Februar 1858 sowie aus dem der Schwester vom 14. März 1858 hervorgeht.
Carlsburg März 1890
Aufzeichnungen aus unserem Leben für unsere lieben Kinder
Unsere geliebten Kinder wünschen von mir einige Aufzeichnungen über ihre unvergeßliche Mutter u. meine geliebte Frau, u. unsere durch Gottes Gnade soweit gesegnete 39jährige glückliche Ehe. Ich erfülle diesen Wunsch mit Freuden um ihnen u. ihren Kindern dermaleinst in das Gedächtniß zu rufen, wie sich unser reiches Leben in Freud u. Leid gestaltet hat u. um ihnen zu bezeugen, daß Gottes Furcht aller Weisheit Anfang auch in der Ehe sein muß u. daß ein tugendsam Weib viel edler ist denn die köstlichsten Perlen (Sgr: 31,10)
Meine geliebte Frau Pauline geb. von Below ward am 19ten Juli 1825 in Mainz geboren als 3te Tochter meines verehrten Schwiegervaters des nachherigen Generallieutnants Wilhelm von Below der damals Major im 1ten Garde Regiment u. Adjutant des General Gouvernements in Mainz war, und meiner theuren Schwiegermutter Auguste geb. Zimmermann aus Darmstadt einer angesehenen dortigen Beamtenfamilie angehörend. Am 14ten August erhielt sie in der Taufe die Namen Johanna, Wilhelmine, Auguste, Pauline. Taufzeugen waren: Frau Johanna Zimmermann Gemalin des Großherz. Hess(ischen) Haupt:Staatskassen Direktors Zimmermann, Fräulein Auguste Minnigerode Tochter des Großherz. Hess. Hofgerichtspräsidenten Minnigerode, Herr Philipp v. Herot landgräfl. Hess. Präsident u. Wilhelm Kékule großh. Hess. Kirchenraths Direktor.
Aus der ersten Jugendzeit meiner lieben Frau kann ich nur weniges berichten; sie verlief im elterlichen Hause mit zwei älteren Schwestern Clementine u. Aurelie meist in Mainz wo das Haus meiner Schwiegereltern der Mittelpunkt eines sehr angenehmen geselligen Verkehrs war. Oft erzählte meine liebe Frau von den interessanten Menschen die bei ihnen aus u. eingegangen u. waren es namentlich österreichische Officiere der Bundesfestung die den Salon der Eltern belebten. Ich besinne mir die Namen Velden, Thurn, Thun[,] die später in hohen Stellungen als Feldzeugmeister, Kriegsminister etc den alten klassischen Grundsatz bewahrten[,] in das Ausland nur Ausgezeichnetes zu schicken[,] was leider von preußischer Seite wenig beachtet wurde[,] wo man die Regimenter nicht besonders aussuchte u. noch weniger einzelne Officiere herraus oder hineinnahm nach andern als dienstlichen Rücksichten. Außerdem war das preußische Gouvernement in den Händen des Prinzen Wilhelm v. Preußen des Bruders König Friedrich Wilhelm III eines durch Rechtlichkeit u. vornehmes militärisches Wesen ebenso ausgezeichneten als tapferen Herrn, wie seine Gemalin die Prinzeß – eine geb. Prinzeß von Hessen Homberg – es durch ächte Weiblichkeit u. Wohlthätigkeit u. Schönheit war. Auch von deren Hof war der Adjutant mit seiner Familie sehr wohl gelitten u. bildete sich zumal unter den Kindern ein Band der Freundschaft das sich noch in späteren Zeiten nach Berlin fortsetzte, wo Pauline Below zu Prinzeß Mariechen – der späteren Königin v. Baiern – oft geladen ward. So war auch der herzoglich Nassauische Hof in Bieberich u. Wiesbaden sehr gütig gegen die Familie u. viele angenehme Stunden verlebten die Kinder auf der schönen Terasse v. Bieberich[,] die meiner Frau noch in späterem Alter besonders lieb war u. von uns besucht ward wenn wir das schöne Rheinland betraten. Diesem Hofumgang trat dann später auch die dienstliche Verbindung mit dem Prinzen v. Preußen hinzu, der als Vorgesetzter meines Schwiegervaters, als General Gouverneur der Rheinlande auch die preußischen Truppen in Mainz unter sich hatte u. sein Nachtquartier stets mit Vorliebe bei ihm nahm. Meine Schwiegereltern waren beide sehr begabte Naturen; der Vater, mit hervorragendem Talente für Malerei u. Zeichnen sowie Musikverständiger ersten Ranges u. die Mutter eine ausgezeichnete Klavierspielerin von großer Liebenswürdigkeit Klugheit u. Schönheit; sie sah mehr einer Italienerin ähnlich u. immer noch in vorgerückten Jahren – in Berlin – in großer Toilette eine sehr schöne Erscheinung.
Daß bei solchem geselligen Verkehr u. Talenten[,] die Töchter in einer hervorragenden u. künstlerischen Atmosphäre aufwuchsen[,] läßt sich denken[,] u. mußte ihre schönen Früchte tragen[,] da nichts verabsäumt wurde[,] um auch sprachlich – im Englischen u. Französischen – die vortrefflich beanlagten jungen Mädchen auszubilden[,] was auch ein besonderes Verdienst des Vaters war[,] der ihnen selber viel Unterricht ertheilte u. ein wahrer Damenpädagoge war. Wie oft habe ich später noch gehört, wenn dies Loblied von 3 Schwestern gesungen ward; „ja wenn man den General von Below als Gouvernante bekommen könnte!“ dabei war er aber der liebevollste Vater. Alle drei Schwestern waren durch u. durch musikalisch gebildet u. ausübend wobei aber Paulinchen mit dem Klavier die Palme schon früh gebührte; vielleicht ist man darüber etwas zu weit gegangen in sofern als sie fast immer ungern vorspielte u. in ihren späteren Lebensjahren eigentlich nur auf Veranlassung das Klavier spielte; mit dem Gesang verhielt es sich ebenso. Eine große Dankbarkeit bewahrte sie gegen eine alte Mrs Crusen eine geb. Engländerin, verheirathet an einen Spanier u. dann geschieden u. als Gouvernante von früh an in das Haus gekommen. Ich besinne mir dies Original noch ganz gut ohne damals seinen Werth zu erkennen. Die 3 Schwestern hingen aber mit Liebe an ihr die bis zu ihrem Tode sich erhielt. Ihr dankten sie vornämlich die gründliche Ausbildung im Englischen was sie wie ihre Muttersprache beherrschten. So daß meine liebe Frau sich mit Clementine noch in ihrem Alter zum Theil nur englisch schrieb. Aber auch im Französischen war Pauline sehr talented zumal mit der Feder, was dem vorzüglichen Unterricht des Prof. Jean Renanx Lehrer im Kadetten Corps in Berlin zu verdanken war. Da es doch zur Kenntniß der Jugendzeit nicht unwichtig ist auch die Orte sich zu vergegenwärtigen wo die Eltern lebten[,] will ich hier einiges militärische einschalten betreffend meinen lieben Schwiegervater. 1829 erhielt er das 36te Regiment in Mainz u. 1834 das 35te ebendaselbst, ward aber schon nach 2 Jahren 1836 nach Neisse in Schlesien als Kommandeur der 12ten Landwehrbrigade versetzt, wo dann manche Verbindungen u. angenehme Bekanntschaften mit schlesischen Familien sich knüpften; so z. B. mit der Harrachschen Familie, dem Fürstbischof v. Breslau Grafen Sedelnitzki u. unsern Verwandten dem Gr. Henkel Donnersmark auf Neudeck u. seiner Frau meiner verehrten Tante der Schwester meiner Mutter. Aber schon nach 2 Jahren 1838 wurden die Herrn nach Berlin gerufen wo der General Kommandeur die 2te Garde Landwehr erhielt. Dort begann nun auch für mich – ich war ein junger Garde Dragoner Lieutnant 20 Jahre alt – die Bekanntschaft mit diesem so höchst angenehmen Hause die so folgenreich für mich werden sollte. Ich kann wohl sagen, daß der Umgang mit dieser lieben Familie, mit den vortrefflichen Eltern u. den liebenswürdig begabten Töchtern, für mich eine Quelle großer Freude u. angenehmsten Verkehres ward u. daß ich vor manchem schlechten Umgang u. fadem Kasernenleben dadurch bewahrt blieb. Alle Abende von 8 Uhr war Empfang, wo nicht nur die Hausfreunde bei der Tasse Thee gern gesehen waren, wie der Präsident des Kammergerichts [Ludwig Ferdinand Adolf] von Kleist der Rittmeister der Garde d. Corps Frhr v. Canitz der Generallieutnant von Brauchitsch u. Prinzeß Fanny Biron, sondern auch zahlreiche Diplomaten u. Soldaten sich einfanden zumal auch später die Gräfin Rossi – die früher so berühmte Henriette Sontag – Gemalin des sardinischen Gesandten[,] die ein besonderes Wohlgefallen an Paulinchens herrlichem Spiel hatte u. dann auch die Ausbildung ihrer schönen Mezzosopran Stimme sich zur Aufgabe stellte[,] so daß beide Damen nicht nur im Salon sondern später auch in diplomatischen Kreisen u. auch an(deren) zusammen sangen u. musicirten. Denn die Gräfin Rossi ließ sich von Niemanden lieber begleiten wie von Paulinchen. Außerdem waren aber auch meine lieben Eltern u. meine theure Großmutter Gräfin Bohlen, die wohl seit 1835 die Winter in Berlin zubrachten sowohl mit „den Töchter Belows“ wie mit vortrefflichen „Kadetten Belows“ dem ältern Bruder meines Schwiegervaters[,] der Kommandeur der Kadettenanstalten war, in freundschaftlichsten Umgang. So verzweigen unsere Jugendjahre in angenehmster Weise u. Paulinchen entwickelte sich immer mehr zur reich begabten Jungfrau fest gegründet auf Gottes Wort durch den alten Pastor Lisc von dem sie auch eingesegnet ward.
Die Liebe der Schwestern untereinander, zu ihren verehrten Eltern nebst Onkel u. Tante war das feste Band was für alle Zukunft in ernsten u. guten Tagen sich bewährte. Letztere erfolgten nun zunächst mit der Verlobung von Clementine der ältesten der Schwestern mit dem Baron Carl Reinhold Krassow unserm lieben Landsmann u. Verwandten damals Landrat in Franzburg wobei meine liebe Mutter die Hände etwas im Spiel gehabt hat, – das eine gefeierte Schönheit u. vortreffliche Tänzerin der Gesellschaft so entführt ward erregte vielseitiges Bedauern. Aurelie die 2te Schwester die reich begabte poetische Natur – sie schrieb u. dichtete allerliebst u. ward besonders gefeiert von den Diplomaten, da sie außer französisch u. englisch wie ihre Muttersprache, auch italienisch u. spanisch sprach, verlobte sich später[,] als der General 1843 als Inspekteur der Besatzungen der Bundesfestung nach Mainz zurückgekehrt war[,] mit einem riesengroßen breitschultrigen olivenfarbenen Magiaren – dem Rittmeister v. Forster im öster. Kürass. Regt König v. Baiern[,] glaub ich[,] der kaum deutsch sprach; es waren rechte Gegensätze: sie etherisch, zart, klein talentvoll bis in d. äußersten Fingerspitzen – er: massiv, riesig, einsilbig, von großer Ruhe u. nur für den Dienst interessirt; natürlich auch religiös verschieden: er katholisch sie treue lebendige Protestantin. Wie wunderbar führt Gottes Gnade seine Menschenkinder! Das beweist auch dieses Paar. Die unruhige Zeit der 48(er) Jahre mit Revolution u. Krieg, führten Forsters in ein Lagerleben hinein wo sie bald in Ungarn bald in Böhmen herumzogen, die Frau immer mit u. bald auch Kinder. Sie war der angebetete Mittelpunkt für die Officiere der Schwadron u. des Regiments u. das Nomadenleben, wo sie alle ihre Habseligkeiten mit sich führten, machte ihr viel mehr Freude als Sorge erst spät in den 50[er] Jahren wurde sie seßhaft in Böhmen; er an der Spitze eines ungarisch. Husaren Regiments, sie mit 2 Knaben u. 1 Mädelchen das ihr am Scharlach starb u. die Mutter nach sich in das Grab zog. Der Mann starb dann nach d. öster.-preuß. Kriege in Ungarn an einem Kopfleiden – Bela Forster – der Älteste u den Kindern wohl bekannt ist Husaren Major; der 2te Frietz – starb nur wenig Jahre an d. Auszehrung.
So blieb Paulinchen, 7 Jahr jünger als Clementine nun der Trost der Eltern während ihres bis zum Jahre 1847 dauernden Aufenthalts in Mainz. Die militärischen Verhältnisse erforderten öftere Inspektionen des Generals u. da begleitete das Töchterlein ihn oftmals[,] so daß Paulinchen auch Luxemburg genau kennen lernte überhaupt ihr liebes Rheinland vielfach durch bereiste.
Im Jahr 1847 erkrankte aber der Vater an einem schweren Typhus so daß er seinen Abschied nahm u. sie sich in Dresden niederließen. –
In diesen Jahren von 1846-48 war ich mit dem Prinzen Friedrich Carl in Bonn u. verlor meine lieben Belows u. mit ihnen Paulinchen leider aus dem Gesicht doch habe ich es Gott sei Dank später nachgeholt. Nur eines Besuchs erinnere ich mich noch in Mainz wo ich Aurelie als Mutter wiedersah u. ihren riesigen Mann kennen lernte; sie kam mir noch etherischer vor. Mein Paulinchen machte mir damals nicht den Eindruck wie einige Jahre später.
Wenn ich nun von meinem eigenen Leben etwas sagen soll, so mag es hier die passende Stelle sein bevor ich mich verlobte.
Meine Jugendjahre verlebte ich bis zum 14ten Jahr im Hause meiner Eltern mit meiner lieben Schwester Caroline[,] die ein Jahr jünger am 23ten Juni 1819 geboren ward[,] während ich am 25ten Juni dem Tage der Übergabe der Augsburgischen Confession das Licht der Welt erblickte. Beide in Carlsburg oben im Flügel neben dem kleinen Kabinett[,] wie denn überhaupt die Zimmer dort oben Wohnung der Eltern waren[,] während wir Kinder neben an[,] wo die gute Louise später wohnte, unser Reich hatten[,] das durch ein Zimmer nach Norden jetzt mit zu meinem Schlafzimmer gehörend, vergrößert war. Meine liebe Großmutter pflegte in Wochen unsere geliebte Mutter wie sie das dann auch ferner. Der Vater stand als Major u. Bataillons Commandeur des 34ten Regts in Stralsund; das Regiment ward nach der Besitzergreifung von Neu-Vor-Pommern Seitens Preußens aus dem Schwedischen Leib Regiment Königin gebildet.
Hier verging unsere Jugend: od. viel mehr die Kinderjahre unter treuster Obhut der lieben Eltern; des Sommers waren wir in Carlsburg, den Winter in Stralsund[,] wo die Großeltern Bohlen u. die Eltermutter Normann[,] geb. Waitz v. Eschen[,] in 1ter Ehe verheirathet mit einem Schl. v. Walsleben – die Großmutter war eine geb. von Walsleben – eigene Häuser besaßen u. regelmäßig die Winter zubrachten. Oft waren wir auch in Niederhof dem so hübsch gelegenen Besitz der lieben Eltermutter zu den Festzeiten u. Sonntags 1 ½ M.(eilen) von Stralsund. – Meinen ersten Unterricht erhielt ich vom Garnisonsprediger Gräff einem vortrefflichen Mann der eine kleine Zahl Officierssöhne, die Rohwedells u. 3 Schmidts unterrichtete von denen der Älteste Carl der nachmalige berühmte Kavallerie General aus d. Campagne 1870 geworden. Mit der Gräffschen Familie sind wir unsere Lebenszeit in freundschaftlicher Beziehung geblieben u. Fräulein „Vita“ ward die vortreffliche Gouvernante unserer Töchter. – Meine Freude an der See u. was mit ihr zusammen hängt, stammt aus den ersten Jugendeindrücken[,] die ich von d. Ballastkisten u. den zahlreichen Seeschiffen hatte[,] die kamen u. gingen[,] empfing, denn damals hatte Stralsund noch einen ansehnlichen Handel.
Da mein lieber Großvater Graf Friedrich Bohlen im Winter 1827[a] in Stralsund gestorben war u. meiner lieben Mutter die Güter Carlsburg Gr. Jasedow u. Steinfurt zufielen[,] so nahm der Vater 1828 den Abschied[,] um sich ganz der Landwirtschaft zu widmen[,] was er mit dem größten Eifer u. gutem Erfolg that[.] Sein preußischer Sinn, sowie Ordnung u. Rechtlichkeit kamen ihm zu Hülfe u. der ganze Segen war mit ihm.
Ich erhielt einen Hauslehrer einen getauften Juden der aber wenig geeignet war für seine Aufgabe; auch trifft mich der Vorwurf nicht fleißig genug gewesen zu sein[,] wenigstens lernte ich sehr wenig bei ihm[,] trieb mich aber möglichst viel in Feld u. Fluhr umher. Meine liebe Schwester hatte in der Zeit mehrere Gouvernanten[,] die nicht viel besser waren als mein Mentor[,] bis auf die 3te letzte[,] ein Frl. Reicke[,] auch eine getaufte Jüdin[,] wenn ich nicht irre[,] die mehr ihrem Beruf entsprach. – Im Jahr 1832 kam ich, ein sehr langer dünner Junge, in das Kadettencorps nach Berlin in d. 3te Klasse, 14 Jahr alt. Vorher schenkte der liebe Gott den Eltern noch Zwillings Büblein, über die wir uns sehr freuten, nachdem schon zahlreiche Geschwister gestorben waren; der eine Zwilling starb auch sehr bald aber der andere – mein Bruder Carl – blieb zur großen Freude der lieben Eltern u. des ganzen Hauses erhalten. 2 Knäblein u. 3 Mägdelein, unsere Geschwister lagen schon in der Erde; die Grabstätte befindet sich in Stralsund auf d. Knieper Kirchhof wo ich die Stelle gekauft u. ihre Unterhaltung gesichert habe. – (Die Namen der Geschwister in ihrer Folge sind: Antonie – Theodor – Theodor – Clara – Luise u. das namenlose Zwillingsbrüderchen).
Im Kadetten Corps, bei der 1ten Compagnie des bravem Hauptmann Richter ging es mir recht gut; hier lernte ich erst zu lernen u. dann machten mir Voltigiren Fechten u. Schwimmen viel Freude u. entwickelten meinen Körper. Ich ward Unterofficier bestand mein Officiers Examen u. ward am 12. August 1835 als 5ter überzähliger Secondelieutnant im Garde Dragoner Regiment angestellt dessen Kommandeur der Oberst von Barner ein berühmter Kavallerist u. tüchtiger Feldsoldat war; damals gab es nur ein Garde Drag. Regt. Die Kleidung: Kollett, Czabot mit langem Haarstutz u. lange unaussprechliche alles sehr eng war nicht grade für eine so lange Figur günstig. Besonderen Anhalt hatte ich an meinem lieben Onkel Bernhard Bismarck jetzigen Geh. Regierungsrat u. Landrat a. D. mit Külz der sich meiner verwandtschaftlichst annahm: mit 15 Offic. in d. Kasernen wohnend betrieb ich den Dienst mit Ernst u. Freude, meine Pferde waren mein Sinnen Tag u. Nacht u. so kam es das ich auch einmalig mich zum guten Reiter herranbildete auch Rennen u. Jagden ritt. Auch stürzte ich mich in die Hofgesellschaften u. fand in manchen Privathäusern freundliche Aufnahme, dank dem ausgebreiteten Bekanntenkreis meiner Eltern u. zumal des lieben Belowschen Hauses, wo man immerzu hinausging als man hin kann. Oft wurden diese geselligen Freuden aber auch mit Seufzen geleistet[,] denn da ich in d. Kaserne am Hallischen Thor wohnte[,] so hatte ich weite Wege zu machen[,] die fast immer[,] wenigstens zumeist[,] zu Fuß zurückgelegt wurden u. von der Ringstr an ohne Trottoir u. jenes 5 Jahr lang. Das Kasernenleben hatte sonst auch viel anziehendes „es ging sehr kameradschaftlich zu öfter wurde auch etwas gespielt; da ich aber glücklicherweise fast immer Unglück hatte so dämpfte der Ärger die Passion u. ich lernte es erfahren, daß das Spiel der Ruin mancher Kameradschaft ist so daß ich später kein Hazardspiel mehr mitmachte.
Am 7ten Juni 1840 starb der König Friedrich Wilhelm der III u. nun begann eine neue Zeit auch für uns Soldaten. Neue Bekleidung: Waffenrock u. Hosen neues Reglement, neuer Felddienst u. ein(e) Hauptfreude wurden die Parforcejagden im Herbst auf Sauen theils aus dem Garten oft aber auch aus dem Freien. Der Prinz Carl der hohe Protektor hatte die Gnade mich zumeist als sein Gast mitzubringen, nachdem ich in einer Regiments Steeplechase als Sieger eingekommen als Belohnung für einen Breitsprung. Im Jahre 1841 machte ich mit meinem lieben Freund Barner[,] ältesten Sohn unseres früheren Commandeurs[,] mit dem ich zusammen wohnte an d. Friedr. u. Kochstr. Ecke[,] eine sehr schöne Reise nach dem Rhein der Schweiz u. Italien bis Sicilien die mir für mein junges Leben eine freudige Erinnerung blieb. Mein geliebter Vater rüstete mich mit gutem Rath u. Geld gütigst aus; Ersterer schloß mit der Forderung],] nicht unterwegs zu spielen[,] was versprochen u. tunlich gehalten ward[,] obgleich wir uns die damalige Spielhölle in Baden Baden ansahen, bekam ich doch solch Widerwillen gegen das[,] was ich dort sah an Spielern u. schlechter Gesellschaft[,] daß mir das eine Lection für mein Leben geworden ist. Im Jahr 1842 im Winter ward ich als Begleiter der Prinzen Adalbert u. Waldemar v. Preußen nach Italien mitgenommen u. später vom ersteren mit dem Major Grafen Oriolla v. Generalstab als Begleiter auf die herrliche Reise nach Brasilien mitgegeben, über die mein damaliges Tagebuch in d. hiesigen Bibliothek berichtet.

aus: Reise Seiner Königlichen Hoheit Prinzen Adalbert von Preußen nach Brasilien. Nach dem Tagebuche Seiner Königlichen Hoheit mit Höchster Genehmigung bearbeitet und herausgegeben von H. Kletke. Berlin Hasselberg’sche Verlagshandlung, 1857
In Genua schifften wir uns am 23ten Juni auf d. sardinischen 60 Kanonen Fregatte St. Michele ein unmittelbar von einem großen Hofball im Palazzo Reste durch einen unterirdischen Gang in den Hafen gelangend. Wir steuerten nach Spanien, landeten in Malaga, besuchten die Alhambra, sahen Cadix u. Sevilla, schifften uns wieder in Cadix ein, u. landeten in dem paradiesischen Madeira, wo wir zwei Tage blieben. Von dort ging es nach Teneriffa dessen Pic bestiegen ward, u. landeten Anfang August in Rio de Janeiro. Fünf Monate dauerte unser Aufenthalt in dem interessanten Lande, in das wir Ausflüge nach der Parahiba u. nach dem Amazonen Fluß machten u. dessen gewaltigen Nebenstrom den Xingu bis zu den wilden Indianern verfolgten. Ein herrliches Jagdabenteuer, die Erlegung einer Boa constrictor ward Oriolla u. mir zu Teil deren Haut sich hier im brasilianischen Kabinet befindet. Wir hatten sie dem Prinzen verehrt, dessen Gemalin sie mir nach seinem Tode vermachte. Weihnachten feierten wir auf unserm Boot im Xingu. Die Anstrengungen waren manchmal sehr groß, zumal als wir den Urwald zu Fuß durchzogen[,] um zu den Indianern zu gelangen[,] u. ganz besonders war es ein Ritt von der Parahiba nach Rio[,] wo wir einige 60 deutsche Meilen in 3 ½ Tag zurücklegen mußten, weil der Prinz am Geburtstag des Kaisers Don Pedro II nicht fehlen durfte. Hätte ein betrügerischer Wirth an der Barre des Stroms uns den Abgang des Dampfers nicht verheimlicht, so hätten wir Rio ohne alle Mühe erreicht; er, ein alter Sklavenhändler wollte aber seine Pferde uns theuer vermiethen was ihm auch gelang. In Pernambucco erreichten wir wiederum unsere St. Michele die uns nach Lissabon brachte, von wo wir dann im März mit einem kleinen englischen Paketsteamer England erreichten wo der Prinz Adalbert an Hof der Königin gehen wollte, um sich zu bedanken für ihre Gnade, da uns ein englisches Königsdampfschiff längs d. brasilianischen Küste bis Para mitgenommen hatte. Ende März erreichten wir wieder Berlin zu meiner größten Freude empfangen von meinen geliebten Eltern u! als große Reisende überall bewundert u. beneidet. – Ich kam mit dem Orden des „Rosenkreuzes“ geschmückt zurück, mit der Devise: „Amor e fidelided“ was mir viel Spaß machte; Später kamen sie dutzendweise, aber keiner hat mir mehr Freude gemacht.
Nun begann eine Zeit der Unsicherheit u. des Hin und Herschwankens über meine Zukunft für mich; der Friedensdienst zu dem wir bestimmt schienen entsprach meinem künftigen Beruf als Gutsbesitzer wenig u. da ward wohl an den Landrat gedacht vielleicht in Stendal u. Übernahme v. Ünglingen. Dazu mußte aber Vorbereitung erfolgen u. so ward ein Jahr Urlaub zum Studiren von S. Majestät erbeten der auch bewilligt u. dann ein 2tes nachfolgte. Ich hörte sehr interessante Vorlesungen von Ranke Stakl u. Ritter entsagte aber thörichter Weise den geselligen Zerstreuungen nicht so daß mein Lernen wie mein Wissen Stückwerk blieb. Dennoch war diese Studienzeit wohl mit Veranlassung, daß ich[,] als der Prinz Friedrich Carl – Sohn des Prinzen Carl[,] Bruder des Königs Fried[rich] W[ilhelm] IV[,] auf dessen besondern Wunsch, die Universität Bonn zu Ostern 1846 bezog[,] ich ihm als Begleiter kommandirt ward[,] wärend Major [Albrecht] von Roon vom Generalstab – der spätere berühmte Kriegsminister – sein Gouverneur ward.
Zwei Jahre blieben wir dort; eine Zeit ernster Arbeit u. mancher Schwierigkeiten die aus dem eigenartigen Charakter des Prinzen u. seiner ganz ausgeprägten militärischen Richtung entsprang. Für mich war es eine Zeit ernster Läuterung u. innerer Einkehr, die mich durch Gottes Gnade zu einem neuen Menschen machte; ich lernte verstehn, was der Herr mit dem „Neugeborensein“ uns hat sagen wollen. In der Familie meines lieben Roon, eines aufrichtig frommen Mannes, u. seiner vortrefflichen Frau, fand ich den mir so nöthigen christlichen Anhalt so daß ich nach langer langer Zeit wiederum zum heiligen Abendmahl Ostern 1845 treten durfte. Ich fand aber auch in diesem recht christlichen Hause Beispiel u. Stärkung zu allem Guten; denn es gehörte große Geduld u. Sanftmuth u. Festigkeit dazu, der Gouverneur eines solchen Prinzen zu sein, der sich dessen Einfluß verschloß u. nur dienstlich mit ihm umging. – Besonders machte sich das auch bei den Reisen geltend die wärend der Ferien unternommen wurden; sie hätten so schön sein können, da sie mit großer Umsicht von unserm berühmten Geographen Roon ausgewählt u. höchsten Orts gut geheißen waren; aber die Eigenart des Prinzen vergälte oft die Freude, zumal meinem verehrten Roon – gegen mich war er freundlich gnädig. –
Da es aber nicht ohne Interesse ist vom Prinzen Friedrich Carl aus seiner Jünglingszeit etwas zu erfahren, der später als Feldherr so glorreiche Thaten vollbracht, die die preußische Armee u. ganz Deutschland ihm verdankt, denn ohne sein heldenmäßiges eisernes Festhalten bei Mars la tour, wo er mit seinem geliebten märkischen Armee Corps von 3000 Mann verlor[,] das tapfere Corps ziemlich die Hälfte an Todten u. Verwundeten den aus Metz abziehenden französischen Armee unter Marschall Bazain aufhielt, wäre es zu keinem St. Privat u. Sèdan gekommen. Seine ausschließlich militärische Richtung bekundete sich in allem besonders aber auch auf den Reisen. In Strassburg, natürlich im strengsten Incognito was er strict inne gehalten haben wollte, waren die französischen Soldaten, die Kasernen das poligone, sein ausschließliches Interesse. Auf letzterem ereignete sich folgender Vorfall. Dort schoß eine Batterie unter Capitain Pajol, wir stellten uns vor Roon preuß. Major, ich als Oberlieutnant, der Prz. als Unterlieutnant; beim Hin- und Herfragen entstand eine Meinungsverschiedenheit u. der Capitain legte seinen Ellenbogen auf des Prinzen Schulter der stramm gegenhielt; voy é jenne ami! etc. u. demonstrirte ihm nun weiter seine Ansicht. – In Mailand interessirten ihn die Österreicher nicht weniger; Kasernen wurden angesehn, Truppen aufgesucht, u. als mir an table d’hote erfuhren daß Sardinien Husaren am folgenden Tage auf dem Champ de Mars exerzieren sollte u. ein alter Engländer uns mitzunehmen versprach war die Freude groß. Zu rechter Zeit standen wir bereit u. nun vertheilte der alte Herr die Plätze; er u. seine Lady im Fond, Roon u. ich auf dem Rücksitz and the young man in the trombel. Ohne Murren kletterte d. Prinz hinten auf den Bock, u. nun ging es hienaus; wir unterhielten uns herrlich u. wenn wir nicht noch rechtzeitig unter den Wagen gekrochen, so hätten Sardinien Husaren uns übergeritten; in selber Ordnung fuhren wir wieder zurück verabschiedeten uns dankend u. erhielten von dem alten Obersten die Zusage daß er uns im Herbst besuchen wollte in Bonn. Das geschah auch. Aber welch Erstaunen als der Prinz ihn mit seinen beiden schönen Trakehnern abholen ließ u. er nun den jungen Bockinhaber in dem Prinzen erkannte! O dear, dear what a shame!
Unsere Ferienreisen bei denen der Prinz gewöhnlich einen od. mehrere seiner Jugendfreunde mitnahm gingen in das südliche Deutschland, nach der Schweiz, Ober Italien, Venedig, Genua das Lithoral, nach Frankreich u. Belgien, abgesehn von dem schönen Rheinlande, das wir auch in seinen Umgebungen kennen lernten. Die Studien wurden übrigens vom Prinzen immer ernster erfaßt u. dort legte er den Grund zu einer Gewandtheit des schriftlichen Ausdrucks, die er später in hohem Maaße besaß. Auch am studentischen Leben fand er almälig mehr Gefallen u. wir mußten schließlich nur dankbar sein, daß er sich demselben nicht ganz ergab, da er alles leidenschaftlich erfaßte; so auch die Jagd die er in Bonn erst kennen lernte u. ahndte man nicht den gewaltigen Nimrod in ihm, der er später geworden. Der Umgang mit recht hervorragenden Fürstlichkeiten die gleichzeitig die Universität besuchten, hätte wohl fördernd auf sein abgeschlossenes Wesen wirken können; doch konnte er sich nicht so recht mit ihnen vertragen. Der Prinz Albrecht von Sachsen, der jetzige König, war bei weitem der Bedeutendste; aber auch d. Prinz Friedrich v. Baden – der jetzige Großherzog – u. der Erbprinz v. Meiningen, konnten durch Fleiß u. bedeutende künstlerische Veranlagung, gut auf ihn wirken, wenn er es gewollt hätte; aber er wollte nicht; wissenschaftlich waren sie ihm überlegen nur im militärischen Dingen war er ihr Meister, bis auf den Prinzen Albert der auch darin hervorragende Begabung u. Interesse zeigte. Für mich war dieser Umgang u. zumal mit den Umgebungen der Herrn, sehr angenehm, wie denn überhaupt sich ein hübscher gefälliger Kreis in der Stadt selber sich uns erschlossen hatte dessen Glanzpunkt das Haus des Herrn von Bethman Holweg des Curators der Universität war, mit seiner geistreichen Frau u. liebenswürdigen Töchtern. Prof. Clemenz Porthy u. seine Collegen: Bluhm, Walter u. besonders der prächtige Ernst Moritz Arndt, der berühmte Patriot u. Liederdichter aus den Freiheitskriegen, wurde oft auch vom Prinzen besucht der eine besondere Zuneigung zu ihm faßte; wir waren auch fast Nachbarn am Rhein. Der Prinz wohnte in der schönen Vina domine u. Arndt hatte einige Grundstücke davon seine Villa. Auch auf dem Lande gab es angenehme Verbindungen bei den Gr. Lippe-Obercassel, Frhr v. Fürstenberg-Mittendorf – Gr. Metternich-Gracht – Landrat v- Hymen – Endenich[,] die der Prinz lieber aufsuchte wie die Städter.
Ein Ereigniß das noch oft besprochen, muß ich hier noch erwähnen, weil es mir die Rettungsmedaille einbrachte. Wir saßen beim Kafe auf der schönen Terasse des Hotel Royal des M. Ermekeil am Rhein, als wir am Fluß Hilferufe hörten; sofort eilten wir der Prinz[,] mehrere seiner Freunde u. ich zum Rhein[,] u. da man eine Mütze im Strom dicht an der Badeanstalt schwimmen sah[,] so war es klar[,] daß dort jemand ins Wasser gefallen war[,] dessen starker Strom ihn schon fortgerissen hatte, die andern liefen die Treppe hinunter[,] ich sprang aber die Terasse herab u. gewann dadurch Vorsprung u. als firmer Schwimmer war ich bald bei dem verunglückten Knaben[,] der mich nun fest umklammerte; dreimal berührte ich mit ihm den Grund[,] konnte mich aber immer wieder herrauf schnellen[,] um Luft zu schöpfen u. ihm auch etwas zu geben, denn, dann gingen ihm die Kräfte aus u. ich konnte ihn an ein Boot heranbringen[,] das ihn herauszog[,] wo er auch bald wieder zur Besinnung kam. Er war der 14jährige Sohn eines Hauptdemokraten. Am folgenden Tage brachte ein Gesangsverein ein Ständchen. Der Prinz war mir der Nächste die andern hinterher. Das Bad bekam mir ganz gut: weniger gut eine starke Erkältung zu Weihnachten[,] wo ich v. Cöln aus im Postwagen nach Berlin umwarf u. nun mit naßen Füßen weiter fahren mußte[,] was meiner Gesundheit für lange Zeit schwer schädigte u. ich in Bonn nicht wieder völlig gesund ward. Im Winter 1848 bekam ich eine Art Thyphus an dem ich bis in die Märztage traurigen Angedenkens litt. Es ward mir sehr schwer zurückzubleiben als der Prinz auf Befehl des Königs um die Mitte des Monats mit Roon nach Berlin abreiste. Ich blieb als Schutz der armen Frau v. Roon mit ihrer Kinderschaar zurück u. war insofern doch etwas nütze. Wenn wir auch von den selbst in Bonn hochgehenden Fluthen der Revolution nicht unmittelbar zu leiden hatten, so war doch alles was wir sahen u. hörten herzzerreißend für ein preußisches Herz. Unser ehrwürdiger Adler durfte sich nirgends sehen lassen; alle Schiffe fuhren unter schwarz roth goldener Flagge einher u. niemand ging anders als mit der deutschen Cocarde auf die Straße. Es war zu toll. Sowie ich reisefertig war, anfangs April machte ich mich auch auf u. fuhr nach Berlin. Unterwegs immer der ganze Zug von Cöln ab mit Polen u. Franzosen überfüllt[,] der revolutionäre Nachschub[,] der des Nachts durch lärmte u. sang. Ich war noch zu matt um Dienst zu thun u. ward nach Carlsburg beurlaubt[,] wo ich den geliebten Vater außer sich fand über das[,] was er in Berlin erlebt hatte. Von dem ab hörte der Winteraufenthalt für immer auf, u. ich kehrte nach einiger Erholung zum Regiment zurück das ich in Treuenbrietzen traf u. als Pr. Lieut. für 2te Schwadron v. Rittmeister Grafen Blumenthal versetzt ward. – Es war eine schwere u. traurige Zeit für jedes preußische Herz u. zumal für den Soldaten. Nur in der Kameradschaft u. in treuer Pflichterfüllung fand man Trost u. Halt; unsere Leute, obgleich meist Berliner blieben Gott sei Dank gut. Graf Blumenthal hatte aber auch die rechte Art sie zu behandeln; gut aber streng ließ er kein Haar breit nach in der Disciplin, gestattete aber erlaubte Freuden.
Wir kamen im August nach Potsdam in d. Garde Husaren Kaserne, da dieses Regiment das erste war welches wieder in die rebellische Hauptstadt nach Moabit gezogen ward. Dann kamen wir in … südlich u. östlich Berlins[,] bis wir endlich in den ersten Tagen des November mit sämtlichen Truppen unter dem General v. Wrangel wieder in Berlin einrückten[,] ich an der Spitze der 3ten Eskadron[,] deren Rittmeister ich im Febr. 1849 ward. Meine Wohnung war Lindenstr. 5 beim Kaufmann Tixtus einem wohlgesinnten Mann ein Stübchen u. eine Kammer; die Pferde aber im Hause. Gegenüber wohnte unser Oberst v. Schleemüller ein sehr strenger aber vorzüglicher Kommandeur, dem ich unendlich viel verdanke.
So verging das Jahr 1849 in angestrengtem Dienst bei öfteren Ausrücken gegen Straßentumulte, was aber nicht zum Einschreiten für mich kam. Ich lebte völlig in der Kameradschaft bis auf die Zeit wo die lieben Belows im Spätherbst nach Berlin kamen, wo ich dann die alten lieben Beziehungen wieder aufnahm u. nachdem ich die Einwilligung meiner theuren Eltern vorher eingeholt u. zu meiner innern Beruhigung noch 3 Pferde vorher geritten hatte, verlobte ich mich am 20ten Dec. nachmittags am Klavier mit meiner geliebten Pauline u. so waren wir die glücklichsten Menschen auf Erden. Nachdem wir den Segen von Paulinchens lieben Eltern empfangen gingen …
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… lieb war, bezog sich namentlich auf die ganz nahe Jacobikirche mit ihrem vortrefflichen Geistlichen dem Superintendenten Bachmann den wir sonntäglich zu unserer großen Erbauung hörten u. der alle unsere Kinder bis auf Hans getauft hat; außerdem war ich auch seit 1849 im Kirchenvorstand der Gemeinde. Jetzt hielten wir uns hauptsächlich zur Brüdergemeinde die ihren Betsaal in der Wilhelmstr. in unserer Nähe hatte u. wo ein tüchtiger Geistlicher Prediger Wünsche uns sehr erbaute.
Die geselligen Beziehungen zur größeren Welt suchten wir mehr u. mehr zu beschneiden u. blieben hauptsächlich in der Familie. Kadetten Below – der General hatte seinen Abschied genommen – meine liebe Großmutter[,] die ihr liebes Berlin im Winter dh. vielmehr 2/3 des Jahres nicht verließ, wärend sie das Sommer=Drittel meist in Niederhof war, u. meine lieben Schwiegereltern[,] die[,] wenn irgend möglich[,] einen Theil des Winters hier zubrachten, waren unser Hauptumgang, dazu kamen dann noch einige Künstlerbekanntschaften, so, der sehr angenehme Maler Max Schmidt der Paulinchen Unterricht im Aquarell u. Oel Mahlen gab, mit seiner netten Frau dicht bei uns wohnend, der Dichter Scheerenberg dem ich Zutritt an Hof u. eine Unterstützung verschaffen konnte wodurch er geradezu aus der Noth um das Tägliche gerissen ward u. ein Paar Gebrüder Gans königl. Conzertmeister mit denen Paulinchen früher bei den Eltern oft gespielt, sahen wir zuweilen, trotz unserer engen Wohnung die wir dann auch Ende des Jahres verließen um ideale Wohnung im Corneliusschen Hause – eins der sogenannten Radzinskischen Häuser am Krollschen Platz jetzt Königs Platz – zu beziehn; es war wirklich eine prächtige Wohnung, ganz im Grünen, dicht am Brandenburger Thor schöne fast zu hohe Zimmer, Sonne den Tag von allen Seiten u. doch nicht zu heiß weil die Zimmer 20 (Fuß) hoch waren, dafür aber auch kalt im Winter was die Holzkasse sehr eng fand u. dann ganz allein im Hause aber auch hohe Miethe. Da ich aber eine schöne Zulage als Flügeladjutant hatte auch Major geworden so befand ich mich doch in ungewohnt günstigen Umständen nachdem wir Anfangs uns recht einrichten mußten, was aber meine geliebte Frau auch sehr gut verstand. – Hier ward uns auch unser liebes Mariechen am 29ten Nov. 1855 geboren. Das war ja auch die große Annehmlichkeit der Wohnung, daß die Kinder sofort im Grünen waren theils in unserm Gärtchen theils im Thiergarten. Hier muß ich aber eines Vorfalls erwähnen der durch Gottes Gnade mit einem Schreiben sich löste, der aber uns unauslöschlichen Gedächtnis blieb. – Unser lieber Lockenkopf Theodor sollte nicht mit ausgehn, wärend die andern Kinder mit unserm vortrefflichen Kindermädchen Auguste ausgeschickt waren, als der kleine sie unten gehen sah, stieg er in das offene Fenster u. an einer Schnur sich haltend, an der die Wetterrouleaux auf u. nieder gingen, rief er stehend herunter Agatie! Agatie! Glücklicher Weise hörte die in der Nebenstube beschäftigte Schweizer Bonne Margot das Rufen u. ergriff nun den sich herrausbiegenden Jungen im Fenster. Noch blaß vor Schrecken erzählte sie dann alles u. wir dankten dem Herrn vor gnädiger Vorahnung u. Erhaltung unserer theuren Kinder. –
Überhaupt trat der Ernst des Lebens doch immer mehr an uns heran.
Zumal machte die Krankheit meiner geliebten Mutter uns viele Sorge; dann starb im September 1857 meine theure Großmutter in Niederhof der wir so unendlich viele Güte zu verdanken hatten, u. endlich waren die dienstlichen Beziehungen doch mit der großen Sorge um den lieben König erfüllt, dessen Kopfkrankheit sich immer mehr entwickelte. Zum Oberstlieutnant befördert, mußte ich voraussichtlich auch bald in eine andere Stellung kommen u. endlich verloren wir zu meinem unaussprechlichen Schmerz meine geliebte Mutter am 14ten Januar 1858 in Venedig. Dorthin war der liebe Vater mit ihr im Herbst vorher gegangen um in milderen Lüften den Winter zu verleben was sich aber keineswegs erfüllte denn es war sehr kalt dort u. trotz größter Sorgfalt des lieben Vaters u. der treuen Luise Gessler u. des Diener Holtz – gelang es nicht bei den jämmerlichen Heizvorrichtungen sie gegen wiederholte Erkältungen zu schützen. Ich reiste gleich nach Venedig um meinem lieben Vater beizustehn u. kehrte nach der provisorischen Beisetzung auf einem Kirchhof mit ihm zurück. Auf der Rückreise entschloß der liebe Vater sich zu Bau einer Grabkapelle in Steinfurt da das Bohlensche Begräbnis unter der Zarnekower Kirche voll war. Im folgenden Jahr holte mein Bruder Carl [b] den Sarg von Venedig ab u. fand die Beisetzung in der schönen Kapelle im Juli 1859 statt. – die Marmor Platte i. d. Kapelle lag in Venedig auf ihrem Grabe.
Unser Leben in Berlin gestaltete sich sonst sehr angenehm u. d. schönen Räume forderten zumal zur Musik auf, die dann auch viel getrieben ward. Die geliebte Großmutter hatte an Paulinchen als Hochzeitsgeschenk einen prächtigen Pleylschen Flügel geschenkt damals eine sehr berühmte Fabrik in Paris u. mir schenkte sie einen allerliebsten Broughem – kleinen 2 Sitz][,] der uns von größtem Nutzen u. Freude war; zuerst ging ein Einspänner[,] der aber schwermüthig ward u. dann hatten wir 2 höchst elegante Neustädter braune Hengste u. zuletzt vermachte die geliebte Großmutter mir noch ihre beiden vortrefflichen Stuten[,] die uns noch lange dienten bis zum Jahr 1870[,] wo dann der brave Schade[,] mein Kutscher[,] ihnen nach seinen Worten „die letzte Ehre erwieß“ [,] in dem er ein Beefsteak von ihnen aß[,] was auch wir mit den Kindern testeten u. ich vortrefflich fand. Doch nun zur Musik zurück. Paulinchen sang u. spielte viel[,] auch mehrere mal in Charlottenburg[,] auch in Sanssouci[,] wo der liebe König sich immer daran erfreute besonders an dem berühmte lascia von Händel, auch sang sie öffentlich in einem Wohlthätigkeitsconcert für die oberschlesischen Theschhus Waisen in dem Concertsaal des Schauspielhauses aber freilich in großer Angst. Ich that im Chor u. in einem Quartett auch mein Möglichstes u. ein Officier Orchester unter Leitung des Obersten v. Dresky gab dem Ganzen den Halt. Er soll den Abend bei d. Aufführung den Spruch gemacht haben, einem Fagot[,] das immer unrein einsetzte[,] mittelst eines Korkes das Handwerk zu legen; glücklicherweise hielt der Pfropfen. Sina è vero e ben trovato! –
Im Juli 1858 bekam ich das Garde Husaren Regiment in Potsdam u. damit begann ein ganz neues Leben für uns; wir bezogen ein Haus in der Holtmarktstr. 1 mit kleinem Garten, allein, in der Nähe d. Kaserne was freilich mit seinen kleinen eingewohnten Zimmern sehr abstach gegen die schönen Räume in Berlin es that unserm glücklichen Zusammenleben keinen Abbruch. Die Kinder wuchsen heran; wir mußten Hauslehrer u. Gouvernanten nehmen, der Umgang mit der Familie Witzleben – sie eine geb. v. Tarrach eine Freundin meiner Frau, u. der Mann, mein College, als Kommandeur d. 1 Garde Ulanen Regts, u. dann unsere lieben Freunde Gröbens – Siegfried hatte sich mit Hedda Krassow verheirathet, der ältesten Tochter meiner lieben Schwägerin Clementine[;] auch verschiedene angenehme Regimentsdamen u. Herrn erhöhten die Annehmlichkeiten der schönen Zeit in Potsdam[,] wo wir uns ganz heimisch fühlten. Dazu kam für mich dies schöne Regiment, dem ich mich ganz widmete u. das der Höhepunkt meiner dienstlichen Laufbahn war, gute Pferde – ein schöner gelber Hengst der viel von sich reden machte – u. körperliche Rüstigkeit in voller Männerkraft. Um nicht undankbar zu erscheinen[,] gegen Alles[,] was mir später in so reichem Maaße durch Beförderung zu Theil ward[,] muß ich erläutern, daß der Höhepunkt dahin zu verstehen ist, daß man später als General der Truppe viel ferner steht u. ein gastähnliches Verhältniß zu dem einzelnen Mann mit dem Regimentscommandeur abschließt; nachher ist man mehr Knecht Ruprecht den sie fürchten müssen. –
Öfter ward ich auch an Hof befohlen zum lieben kranken Herrn, der den „Rothen“ haben wollte zum Fahren im Rollstuhl u. auch anfangs zum Billard, das Leiden nahm aber immer mehr zu; die Verbindung zwischen Kopf u. Zunge war schon längst gestört; nun trat auch völliges Verstummen ein. Oft glaubte man sein Abscheiden bevorstehend, dann erholte er sich wieder durch allerlei Stärkungsmittel der Ärzte, so daß ich Ende 1860, als der Johanniter Orden ein Expedition nach Syrien aussenden wollte, ich nicht anstand die mir angebotene Leitung zu übernehmen. Es handelte doch darum mit einem vollständigen Lazarethmaterial für 50 Bette nebst dem nöthigen Personal, an Ort u. Stelle die große Noth der christlichen Maroniten – Frauen u. Kinder – zu lindern, die von den türkischen Drusen überfallen u. deren Männer fast sämtlich umgebracht, an die Küsten Syriens geflohen u. bei denen nun ansteckende Krankheiten ausgebrochen waren. Mit noch 2 Johannitern: dem Grafen Fritz Perponcher u. einem Herrn v. Bassewitz, dem Arzt Dr. Wendt u. 5 Brüdern aus dem Krankenhause des Dr. Wichern, reisten wir am 31ten Oct. bei bitterer Kälte (24°) über Breslau u. Wien nach Triest. In Wien erfuhren wir am 2ten Jan 1861 Morgens, den Tod unseres geliebten Königs. Obgleich es mir recht schwer ward ihm nicht in Potsdam die letzte Ehre erweisen zu können, so ging das Wort Barmherzigkeit das er so aus ganzer Seele gebilligt haben würde, doch vor; u. so fuhren wir weiter.
Wir alle waren ernst u. traurig gestimmt u. mir war das ganz besonders schwer[,] als wir früh Morgens bei heftiger Bora in Triest aus dem Zuge stiegen[,] da ich außer meinem lieben Freunde Perponcher keinen der Reisegefährten näher kannte. Im Hotel angelangt schlug ich vor daß wir uns täglich Morgens durch Gottes Wort stärken wollten. Sie waren gern einverstanden u. als ich nun die Losung des Tages der Brüdergemeinde aufschlug stand Hagai 1,8. „Gehet hin u. bauet das Haus, das soll mir angenehm sein u. will meine Ehre erweisen spricht der Herr“. Da fiel es mir wie Schuppen von unsern Augen! Das rief uns unser Gott zu u. damit faßten wir neuen Muth u. Sicherheit des Gelingens. Und der Herr hat treulich Wort gehalten. Ihm sei Lob u. Preiß in Ewigkeit. –
Nachdem wir die Einschiffung unseres großen Materials – eine volle Ausrüstung für 50 Krankenbetten – besorgt hatten auf einen öster. Loyddampfer, gingen wir an Bord u. dampften über Corfu, wo wir einen Tag blieben, bei sehr günstiger Fahrt nach Syra im Ägäischen Meer, der Kreuzjungstation für die Orientdampfer u. dann über Smyrna, Rhodos, Cypern nach Beirut, worüber mein Tagebuch in Briefen an meine liebe Frau das Nähere enthielt. In Beirut unserm ersten Orientirungspunkt, wurden wir v. Generalconsul Weber auf das Freundlichste empfangen. Hier war alles ruhig geblieben, dank der französ. Division unter dem Marquis d’Hautpoul u. seinem Stabschef dem Oberstlieutnant Changè, dem aus der Campagne 1870/71 bekannten tapferen General, der mit dem Prinzen Friedrich Carl die letzten Kämpfe ausfocht.
An verschiedenstem Rat fehlte es uns nicht wo u. wie wir vorgehn sollten; wir beschlossen eine Recequosiirung in den Libanon um mit eigenen Augen uns zu überzeugen wo das Bedürfniß vorhanden. Den Libanon nach Damaskus zu überschreiten verbot uns der tiefe Schnee; wir wandten uns daher nach dem südlichen Theil des Gebirges nach Deir-el-Kamer wo die größten Metzeleien stattgefunden, fanden aber alles verödet u. verlassen u. ritten deshalb der Küste zu, wo wir dann in Saida – dem alten Syrien – die Flüchtlinge zu Tausenden u. in dem hilfsbedürftigsten Zustand vorfanden. Dorthin ließen wir unser Material von Beirut kommen. Die Reise von Deir-el-Kamer war gar schön bei herrlichem Wetter stiegen wir die Vorberge des Libanon verlassend in das Land Galiläa herunter wo unser Herr u. Heiland so oft gewandelt in die Gegend von Tyrus u. Sydon; hier hofften wir nach all den schmutzigen Karawansereien u. schlechten Nachtquartieren kaum unter Dach u. Fach zugebracht auf ein leidliches Hotel; aber wir fanden nur sehr enttäuscht[,] einen Gasthof gab es nicht[,] man war auf einen Gastfreund angewiesen[,] u. diesen fanden wir glücklicherweise in unserm langen freundlichen Consularagenten, einem arabischen Kaufmann; er konnte aber nur arabisch u. ohne die Hilfe unseres vortrefflich Abdraehmann[,] dem Kawassen des Consul Weber[,] den er uns mitgegeben[,] wäre es uns schlecht ergangen. Gleich am Nachmittag unserer Ankunft, gingen wir in d. großen Carawansereien – offene gewölbte Ställe wo die Carawanen einziehen – am Meer. Da sahen wir freilich das Elend u. den Jammer in seiner traurigsten Gestalt. Tausende von Weibern u. Kindern lagen u. hockten herum u. streckten uns magere Hände unter dem Ruf: Bacschis Backschitt! entgegen d. h. Almosen bittend. Unschwer erkannte man die zahlreichen Masern Scharlach ja selbst Pocken. Das war ein Ort für unsern braven Doktor! Und spät Abends kehrte er erst wieder zu uns zurück. Nun stand unser Entschluß fest hier in Saida unser Lazareth aufzuschlagen u. wirklich gelang es uns durch die nicht ermüdende Arbeit unseres Consularagenten ein eigenes Haus zu miethen u. mit unserm Material u. noch manchen zugekauften Stücken z. B. sämtliche Bettstellen – 2 Holzböcke mit Brettern darauf – zu beziehn. Den ersten alten Araber der schon sterbend mit einem mulo uns vor die Thür gebracht wurde trugen wir – Perponcher u. ich – eigenhändig herrauf; leider starb er nach einigen Tagen aber ihm konnten doch die letzten Stunden hienieden erleichtert werden; das Haus füllte sich schnell u. besonders thätig war unser lieber Doktor in d. Polyklinik in d. Carawanserei wo er Tag u. Nacht beschäftigt war. Auf der Treppe unseres Hauses war eine Tafel angebracht auf der war in arabisch, deutsch u. französisch unsere herrliche Losung von Triest zu lesen „Gehet hin u. bauet das Haus, das soll mir angenehm sein u. will meine Ehre erweisen spricht der Herr“. – So war denn unser Auftrag durch Gottes gnädige Führung erfüllt u. wir konnten dankbaren u. frohen Herzens unser Johanniter Haus – das erste seit der Vertreibung des Ordens aus Rhodos – in die treuen Hände der fünf Wichernschen Brüder belassen bei denen der Dr. Vendt noch längere Zeit verblieb. Jahr u. Tag stand das Haus dort in gesegneter Wirksamkeit, bis es nach Beirut verlegt ward, die ein schönes stattlich Krankenhaus das der Orden auf einen südlich der Stadt gelegenen herrlichen Platz-Raz-Beirut erbaut hat. Der Ort selber – ein alter phönizischer Begräbnisplatz, was die viel in den Fels gehauenen Gräber anzeigten – ward von uns ausgesucht. Es besteht mit seinen 63 Betten u. einer sehr großen Polyklinik nun schon seit 29 Jahren in Segen. – Vom alten Sydon das auf einer Insel südlich der jetzigen Stadt lag, sieht man nur wenige Trümmerhaufen über die die Brandung des Meeres hinweggeht. Unser Rückritt längs der Küste, bei böigem Wetter u. hochangeschwollenen Flüssen die wir auf Fuhrten durchritten u. zum Theil mit der alten Römerstraße, war interessant aber beschwerlich u. sehr froh waren wir Beirut gegen Abend zu erreichen, wo wir bei dem gemüthlichen Theetisch unseres lieben Consuls gastliche Aufnahme fanden. Nach einigen Tagen Erholung, ging es mit einem russischen nach Jaffa u. von dort mit einem jüdischen Courier zu Pferde nach Jerusalem, wo wir bei handhohem Schnee Anfang März einritten u. in unserm Johanniter Hospiz vortreffliche Aufnahme fanden. Mein Tagebuch enthält alles weitere über die merkwürdigen Tage die wir dort verlebten. Die heilige Grabeskirche mit dem Grab des Herrn, in das man nur knieend durch eine ganz niedrige Pforte eingeht, der alte Johanniter Lieutnant mit den Ruinen der Kirche St. Maria Magiore vom Spital zu Jerusalem – die jetzt ausgebaut wird nachdem der Sultan dem Kronprinzen den Platz geschenkt hat -, der Ölberg, Bethanien, Gethsemane, Golgatha, Bethlehem, alles unvergleichliche Orte betraten wir mit tiefer Rührung u. inbrünstigen Dank für Alles was unser Herr u. Heiland dort für uns erlebt u. erduldet hatte. Sehr interessant war auch ein Besuch in d. Omar Moschee auf dem alten Tengetplatz, den wir der Bemühung unseres geehrten u. ausgezeichneten Generalconsuls Dr. Rosen zu verdanken hatten. Es ist die Omar Moschee mit ihrem „schwebenden Fels“ das 2t größte Heiligthum der Mohamedaner. Nur Mecca hat den Vorrang. In der Mitte der gewaltigen Kuppelkirche erhebt sich eine rohe Felsplatte umgeben von einem Geländer u. überschattet von zahlreichen türkisch-Fahnen – grün, gold, u. roth – Die Farben des Propheten – ruhend auf einem Unterbau. Ein türkischer Consistorialrath – so nannte ihn Rosen im Scherz dessen Sohn uns nachher um einen Bacschis bat – führte uns herum überall an dem Gemäuer anklopfend um zu zeigen daß es hohl klinge, daß der Fels also schwebe! Als wir draußen uns der gelben Saphran Schuhe entledigt u. unsere Stiefel wieder angezogen hatten, denn man darf nur barfuß od. in Strümpfen – die gelben Pantoffeln sind den … gestattet – das Heiligthum betreten[,] erzählte uns Dr. Rosen daß er den Stein für eine altjüdische Tenne halte, wie sie vielfach noch gefunden würden; bekanntlich habe nach der Bibel in Samuelis 2 am Schluß des Buchs, der König David den Würgeengel der die Stadt mit der Pest geschlagen, auf der Innen des Arafna erblickt u. diese gekauft. Es sei wohl anzunehmen daß diese heilige Stelle vom Vater dem Sohne übergeben wurde u. daß Salomo über diesen Ort seinen Tempel erbaut habe u. daß dem auch das Allerheiligste sich darüber erhob. Die Substrictionen weisen auch darauf hin; einmal als nöthig um bei den Bytern u. Reinigungen für Abflüße zu sorgen; dem aber sei geschichtlich nachgewiesen durch den Josephus in seiner Geschichte der Belagerung von Jerusalem unter Titus, daß der Tempel der von den Juden am hartnäckigsten vertheidigt worden, vom Allerheiligsten aus durch die Römer genommen worden sei, die auf unterirdischen Gängen herrauf gestiegen seien. Wie wunderbar wenn die Annahmen von Weber richtig – u. es spricht wenig dagegen – dann müssen die Mohamedaner die Stelle besitzen über der das Allerheiligste der Juden gestanden! Überhaupt erwähnte Weber bezüglich der heiligen Orte, daß es ihm unzweifelhaft sei – daß dieselben wenn auch nicht grade auf dem Platz, so doch in unmittelbarer Nähe gestanden hätten, wo sie jetzt Gegenstand eben dieser Verehrung seien. Die Grabeskirche, die Geburtskirche, das Grab d. Maria Golgatha, Gethsemane u.s.w. es sei dies ein so sicherer angenehmer, als die Römer über allen diesen Orten die ihnen als Heiligthümer der Juden bezeichnet, zwischen Juden u. Christen machten sie keinen Unterschied – Tempel od. Anbetungsstätten ihrer Götter erbauten, was geschichtlich ist. So kam es, daß diese Orte gekennzeichnet blieben u. daß die Kaiserin Helena etwa 225 später bei der Auffindung der heiligen Stätten ziemlich sicher gehen konnte. –
Über Jaffa kehrten wir zurück wo wir einen unfreiwilligen Aufenthalt nehmen mußten weil wegen schlechten Wetters die Dampfschiffe auf der gefährlichen Strecke keine Passagiere mitnehmen wollten. Mir war dies besonders unangenehm weil ich dadurch über Urlaub bleiben mußte doch war nichts dagegen zu machen. Endlich kam besseres Wetter u. wir konnten n. Beirut zurückkehren wo wir noch angenehme Tage verlebten u. einen interessanten Ritt nach dem Hundsfluß machten auf der alten Römerstraße längs der Mauer in nördlicher Richtung wo berühmte Inschriften von Heereszügen des Altertums in die Felsen gemeißelt sich befinden: ägyptische, römische u. von neuster Zeit haben auch die Franzosen es nicht unterlassen können[,] sich dort zu verewigen[,] nämlich die Division die jetzt zum Schutz der Maroniten im Pinienwald bei Beirut lagerte[,] der schon in den Kreuzzügen erwähnt wird.
In Beirut trennte ich mich von meinen Reisegefährten die über Constantinopel zurückkehrten wärend ich das nächste französ. Dampfschiff bestieg um über Malta Marseille u. Paris zurückzukehren. Von Malta ab hatten wir böses Wetter so daß aus einer 3tägigen eine 8tägige Überfahrt ward; ich habe nie einen solchen Sturm erlebt; es war der gefürchtete Mistral aus Nordwest so daß wir 3 Tage lang ziemlich auf derselben Stelle uns befanden u. endlich in der Straße von H. Bonifacio zwischen Sardinien u. Corsica Zuflucht suchen mußten[,] vor der Insel Capvera wo der alte Revolutionsheld Garibaldi residirte[,] dem mehre Passagiere einen Besuch abstatteten[,] was ich natürlich unterließ, trotz mehrfacher Aufforderung. Von Paris ging es der lieben Heimath zu wo ich in Potsdam auf der Bahn von Frau v. Kinchan empfangen nach ¼ jähriger Abwesenheit Alle Gott lob wohl wiedersah. Die Kinder hatten die Masern gehabt u. meine liebe Frau bekam sie gleich nach meiner Ankunft, doch ging alles durch Gottes Gnade gut ab. Im folgenden Jahr erhielt ich – 1861 – die 5te Kavallerie Brigade in Frankfurt a/O die damals aus dem Brandenburg. Dragoner Regt No 2 u. aus 1ten Brandenburg. Ulanen Regt No 3 bestand. Schweren Herzens trennte ich mich von meinem schönen Regiment u. von Potsdam das meiner lieben Frau u. den Kindern so lieb geworden war, wohl ahnend, daß ich in militärischer Hinsicht nur zurückstecken konnte, trotz der schönen Stellung u. angenehmen dienstlichen Verhältnissen. Der Divisionär war der später so viel genannte Generallieutn. Vogel von Falkenstein, der Kommandirende 1866 gegen die deutschen Brüdertruppen. Der höchst angenehme gesellige Verkehr bot uns Ersatz gegen das was wir mit Potsdam verloren hatten. Die Familie v. d. Marwitz-Friedersdorf, er, Landrat, die Frau, eine geb. Gräfin Itzenplitz, die Finckenstein u. Reitwein – sie Elise v. Röder eine Jugendfreundin meiner Frau – Reg.assessor von Rebens u. Frau u. Graf Finckenstein mit Gemalin in Frankfurt, Rittmeister v. Winterfeld mit Frau, Präsident V. Selchow etc. boten uns mit der Familie von Hobe vielfach Gelegenheiten zu angenehmem Umgang u. waren es besonders die christlich sehr angeregten Töchter der letztgenannten Familie mit denen meine liebe Frau in Vereinssachen thätig war. – Durch sie ward Marthaheim, eine Mädchenbildungsanstalt begründet u. ich stand an d. Spitze des Vereins der innern Mission u. half die dortige Herberge zur Heimat begründen. – Politisch war die Zeit höchst gespannt u. schwül u. u.a. ein solcher Haß gegen den damaligen Ministerpräsidenten Otto v. Bismarck-Schönhausen u. meinen verehrten Onkel im Schwange, daß niemand es wagen durfte, dessen Bild an den Schaufenstern zu zeigen. Wie haben sich die Zeiten geändert! Jetzt der populärste u. gefeiertste Mann in Deutschland!
Die Geselligkeit ging zumal im Winter ihren schablonenmäßigen Gang; ein jeder gab sein Fest was in einem Souper mit 3 Gängen an langer Tafel gipfelte, nach ausgelegten Zetteln sitzend. Ich habe beinah immer dieselben Nachbarinnen gehabt; 2 alte exellente Damen die meine Mutter sein könnten. Dann wurde auch die Musik nicht ganz vergessen, wenngleich die Kinder nun schon Klavierunterricht bekamen, so daß man oft genug hatte, zumal keiner von ihnen mit hervorragendem Talent begabt schien. Miss Johns u. Kandidat Kühner aus Hannover waren erziehende Kräfte. Letzterer erwarb sich auch auf dem Eise u. in lebenden Bildern große Verdienste um die Jugend. –
Friedrich Carl zuerst auf dem Gymnasium, ward bei seiner entschieden militärischen Richtung nach Wahlstadt in das Kadetten Corps, wo er sich auch gut in die Ordnungen fügte, was mit der Frankfurter Schule ihm weniger gelang. Die politische Schwüle unter denen unsere lieben Jungen selbst auf der Straße zu leiden hatten, änderte sich erst nach den Siegen unserer braven Truppen über die Dänen im Frühling 1864. General v. Timpling – eine Art Verwandter da seine Mutter eine Nichte meines Großvaters Bohlen gewesen – ward der Nachfolger des General Falkenstein der Chef des Stabes bei General Wrangel im Dänischen Kriege geworden; die Damen traten in sehr freundliche Beziehungen zu uns; namentlich galt daß für die Töchter die mit Caroline sich befreundeten, deren Einsegnung durch Consistorialrath Reichhelm im Frühjahr stattfand. 1866 brach dann der österreichische Krieg aus u. damit endete die schöne Zeit in Frankfurt, wo es uns Gott sei Lob so sehr gut gegangen war. –
Ganz besondere Gnade erwies uns der Herr durch die am 14ten Januar 1864 erfolgte glückliche Entbindung meiner geliebten Frau von einem gesunden Knäblein – unsern lieben Hans, wodurch auch der Todestag meiner geliebten Mutter in einen Freudentag verwandelt ward. Die Taufe fand am … (keine Angabe)
Am 2ten Pfingsttag 1866 nahm ich Abschied von Frau u. Kindern die in Frankfurt blieben u. holte meine Regimenter bei Lübbenau ein die ich leider dann bald verlor in dem ich zu besonderen Aufträgen zum Prinzen Albrecht kommandirt ward dem früher das Kavallerie Corps in der 2ten Armee unter Befehl des Prinzen Fried. Karl als Höchstcommandirenden. Was aber das Schlimmste für mich war: ich war elend in Folge einer schweren Erkältung die sich mir auf den Magen geworfen hatte, so daß ich buchstäblich nicht einen gesunden Tag in der ganzen Campagne hatte; ich konnte fast gar nichts essen u. dabei große Anstrengungen u. manchen Ärger. Der Herr hatte mich gedemüthigt u. das war mir nöthig u. gut; denn in immer voller Ehrgeiz u. Selbstgefühl als 48jährig General noch in der Vollkraft des Mannesalters glaubte ich daß es mir vor dem Feinde nicht fehlen könn(te) u. nun ward ich klein gemacht. Den 1ten österr. Gefangenen des ungar. Regiments König v. Preußen lieferte ich dem Prinzen ein dann machte ich die Gefechte bei Liebenau Meinekengrätz u. Gitschin u. die Schlacht bei Königsgräz mit wo ich meine beiden schönen Regimenter mit dem linken Flügel der Division Francky kommandirte die so heldenmäßig im Walde von Sevetz sich gegen 3fache österr. Übermacht hielt; stand in schwerem Granatfeuer 4 Stunden lang von Horowetz aus beschossen u. hatte vollkommen den Eindruck einer verlorenen Schlacht, bis daß endlich zwischen 12 u. 1 Uhr Mittags die erste Batterie der 1ten Armee unter dem Kronprinzen uns die Erlösung brachten. Nach der Schlacht erhielt ich dann die Avantgarde des Kavallerie Corps auf Wien u. Pressburg u. machte das Schlußgefecht der Campagne bei Blumenau noch mit. Meine Briefe an meine liebe Frau enthalten alles nähere. Gottes Gnade hatte mir doch die nöthigen Kräfte geschenkt, so daß ich keinen Tag außer Dienst war, obgleich es mir bei meinem leidenden Zustand sehr schwer ward u. ich bei dem Waffenstillstand wo ich in Marcheck ein gutes Quartier bekam so herunter war, daß ich kaum gehen konnte; ich erholte mich aber bald u. marschirte mit meiner Brigade – nicht meine alten Regimenter – es waren das 3te Dragoner (neumäßsche) u. d. 12te Husaren, nach dem Marchfeld, wo wir vor dem Rückmarsch die große denkwürdige Parade vor unserm lieben König hatte. Dann erfaßte uns die Cholera mit dem Heimweg, die uns merkwürdiger Weise durch unsere eigenen Verstärkungen aus der Heimat gebracht wurde. Daß war auch mit ein Hauptgrund weshalb unser Ministerpräsident mit Abschluß des Friedens in Nicolsburg ein Widerspruch gegen die Militärpartei u. unsern lieben König, so bestimmt bestand u. ihn durchsetzte. Ich habe dies aus dem Mund meines verehrten Onkels Bismarck=Schönhausen selber. Wie weise die immer zeigte die Folgezeit schlagend. Wir, die Kavallerie folgten der Armee u. fanden in allen Orten Häuser mit „Cholera“ …, die man nicht belegen durfte. Eines Morgens kamen Leute des 64ten Regts zu mir als ich grade zu Pferde steigen wollte u. meldeten, daß sie einen Todten hätten den der kathol. Geistliche nicht begraben wollte. Da mußt ich halber eintreten hielt das Begräbnis ab u. mein braver Osten mein Adjutant – jetzt Major a. d. auf Gr. Jannowitz bei Canenburg – war mein Küster. In u. um Prag herrschte die andere Geißel der Armeen, die Ruhr von der ich auch einen leichten Anfall hatte u. zur Erholung Urlaub nach Berlin nahm, wo ich meine geliebte Frau u. meinen theuern Vater wiedersah u. eine … Behandlung mich soweit wieder herstellte, daß ich auf 14 Tage nach Teplitz gehen konnte, wo ich meine Ernennung zum Commandanten von Hannover im September erhielt. Hierher folgte mir meine liebe Frau mit den Kindern, so daß wir zur dort völlig eingerichtet in einer guten Dienstwohnung, uns ganz behaglich fanden, wenn nicht das gespannte Verhältnis mit den Einwohnern den Aufenthalt ungemüthlich gemacht hätte. Ein schwerer Trauerfall, der Tod meines lieben Schwagers Malortie bekümmerte uns sehr; meine arme Schwester beweinte mit 6 Kindern ihren braven Mann, dessen Tod durch die großen Aufregungen der Zeit veranlaßt war, die besonders verhängnißvoll für Hannover sich gestaltete.
Unsere geselligen Beziehung(en) waren sonst durch die zahlreichen Officiers- u. Beamtenfamilien angenehm, auch machten mir die Jagden hinter einer guten Meute auf Fuchs u. Sauen od. Schnitzeljagden, viel Spaß u. hatte ich die Freude mit einer vortrefflichen irländischen Stute Erin eine steeplechaise in schwerem Terain zu gewinnen, was einem Generallieutnant selten passirt. Das treue Pferd ging durch einen Wassergraben mit tiefer Dünette vor dem Ziel auf einer Schanze, hindurch u. schnitt sich im Eise – es war im November – die Kopfhaut über den Augen durch; wir kamen aber nicht zu Fall u. kletterte ich glücklich im Sattel als Erster hinnauf, wofür ich einen schönen silbernen Humpen – einen Rehkopf erhielt, der sich in Carlsburg befindet. Dieß für meine lieben Herrn Söhne! Es wurde überhaupt viel geritten, auch in der prächtigen Bahn Quadrillen mit Damen, wo unser lieber kleiner Theodor sich zuerst als Cavallerist hervor that auf seinem guten kleinen Schimmel, auch öfter als Dame reitend. Später mußten wir den lieben Jungen leider nach Blankenburg auf das Gymnasium geben, da die Lernzeit herranrückte u. die Roheiten auf dem Hannoverschen Gymnasium gegen preuß. Officier Söhne, es mir in meiner Stellung doppelt nöthig machten unser Kind dagegen zu schützen. Es ward uns überaus schwer ihn, der mit allen Fasern am Elternhaus hing fortzugeben u. er litt noch weit mehr dabei. – Auf unserm ersten großen Ball ging Caroline zum 1ten Mal in die Welt 16 Jahr alt u. – ich darf wohl sagen – viel Beifall findend. Fried. Carl im Berliner Cadetten Corps kam in d. Ferien, u. ward auf einer Treibjagd Schützenkönig was der liebe Junge später noch manchmal ausgeführt hat. Marie zart u. dünn ward durch eine Demois. Bonparis einer sehr pflichttreuen aber etwas eigenthümlichen Schweizerin in die Wissenschaften eingeführt, u. Hans unser liebes Nestküken, mit seiner großen Dragoner Mütze, dem die Gassenjungen „huch“ nachschrien u. sie ihm öfter vom Kopf schlugen war ein 4jähriges zartes Kind der uns doch manche Sorge machte. –
Der Aufenthalt in Hannover nahte sich aber leider seinem Ende; im Januar 1868 ward ich zu unserm großen Bedauern nach Berlin als Commandant versetzt. Aus einer angenehmen selbständigen Stellung, nur den General Gouverneur von Voigts Teetz über mir, kam ich bei aller Ehre die mir ward in eine höchst schwierige genau bemessene Stellung, in der ich sehr aufpassen mußte, in der nun aber auch sehr aufgepaßt ward, unter dem alten Gouverneur Grafen Waldersee u. dem Kommandierenden d. Garde Cron Prinzen August v. Würtemberg; alle Tage führte mich mein Dienst zum lieben König; das war der Glanzpunkt; sonst gab es aber manches Schwierige zumal auch durch die zahlreichen fremden Officiere für die die Kommandantur das Auskunftsbureau ist, mit all‘ ihren Anfragen u. Wünschen. Auch in geselliger Beziehung trat eine unruhige Zeit ein u. die alte völlig eingewohnte Kommandantur erforderte meiner lieben Frau ganze Umsicht u. Klugheit um ohne zu große Kosten uns eine anständige Wohnung zu schaffen, die den geselligen Pflichten einigermaßen entsprach. Natürlich mußten wir an Hof gehen u. die Hofkreise u. die große Welt in die wir unser liebes Kind Carolin einführten – ich darf wohl sagen mit nicht weniger Beifall als in Hannover – brachte viel Unruhe in unser sonst so stilles gemüthliches Leben. Die Musik erreichte wohl ihren Höhepunkt, in dem an unseren Annahmeabenden Paulinchen in Trios u. Duos vorzügliches leistete u. nicht minder auf den musikalischen Abenden bei der Lady Blomfield der englischen Gesandten u. bei den Fürstinnen Radziwills. Einmal hatten wir zur Enthüllung des Benth u. Schinkel Denkmals sogar den ganzen Hof: Majestät u. sämtliche prinzliche Herrschaften bei uns, wo unser Mariechen den lieben König die Chokolade präsentirte; – (sie war auch recht niedlich.) So kam dann das verhängnißvolle Jahr 1870 u. mit ihm, nach manchem Kriegsgeschrei, der Krieg selber, diese Geißel der Menschheit. Wir waren beim lieben Vater in Carlsburg, wo meine geliebte Frau eines toten Knäbleins genaß, Gottlob ohne nachtheilige Folge für sie, als plötzlich Mitte Juli in Ems die zudringliche Dreistigkeit des französischen Botschafters Beneditti, der den König auf der Promenade eine Erklärung abnöthigen wollte, die Kriegserklärung zur Folge hatte. Wie ein Blitz aus heiterer Höhe fuhr die Mobilmachung in unsern ländlichen Aufenthalt hinein u. nun eilte ich nach Berlin, wo ich voll auf zu thun fand, da die Durchzüge der Truppen u. deren Einquartirung Tag u. Nacht andauerten. Wunderbar stärkend auf die Entschlüße des geliebten Königs sollen auch die Loosungen der Brüdergemeinde gewesen sein die der fromme Herr täglich las; aber auch für uns andere waren sie es im höchsten Maaße. Z. B. am Tage der Abreise von Ems wo der König den Botschafter Benedetti ohne Antwort stehn ließ, am 14ten Juli 5 Mos. 31, b „Seid getrost u. unverzagt, fürchtet euch nicht u. lasset euch nicht grauen! Denn der Herr Dein Gott wird selbst mit Dir wandeln u. wird die Hand nicht abthun noch Dich verlassen“; u. am 15ten Juli 1 Mos. 4b,3,3. „Ich bin Gott, der Gott deines Vaters, fürchte Dich nicht“ den ich mir aufgeschrieben habe; aber auch an den folgenden Tagen waren sie herzstärkend. – Mein vortrefflicher Platzmajor Oberstl. v. Ziegler u. mein Gendarmerie Adjutant standen mir nach Kräften bei aber fast ging es über die Kräfte: u. das Schwerste kam dann noch für mich daß ich zurückbleiben mußte wärend die ganze Armee in den Krieg zog! Der liebe König tröstete mich zwar u. sagte, er könne mich in diesem Augenblick hier nicht missen, würde mich aber nach kommen lassen so wie es ginge u. das hat er auch gehalten der liebe Herr, aber es war doch fast zu schwer u. mein militärisches Herz war gebrochen. Durch Kabinetsorder v. 14ten Aug. ward ich zum General Gouverneur im Elsaß befohlen, wo ich persönliche Instruktionen erhielt. Unvergeßlich wird es mir bleiben, daß am Morgen als ich in Berlin von Frau u. Kindern Abschied nahm, die Loosung in der Morgenandacht lautete: „Wenn jemandes Wege dem Herrn wohlgefallen, so macht Er auch seine Feinde mit ihm zufrieden“ (Sprüche 16,7.) Das hat des Herrn Gnade auch an mir bewahrheitet, in der schweren Arbeits: u. sorgenvollen Zeit im Elsaß! An Freuden u. Genugtuung hat es mir nicht gefehlt u. schließlich sah man mich mit Bedauern scheiden.
Nachdem ich meine mündlichen u. schriftlichen Instructionen auch v. Otto empfangen hatte, reiste ich ab u. langte zuerst in Hagenau an, der alten Kaiserpfalz, wo vorläufig mein Hauptquartier war bis Strassburg erobert worden; am Abend meiner Ankunft brannte es an allen Ecken; meinen Stab fand ich schon ziemlich zusammen: Oberst v. Hartmann – Chef aus Berlin v. Kriegsministerium, Major Rhein vom Generalstab, Hptm. v. Richthoven von d. Gard. Artill. Hauptmann Posese v. bairischen Generalstab, Rittmeister Gr. Kalnei Garde Kürassier, Rittmeist. v. Quillfeld Kommd der Stabswache Pr. lient v. Wilczeck Gard. Kürass. U. Auditeur Drr. Osinz. Dann der Oberststabsarzt u. Generalarzt Dr. Schultz; als Civilcomissar: Oberpräsident Kühlwetter aus Westfahlen u. Präsident Graf Luxburg ein Baier später; vermält mit Prinz. Luise Carolath meiner Nichte die aber erst nach d. Frieden nach Strassburg kam. In Hagenau lagen an 10000 Verwundete von d. Schlacht bei Wörth u. kamen Tag u. Nacht zahlreiche Züge mit Truppen, Proviant, Kranken, Verwundeten u. Gefangenen durch; auch bestand anfangs unsere Garnison nur aus den oft nachholenden Etappen Commandos. Nachher bekam die Garnison meist Handwerker u. Reconvalescente und einiges an Truppen, was uns auch höchst nothwendig war, denn abgesehn von der eigenen Sicherheit, war die Sicherung der Eisenbahnen u. die ununterbrochene Verbindung mit der Armee mit dieser Haupteisenbahn Linie die Hauptaufgabe. Dazu kamen die Belagerung von Strassburg die … v. Bitzek u. Pfalzburg, die beiden Enklaven unter mir – die alle mit Anforderungen u. Wünschen an das Generalgouvernement täglich herantraten. Pfalzburg ward unter den preuß. Oberstl. v. Giese mit unsern Landwehren belagert, wärend d. Baiern Bitzek … Dann die Administration des Landes die sich senfkornartig entwickelte, – dann unzählige Bittgesuche schriftlich u. mündlich in den täglichen Sprechstunden, wobei ich die französ. Frauen weit mehr achten lernte als die Männer. Öfter wurde auch ernstes Einschreiten nöthig, so u. a. gegen einen Husaren der erschossen werden mußte, was mir sehr leid that, aber es ging nicht anders. Auf Befehl des Armee Commandos v. Versailles sollte jede Bahnstörung mit dem Tode bestraft werden; am Sonnabend ließ ich in beiden Sprachen dies an allen Straßen Eichen anschlagen u. am Sonntag Nachmittag machte sich jener Husar angesichts einer applaudirenden Menge davon, an einem Übergange die Eisenbahnschienen aufzubrechen. Der Militärposten aretirte ihn u. das Königsgericht verurtheilte ihn u. am 3ten Tage war er nicht mehr unter den Lebenden. Von da ab kam nichts dergleichen vor. Den von der Pariser Nationalregierung n. Strassburg entsandten Mr. Valentin hatte ich auch hinter Schloß u. Riegel, ebenso einen Hotelbesitzer aus Mühlhausen der ihn beherbergt hatte; er ward nächtlicher Weise aufgehoben, was einen panischen Schreck verbreitet u. mit ihm zog ich in Straßburg ein; seine brave Frau mit ihm; sie hätten wohl machen können daß es mehr mit ein Schreckschuß abgethan war. Bald entließ ich aber auch das treue Paar das mir rührend dankbar blieb u. mich in sein vortreffliches Hotel d’Europe in Mühlhausen später vorzüglich aufnahm. Aber kein Tag ging ohne Sorgen vorüber. Namentlich war es der so sehr gefährdete Tunnel von Savern den die Franzosen zur Sprengung vorbereitet hatten. – die Pulverkammern waren überall in die Felsen gehauen[,] waren das stete Sorgenkind, denn oben in den Vogesen schwärmten die Franctireurs umher u. ein Pulversack der durch die Luftschächte des langen Tunnels die oben in den Bergen mündeten, herrunter gelassen u. entzündet hatte genügt die Verbindung mit der Armee abzuschneiden Gottlob geschah es nicht. Auch die militärische Schwäche war Anfangs eine große Sorge die kleine Garnison von Hagenau bestand unter ständigem Wechsel eigentlich nur aus Verwünschten, Mördern od. frisch ausgehobenen Handwerkern so daß auch die Wachmannschaft sich fortwärend änderten u. dabei waren 8000 Franzosen in den Casmathen von denen ein großer Theil leicht blessirt od. reconvalescent waren.u Allmälig änderte sich aber die Sache zum Bessern. Ein Landwehr Ulanen Regiment unter Major v. Bredow aus d. Mark u. ein Bataillon Würtemberger unter Oberstl. v. Hügel bildeten ständige Garnison; auch konnte ich mein erstes Quartier bei einem alten Fräulein Klein Tochter des berühmten französischen Kavallerie Generals aus der ersten napoleonischen Zeit verlassen u. eine Art Schloß od. altes vornehmes Haus mit Garten u. Räume für die Bureaus[,] einem Adjutanten u. Pferden beziehen was mehr außerhalb der Stadt nach dem Reichswalde zu lag. In dieser Zeit machte ich auch die Bekanntschaft des vortrefflichen Grafen von Dürkheim Montmartin u. Fröschwiller u. seiner liebenswürdigen Familie, der mir später ein lieber Freund ward u. dem ich sowie der ehrenwerthen Familie Reilhard – Verwandte unseres lieben Garnison Predigers Emil Frommel zu großen Dank verpflichtet ward durch ihre deutsche Gesinnung; zuverlässige Leute die mich mit Rath u. That unterstützten. In Fröschwiller was ganz voller französischer verwundeter Officiere lag besuchte ich den schwerverwundet General Kaoul der auch bald seinem Leiden erlag. So ging das arbeitsvolle u. oft recht sorgenvolle Tagewerk unter treuer Beihilfe meines Stabes fort der sich allmälich vergrößerte u. in Hagenau aus dem Inf. Obersten von Hartmann … Hauptmann v. Richthofen der Gard. Artillerie Rittmeister v. … Pr. Lt. Gr. Kalnein Cam u. Rittmst v. d. Heydt Präsident Gr. Luxburg ein … Assessor Reindl … … Otins u. bald auch der Pr. Lt. von Wilizeck u. Rittmst. V. Quielefeld der Kommandeur v. Staatswache war. Später ward v. d. Heydt Präfekt in Colmar Luxburg Präfekt in Strassburg u. als Adjutant kam der bair. Major … u. Major Rhein v. Preuß. Generalstab; in Strassburg ward dann d. Oberpräsident v. Kühlwetter aus Westfalen das Amt eines Civil Komissars übertragen.
Am 27ten Sept. übergab sich Strassburg dem General v. Werder u. 2 Tage nachher verlegte ich das General Commando dorthin einziehend in die Maison Hecht einem reizenden Hause am Quais Kleber wo ich eine hoch anständige Residenz hatte. Oberst Hartmann wohnte in einem Hinterhaus u. man nannte uns den großen u. [Fleck auf dem Papier: unleserlich] Hecht! Übrigens hatte dieß [Fleck] auch schwer gelitten durch das [Fleck]; die schönen Spiegelscheiben waren nach der Landseite zertrümmert in den Baserien steckten noch viele Granatsplitter u. die Parkets waren schwer beschädigt; die Bewohner hatten sich in den Kellern verborgen, wärend der reiche Besitzer sich in sein anderes Haus in die Mitte der Stadt zurückgezogen hatte, der alten treuen Haushälterin Josephine den Schutz seines vorstädtischen Palais überlassend, mit der ich nun meine Wirtschaft möglichst gemüthlich einrichtete, ohne von dem Strassburger Nabob incommodirt zu werden[,] der seine 10000 Fr. Miethe einstrich. Ihm kaufte ich dann noch einen schönen neuen 9sitzigen Brak ab den ich noch habe. An Arbeit u. Sorgen fehlte es aber auch hier nicht; die herrlichen Siegesnachrichten halfen uns aber darüber hinweg. – Allmälich stieg auch die Zahl der Truppen die mir unterstellt waren auf über 3000 M. u. gleichzeitig fanden [Fleck] Verlagerungen u. eine Cernirung im [Fleck] statt – Schlettstadt, Neu Breisach, Pfalzburg u. das von den Baiern cernirte Bitzek; die unendlichen Lasten an Vorspann, an Lebensmitteln u. Erdarbeiten, die alle geleistet werden mußten, die unzähligen Bitten u. Klagen die nicht unberücksichtigt bleiben durften, weil die bestimmte Absicht das Land zu behalten mir ausgesprochen war, erhöhte den Geschäftsbetrieb ungemein, wobei die Civilorganisation ihren ruhigen Gang fortging u. für fast 2000 Kranke u. Verwundete in Strassburg mit allen möglichen Krankheiten behaftet zu sorgen war, wobei Blattern u. Thyphus die meisten Opfer forderten. Der brave preußische Generalarzt Dr. Schulze u. auch die französischen Ärzte der Universität, sorgten unermüdlich u. ebenso muß den Diakonissen des vortrefflichen Pastors Herter dem Schwiegervater unseres lieben Pfarrers Reilhard der kleinen Kirche das größte Lob gemacht werden. Wie solch ein schwarzes Gesicht mit Menschenblattern behaftet aussieht – spottet jeder Beschreibung! Man träumt davon; u. einer meiner Adjutanten, ein Hühne von Mann, ward bei einem meiner Besuche in den Lazaretten darvon so ergriffen, daß er mich verließ u. auch nicht wieder erschien. Als nun gar der Winter mit der Belagerung von Bellefort eintrat, steigerte sich das Elend der armen Landbevölkerung u. ihrer … dort noch mehr da die Ansprüche des kommandirenden Generals v. Treckow für seine Leute in der bitteren Kälte – fast immer 12° unter Null – auch zunehmen mußten, auch ward der Zustand in Strassburg ziemlich ungemüthlich, so daß die Kanonen der Wälle auf der Stadt gerichtet werden mußten, weil die Stimmung eine bedrohliche ward da die Franzosen in der Stadt ganz genau von allem unterrichtet waren was jenseits der Vogesen vorging; [Fleck] Etappe bei Dijon wo unser Ponns:Bataillon 61 in so ehrenvoller Weise seine Fahne gegen die Garibaldiner verlor, begraben unter einem Haufen von Todten, u. der Anmarsch der Bourbakischen Armee ihr Vordringen zum … von Belfort. Endlich machten die Siege des General von Werder in der zweitägigen Schlacht an der Lizaine diesem Zustand ein Ende.
Merkwürdig war es, nun man den Franzosen in d. Stadt, die offenbar geheime Verbindungen in den Vogesen durch Ballons u. Nachrichtendienst hatten, in ihrem Verhalten anmerken konnte ob sie gute od. schlechte Nachrichten halten; gingen sie mit frechem herausfordernden Mienen einher od. wandten sie sich scheu ab bei Begegnungen unserer Officiere so war daß ein richtiges Barometer guter Nachrichten für uns dessen offizielle Bestätigung das Gen. Gouvernement stets später erfuhr. Mit der Post hatte ich mich dahin verständigt, daß alle an Franzosen ankommende u. abgehende Briefe sich 8 Tage in Strassburg ausruhten.
Es läßt sich denken wie froh wir waren als Ende Januar 1871 der Waffenstillstand eintrat u. somit der ungemüthlichste Zustand aufhörte u. eine Zeit ruhiger Entwicklung eintrat nach der sich alles sehnte. Brachten die zahllosen Rücktransporte der Armee, von Verwundeten, Gefangenen u. Kranken die Tag u. Nacht durch passirten auch viele Arbeit, so lag diese doch mehr auf andern Schultern u. zumal zeichnete sich der vortreffliche Johanniter Frhr Schenck v. Schweinsberg in letzterer Beziehung aus, der alle Nächte auf der Bahn war. – Jetzt ward die Civilverwaltung meine Hauptaufgabe, die bisher ganz in den Händen des biederen aber nicht preußisch bureaukratischen Civilcommissar Kühlwetter geruht hatte, der auf alte französische Einrichtungen mit Achselzucken herabsah u. doch waren sie großen Theils sehr weise u. auf großer Volkkenntnis u. aller Regierungserfahrung ruhend hatten sie zwei Hauptsachen erreicht: unbedingten Respekt vor dem Gesetz u. Gehorsam gegen das was befohlen war. Ich nahm nun meine täglichen Empfangsstunden für Jedermann, die auch wärend der Zeit meines Gouvernements nicht unterbrochen u. mir manche Freude machten bei vieler Arbeit die damit für meine Herren des Stabes u. d. Verwaltung erwuchs, mit doppelter Freudigkeit wieder auf u. konnte so manchen begründeten Beschwerden u. Klagen auch Abhilfe schaffen, was in den Kriegszeiten oft unmöglich war. In welche kritische Lage man versetzt ward, möge ein Beispiel zeigen. Mühlhausen mit seinen 100000 Arbeitern war eine starke Bedrohung unserer Verbindung nach dem Süden, zumal als Bellefort belagert ward. Eisenbahnen u. Kanäle waren zu schützen u. jeder Soldat der dazu zu erübrigen, war von Wichtigkeit u. doch trat der Moment bald ein, daß ein Zug Kohlen mir mehr werth war als 1 Comp. Soldaten. Eines Tages ließen sich 7 Großindustrielle von dort melden, die die Kleinigkeit von 37 Millionen forderten u. erklärten, daß sie nicht länger für die Reihe ihrer Arbeiter einstehen könnten, wenn ich ihnen keine Kohlen heranschaffte. Nun war aber der Kanal durch den Elsaß, der das Saargebiet mit Mühlhausen sonst verband durch d. Franzosen gesperrt u. aller Eisenbahnverkehr überhaupt, wohl in Anspruch genommen durch die Armeen, so daß nur durch Backen über Basel Kohlen herrankommen konnten u. es an vorhandenen völlig an Transportmitteln fehlte. Da blieb nichts anderes übrig als auf Rath meines sehr tüchtigen Eisenbahndirektors das schweizer Material was zwischen Basel u. Mühlhausen fuhr mit Beschlag zu belegen u. durch dies disponible wurden … Material über Baden Kohlen herrangeschaffen. Man schrie freilich sehr, aber die Siege u. der Waffenstillstand machten dem bald ein Ende. Nachdem letztere bald zu Friedenspräliminarien führte, zog ich zu meiner unendlichen Freude meine geliebte Frau mit den Kindern heran. Sie kam mit Carolin, Marie, Hans u. Fräulein Gräff der Gouvernante u. fanden in d. Maison Hect ein bequemes u. schönes Unterkommen; unser lieber Theodor war schon früher bei mir, um sich von einer Kopfverletzung zu erholen die ein roher Mitschüler in Brandenburg ihm auf der Ritteracademie beigebracht hatte. Fried. Carl am 2ten October 1870 zum Officier befördert stand noch in Frankreich bei der Garde Du Corps. Er hatte zu unserer großen Freude das eiserne Kreuz erhalten u. zwar als Bedank des Obersten von Krotigk Kommandeur des 93tn Regt. in Folge der Schlacht bei Beaumont. Ich glaube, ich kann hier kurz erwähnen wie es unseren lieben Jungen ergangen. Aus der Selecta des Kadettencorps kam er bei der Mobilmachung als Fähnrich heraus. Ich bat den König ihn zu meinem alten Regiment d. 1ten Garde Dragoner zu nehmen. Majestät antwortete: Ich werde schon für ihn sorgen – Fr. Carl war Leib=Page bei ihm gewesen. – Kurze Zeit darauf ward er als Fähnrich in die Garde Du Corps versetzt! Was mir nicht sehr angenehm war.; obgleich die Ehre der Haustruppe anzugehören nicht verkannte war es doch das theuerste Regiment der Armee u. kein leichtes Regiment was ich ihm gewünscht hätte. Nun ward er einer Schnelldressur bei der Ersatz=Schwadron unterzogen u. 2 Fähnriche – er u. ein v. Rohr – auf die Bahn gesetzt in Kuraß u. hohen Stiefeln um zum Regiment zu stoßen auf Gutglück nachgesandt! Im Anfang der Campagne war so etwas möglich früher ward alles nur in großen Transporten nachgeschickt – das allein Richtige -. Die beiden Fähnriche kamen denn auch mit einigem Aufenthalt nach Frankreich hinein, aber nun begann das Elend des Liegenbleibens. Wohin sich wenden? Wo ist das Regiment? Niemand konnte Antwort geben. Da entschlossen sich beide jungen Recken zu dem allein Richtigen sich den marschirenden Truppen anzuschließen. Friedrich Carl mit aufgeschnittenen Stiefeln, weil die neuen Leitstiefel ihn unaushaltbar brannten in Folge der langen Eisenbahnfahrt marschirte nun mit Helm u. Kuraß zu Fuß immer vorwärts bis er bei sich kreuzendes Colonnen zum 93ten Regiment kam u. zwar am Morgen der Schlacht bei Beaumont. Als der Oberst des Regiments v. Krosigk ihn gewahrte u. sich nach seinem Schicksal erkundigte, nahm er ihn als Ordonanz, machte ihn selbst beritten u. schlug ihn dann zum Kreuz seinem Regiment vor; das wollte aber nicht darauf eingehn, weil er es sich nicht bei ihm verdient habe. Der brave Oberst ließ aber nicht nach u. so bekam er es doch auf anderem Wege. Rohr der in der Nacht abgekommen war machte nichts mit. Vor Sedan erreichte Fried. Carl sein Regiment wieder u. kam noch etwas ins Feuer.
Hätte der liebe König meiner Bitte nachgegeben wer weiß ob wir ihn dann noch hätten da die 1te Garde Dragoner bei Mers la Tour so viele Officiere ich glaube 22 verloren hatten. –
In Strassburg begann nun ein recht angenehmes Leben in der Familie, wenngleich es in geschäftlicher Beziehung noch sehr arbeitsvoll war u. immer schwieriger wurde, da das Reichskanzler Amt von Berlin aus, täglich mehr die Regierung der Elsässer in die Hand nahm, trotz meiner Berichte u. trotz meiner Bestallung als General Gouverneur, die mir die weitgehendsten Vollmachten gab; diese Bestallung hätte richtiger Weise vorher zurückgenommen werden müssen; das geschah aber nicht. Auch manche Hintertreppen wurden zumal von Baden aus benutzt um andere Wege einzuschlagen u. am schlimmsten war es daß man in Berlin auf die französisch liberale Partei im Elsaß hörte die in dem sogenannten Consistoire ihre leitende kirchliche Spitze hatte – Mr. Kraatz – ein ächter Protestantenvereinler, dem die gläubige deutsche Richtung der ich natürlich die Stange hielt verhaßt war. Wie denn überhaupt im Elsaß auch zu französischer Zeit, ein fortwärender Kampf der Parteien – „ein beständiger Sturm im Glas Wasser“ – vorherrschend war. Diese Herrn des Consistoirs mit Mr. Kraatz an der Spitze kündigten mir eines Tages gradezu Fehde an, als ich entschieden abschlug auf einige ihrer Vorschläge in Personalfragen bei Besetzungen von Stellen einzugehn. Leider fanden meine Berichte u. Vorschläge in Berlin selten Anklang u. oft wurde grade das Gegentheil von dem verfügt was richtig u. ausführbar war so daß ich das Ende meiner Wirksamkeit hier immer deutlicher herankommen sah. Das Schmerzlichste war mir mit, daß der Reichskanzler mein großer u. hochverehrter Onkel, die Triebfeder zu dem allen war, dem schon damals der Culturkampf – gegen die katholische Kirche – in den Gliedern lag, mit dem im Elsaß das Vorspiel beginnen sollte trotzdem ich wiederholt darauf hinwieß, daß nirgends das katholische Volk – u. es war ziemlich ¾ der Bevölkerung einschließlich Lothringens – so abhängig von ihren Geistlichen u. Lehrern war als grade in diesen neuen Reichsländern. Die Richtigkeit hat sich dann auch später unter meinem Nachfolgern eclatant erwiesen; das vom grünen Tisch in Berlin befohlene, war u. blieb unausführbar. –
In geselliger Beziehung lebten wir aber recht angenehm u. genossen das schöne Frühjahr das mit einmal – so wie die Einheimischen es vorausgesagt – eintrat. Anfang Februar zogen die Störche ein u. nahmen auf alten Schornsteinen u. Giebeln in der Stadt ihre gewohnten Nester ein. Wir sahen viele Bekannte auf den Durchzügen der Truppen in die Heimat u. besonders angenehm u. anregend waren die einmal wöchentlichen Abende mit Dr. Fabri, dem Missionsdirektor in Barmen, den ich mir als geistlichen Beirat im Gouvernement schon früher herangeholt hatte u. dem lieben Pastor Reichardt mit seiner klugen Frau geb. Härdter u. dem Pastor Frommel aus Berlin zeitigen Garnisonsgeistlichen in Strassburg, den ich mir auch erbeten u. dessen vortreffliche Predigten den größten Beifall fanden; er war selbst ein geborener Strassburger. Auch hatten wir angenehmen Umgang mit dem Grafen Dürckheim-Montmartin von Fröschwiller, einem ächten deutschen Reichsritter von altem Schrot u. Korn u. auch manchen angenehmen deutschen Beamten u. Officieren; so besonders die Damen meines Stabes: Frau v. Hartmann u. Gräfin Kalnein geb. Eulenburg. –
Auch machten wir mit meinen guten Pferden u. Wagen Ausflüge in die reiche Gegend auch nach Baden hin u. besonders gern besuchten wir eine prächtige deutsche Bauernfamilie die Diemers in Preuß. Wichersdorf wahre Riesen sowohl Männer wie Frauen die uns öfters Sonntags in ihren schönen Trachten besuchten. Fast alle Tage ward ausgefahren auch über Kehl in das Badische Land wo Kammerherr v. Voigts Reetz mit seiner Frau eine hübsche Villa am Schwarzwald hatten u. wo Marie mit Fräulein Gräff u. Gräfin Kalnein Carolin u. Hans in den Bergen in Griesbach einen Badeaufenthalt machten. Vorher hatten wir aber noch die große Freude meinen geliebten Vater auf einige Wochen im Mai bei uns zu haben, der 80 Jahr alt die weite Reise nicht gescheut hatte um seinen Erstgeborenen als 1ten General Gouverneur der alten Reichslande an Ort u. Stelle zu begrüßen. Meine liebe Schwester u. Olga hatten ihm den Winter durch in Carlsburg treu beigestanden u. kamen nun auch mit Georg u. Theodor Malortie, letzterer aus Frankreich, uns zu besuchen zu unserer großen Freude. Es waren prächtige Tage die mir eine wahre Erquickung waren nach soviel Arbeit u. Sorge; dann auch ein Trost nachher in einem bösen Ischiasleiden daß sich bei mir im Juni so hochgradig entwickelte durch eine Erkältung in Oss bei Baden Baden die ich mir dort nach Abschluß des Friedens von Frankfurt a/M auf dem Bahnhof zuzog. Ich kam von Frankf. wo ich Otto besucht hatte u. mußte Nachts einige Stunden in dem kalten Wartesaal zubringen, wo ich mich dummer Weise auf eine Bank von Rohrgeflecht niederlegte. Ich verlahmte völlig, so daß ich im Juni nach Wildbad gehen mußte mit meiner geliebten u. Hans; ich mußte mich tragen doch bekamen die herrlichen Bäder mit so gut, daß ich nach 4 Wochen fast hergestellt nach Straßburg in d. Arbeit zurückkehrte von wo die herrlichen Rheinbäder noch den Rest des Leidens fortnahmen.
Unsere geliebten Kinder Theodor u. Marie wurden durch den ihnen u. uns überaus lieb gewordenen Pastor Emil Frommel in der St. Thomas Kirche die auch Garnisonskirche war eingesegnet. So verlief denn der Sommer bezüglich unseres Familienlebens in angenehmster Weise, dagegen spitzten sich die Dinge dienstlich immer mehr zu so daß ich im August um mein Abschied als General Gouverneur bat der mir auch ertheilt ward mit einer überaus gnädigen Kabinets Order die aufbewahrt werden muß; sie befindet sich in meinem Geldschrank; außerdem erhielt ich den Rang eines kommandirenden Generals. –
Nun nahte die Zeit des Aufbruchs. So nahe der schönen Gegend, lag die Erfüllung unseres Lieblingswunsches, mit den Kindern eine Reise zu machen, vor uns u. da die hohen Gehaltsverhältnisse in denen ich gestanden, auch das Reisegeld hergaben, so bereiteten wir alles vor um in den ersten Tagen des Septembers abzureisen, zumal da mein Nachfolger der Oberpräsident von Kurhessen Herr v. Möller ernannt u. die Geschäfte ihm übergeben werden konnten.
Da kam ganz unerwartet eines Abends Graf Werner Arnim von S. M. Garde Du Corps zu uns zum Thee, der die Campagne im Stabe des Kronprinzen v. Sachsen mitgemacht hatte!
Daß er sich für Caroline interessire, wußten wir wohl aus Berlin her, daß er aber am folgenden Morgen um sie anhalten werde ahndeten wir nicht u. doch geschah es u. waren sie Mittags am 8ten September 1871 das glückliche Brautpaar. Das war ein herrlicher Schluß im Elsaß! Diese große Familienfreude die alles verklärte! Was war natürlicher als das Werner uns begleitete? U. so geschah es. Am folgenden Nachmittag nahmen wir auf dem Bahnhof Abschied von zahlreichen Freunden u. dampften reich mit Blumen beladen nach Basel, wo der schöne Gasthof „zu den drei Königen“ so herrlich am fluthenden Rhein gelegen uns alle mitnahm. Es war einer der glücklichsten Tage unseres Lebens: wir glücklichen Eltern, das noch glücklichere Brautpaar, Marie, Hans u. die treue Frl. Fita Gräff u. ich entlastet von allen schweren Sorgen der Vergangenheit fühlte mich leicht wie ein Vogel in der Frühlingssonne. Ach wie gnädig hatte der Herr uns geführt u. Alles so schön gemacht. Noch in der Erinnerung beuge ich jetzt meine Knie in tiefem Dankgefühl, freilich nun allein, doch sie, die unvergeßlche Frau u. Mutter, wird auch jenseits in den ewigen Friedenshütten mit mir Dank opfern.–
Jetzt begann die schönste Reise meines Lebens begünstigt von dem herrlichsten Wetter. Zuerst über Luzern nach Rigi=Scheideck wo meinetwegen 8 Tage gerastet wurde – ich war Gottlob wieder so kräftig geworden daß ich an einem Tage die 6000′ von d. Scheideck nach Gersau am Vierwaldstetter See herrunter u. herrauf gehen konnte u. vor 3 Monaten wurde ich noch nach Wildbad getragen! Dann ging es nach Oberhofen am Thuner See zum Besuch der Gräfin Pourtalis, wo dann auch leider die Abschiedsstunde für das liebe Brautpaar schlug, u. dann weiter über den Genfer See u. den Simplon, nach dem Lago Maggiore, Mailand, Venedig u. endlich über München nach Dresden zu meiner lieben Schwester, bei der wir einige Tage verweilten. Im Oktober kamen wir nach Berlin u. dann nach Carlsburg zum geliebten Vater, von wo ich um meinen Abschied bat, den ich in sehr gnädiger Kabinetsorder unter Beförderung General Adjutanten von S. Majestät dann hierher erhielt unter Stellung zur Disposition. Der Wunsch meines geliebten Vaters noch an seinem Lebensabend uns bei sich zu haben, u. die Unkenntniß meinerseits in den ländlichen Verhältnissen, nach 39 Dienstjahren als Soldat, der ich nur so unter bester Anleitung abhelfen konnte, erleichterte mir den Entschluß abzugehn, der mir sehr schwer ward. Es war mir ja über Alles Verdienst gut gegangen u. Gottes Gnade habe ich Alles zu danken, was ich vielleicht geleistet habe; aber das werden mir meine geliebten Söhne, die ja alle drei des Königs Rock tragen nachfühlen können, daß mit 53 Jahren als kommandierender General abzugehn, einem nicht leicht wird! Der geliebte Vater übergab mir gleich den Forst u. weihte mich zumal auch in die Rechnungsführung ein, was ich ihm noch besonders danke, denn wenn man vom Detail der Wirtschaft nichts versteht, so lernt man durch dieselbe die seit über 40 Jahre von dem lieben Vater nach denselben Grundsätzen in musterhafter Ordnung u. Pünktlichkeit geführt worden ist, ohne Mühe sich zu orientiren; ich mußte gleich alle Wochenrechnungen in die Titel der großen Rechnung der Güter eintragen wo jeder eingenommene oder ausgegebene Groschen nachzuweisen ist u. sämtliche Beläge Quittungen u. ordentlich eingereicht u. hier bei dem Vater aufbewahrt wurden u. noch werden, da ich grade so wie der geliebte Vater die Guts u. Forstrechnungen weiter sichere. Ich erwähne daß noch insbesondere hier meinen lieben Friedrich Carl; die Arbeit ist gering, der Nutzen aber überaus groß da man jeden Augenblick durch Nachfrage beim Inspektor oder Förster sich Aufklärung verschaffen kann, da man weiß wie man finanziell steht, u. die ganz nothwendige Unterlage gewinnt, auf der man den jährlich zur Einkommen Steuer nöthigen status bonorum nachweisen kann. Ich rathe diese höchst einfache u. klare Rechnungsweise ja beizubehalten die nun schon fast 70 Jahre sich bewährte u. jeder doppelten Buchführung vorzuziehen ist auf die es in der Landwirtschaft weniger ankommt. – Da der geliebte Vater oft an einem schweren Blasenleiden krankte, so übertrug er mir oft auf längere Zeit die ganze Rechnungsführung auch seiner Privatkasse. Hochwichtiger Grundsatz ist: daß keine Rechnungen ausstehn, sondern alles möglichst baar bezahlt wird u. alle Beläge u. Quittungen nicht beim Inspektor sondern bei mir wöchentlich mit den Geldrechnungen niedergelegt werden. –
Da die Hochzeit unserer geliebten Caroline möglichst bald vor sich gehen sollte, so gab es gar viel zu thun im guten alten Carlsburg unter treuster Beihilfe der liebe Louise Gessler der vortrefflichen klugen Hausdame des geliebten Vaters, die als Bonne meines verstorbenen Bruders Ende der Dreißiger Jahre in unser Haus gekommen, seit dem Tode meiner theuren Mutter im Januar 1858 diese Stellung inne hatte. Mit Feuereifer u. seiner ihm eigenthümlichen Gründlichkeit sorgte der geliebte Vater für Alles u. traf die großen Vorbereitungen auf die schon am 28ten Dezember d. J. (1871) bestimmte Hochzeit. –
Sie fand dann auch zu rechter Zeit u. Stunde unter Gottes Segen statt! In der weißen Gallerie ward das liebe junge Paar – Werner als stattlich schöner Garde Du Corps u. Caroline als lieblich schöne Braut in großem Familienkreise von Arnims u. von uns, durch Pastor Wentzel getraut – vide Hausbuch – u. dann reiste das glückliche Paar Abends nach Berlin ab, wo Werner im Arnimschen Palais unten rechts, eine allerliebste Wohnung eingerichtet hatte. –
Mit unserer Car. zog ein Stück Sonnenschein aus unserem Leben u. Hause u. der geliebte Vater, der ihre Heiterkeit so besonders gern hatte, empfand die Lücke besonders; ihn erfreute ihr schönes Bild von Kaulbach, das er in Berlin von ihr hatte machen lassen nun um so mehr. –
Unser Leben mit dem geliebten Vater u. unsern lieben beiden jüngsten Kindern verlief nun ruhig u. harmonisch wobei meine geliebte Frau mit heiterem liebenswürdigem Walten Alles in die rechten Wege zu bringen u. zu erhalten verstand, was mir viel schwerer ward weil mir der Inspektor Waak nicht angenehm war u. ich bald seine Wirtschaft durchschaute der das Vertrauen des lieben Vaters der ihn schon über dreißig Jahre hatte oft mißbrauchte u. dem es fatal war daß jemand ihm in die Karten sah.
Meine liebe Frau wohnte unten in den Zimmern der lieben seligen Mutter u. führte die Hauswirtschaft unter dem Beistand der vortrefflichen Louise Gessler u. auch die äußere, so weit sie unter Leitung der treuen Hedwig Münster stand. Mit Klugheit u. Ruhe wußte sie sich bald in Alles zu finden u. die Zügel der Hausfrau zu ergreifen die ja seit 12 Jahren seit dem Tode der geliebten Mutter in den treuen u. klugen Händen der Frl. Gessler geruht hatten; auch ist es nie zu Differenzen gekommen, was ein beredtes Zeugnis für Louisens Klugheit war da sie doch in allen Dingen sich unterordnete u. in aufopfernder Treue u. Liebe ihres Amtes nach wie vor waltete, wobei zunehmende Alterschwäche – ein Augenleiden das sich als unheilbarer Staar herausstellte u. Hart. Horigkeit – ihr recht beschwerlich wurden.
In nachbarlichen Verkehr traten wir fast gar nicht da wir Ruhe bedürftig waren, auch die zunehmende Kränklichkeit des geliebten Vaters uns immer mehr an das Haus fesselte u. jede Abwesenheit ihm Unruhe machte; auch waren wir unsern sonst ganz angenehmen Nachbarn vermöge unserer fast 40jährigen Außerlandessein fremd geworden u. endlich weil wir in unserem glücklichen Familienleben uns selbst genug waren. – Mit Divitz resp. Pansewitz, wo mein lieber Schwager Krassow mit seiner vortrefflichen lieben Frau Clementine als verabschiedeter Regierungs Präsident lebte standen wir natürlich in enger Verbindung; beide Schwestern schrieben sich wöchentlich u. Frühling u. Herbst sahen wir uns regelmäßig auf längeren Besuch. – Auch mit den Behrs v. Schmoldow u. Behrenhof u. den Homeyer – Ranzin ward das altfreundschaftliche Verhältniß der Familien zu gegenseitigem Wohlgefallen weiter geführt, bis dann die Gebrechen des Alters sich bei meinem geliebten Vater immer mehr geltend machten. Geistig war u. blieb er frisch u. sein fester Wille ließ ihn die gewohnte Tageseintheilung mit Arbeit u. Leitung inne halten. Abends las er uns gern u. sehr angenehm vor. Punkt 10 Uhr ging er aber zu Bett u. oft waren dann die Nächte die besondern Leidenszeiten. So kam der Frühling 1873 heran u. nach einem Besuch des Kammerherrn von Bohlen auf Bohlendorf einem alten Freund der Familie wo er sich bei rauhem Wetter auf einer Ausfahrt erkältet hatte nahm der Herr ihn nach kurzem Unwohlsein am 1ten Mai 1873 zu sich (vide Hausbuch) am 11ten Juni wäre er 83 Jahr geworden. „In Deine Hände befehle ich meinen Geist, Du hast mich erlöset Herr Du treuer Gott“ Ps. 31,6 war sein gewählter Spruch auf seinem letzten Gange.
Gott segne sein Andenken bei uns zu Kindeskind!
Nun begann ein neues Jahr beschäftigtes Leben für uns beide. Die Testamentseröffnung (rid. Hausbuch) hatte die reiche Erbschaft des geliebten Vaters unter uns dreien – meiner lieben Schwester, meinem Bruder u. mir – nach seinem letzten Willen getheilt, wonach mir die Carlsburger Güter als Fideicommiß zufielen. Die sorgenlose Zeit war nun, sozusagen, vorüber u. der Kampf um das ländliche Dasein begann recht ernst da manche Verluste u. große Ausgaben mich trafen die der Inspektor Waak verschuldet hatte abgesehn von schlechten Erndten u. des mich besonders schwer drückenden Fideicommißstempels der über 2 Jahr mit 750 M. monatlich abgezahlt werden mußte; dabei hatte ich fast das gesamte todte u. lebende Inventar zu erneuern. – Des Herrn Gnade u. meiner geliebten Frau haushälterischer Sinn half mir almälig aus dem Allen heraus. Auch manche Sorgen traten an uns heran durch Unfall u. Krankheit aber auch viele Durchhülfen u. Gnade u. manche große Freuden verlebten wir durch u. an unseren lieben Kindern u. Verwandten. In dem Carlsburger Hausbuch ist ja Alles ausführlich niedergeschrieben u. ein jeder kann es dort nachlesen den es angeht; hier mögte ich aber doch kurz das Kreuz u. die Freuden erwähnen die uns immer fester den Blick nach Oben richten ließen u. die mein Herz noch heut in liebstem Dank bewegen wenn ich an all‘ die Gnadenwunder denke die der Herr über uns hat kommen lassen.
Zuerst, noch wärend mein lieber Vater lebte, erwähne ich des erschütternden Vorfalls der mir mit unserem geliebten Schwiegersohn Werner am 5ten April 1872 zustieß, wo ich auf der Schnepfenjagd im Steinfurter Holz in ein Fenn versinkend, an dem Gewehr von ihm herausgezogen ward u. dies ihm auf die Brust losging, so daß Rock u. Weste in Flammen standen! Einige 30 Schrotkörner wurden in seinen Kleidern gefunden „Du bist der Gott der Wunder thut“ ließ mein theurer Vater dort an die Stelle in einen Stein hauen vor der dort gepflanzten Werner Eiche! – Kind u. Kindeskind sollten des stets eingedenk bleiben. –
Seit der Zeit hing ich meine Flinte an den Nagel, denn jede Jagdfreude war mir vergellt. Wenn ich auch als Wirth bei größeren Jagden manchmal mit ausrückte so habe ich doch von dem Tage ab die Jagd aufgegeben u. meinen Söhnen überlassen. –
Meine geliebte Frau hatte auch durch wiederholte Knochenbrüche schwere Prüfungen zu bestehn; 1874 brach sie auf der Treppe in den Garten, zwischen Schloß u. Wirtschaftshaus, mir aus dem Arm gleitend, der rechten Fuß über dem Gelenk; den 21ten Febr. 1878 hier in ihrer grünen Stube (vid. Hausbuch) den rechten Arm 2 mal oberhalb der Hand u. im Ellenbogengelenk u. dann, 1880 am 3ten Juni in Münster am Stein, wo sie mit Marie war, die Schulter mit Aussetzung des Armes wieder durch ein Fall in der Stube. Mit wunderbarer Kraft, ohne ein Wort der Klage ertrug sie Schmerz u. Heilung monatelang; obgleich der junge Arzt in Münster der die Aussetzung des Armes nicht erkannte u. der 1te Chirurg Bon’s den ich v. Carlsburg aus zuzog, erst nach 8 Tagen die Einrenkung vornehmen konnte wegen Abwesenheit, – 1882 bekam sie in Pansewitz eine Lungenentzündung die Gott Lob gut vorüberging, bis dann von 1885 ab in langen Unterbrechungen ihr schweres Leiden begann, dem sie nach Gottes Ratschluß am 15ten Februar 1889 erlag sanft einschlafend ohne ein Wort der Klage! Hart gegen sich selbst u. alles eigene Leiden u. liebevoll u. sorgsam gegen jedes Fremde, ist sie auch darin ein schönes Vorbild für unser ganzes Geschlecht u. namentlich für unsere Frauen geworden. Sie duldete mit stillem sanftmüthigem Geiste. – Auch die Kinder blieben nicht ohne Heimsuchungen. Friedrich Carl mußte wegen chronischen Catharrs einen Winter nach Egypten; Theodor wegen eines ähnlichen Zustandes nach der südlichen Schweiz u. Oberitalien u. bekam 1877 als Reitlehrer in Metz einen Thyphus usw. ich zu ihm eilte u. er dann hier im Winter sich hauptsächlich durch Wasserkur (Dr. Vieck Echierberg – Stettin) erholte. –
Auch Hans war 2 Jahrlang in Folge einer Brustfellentzündung schwer heimgesucht, wo seine geliebte Mutter ihn treu pflegte in der Schweiz, an der Riviera u. in Ajaccio auf Corsika. Gottlob ward auch er völlig hergestellt u. konnte seinen Gymnasialunterricht, den er in Gütersloh aus der Secunda verlassen mußte, nach 2 Jahren wieder aufnehmen, wo er 1884 ehrenvoll sein Abiturienten Examen als Primus omnium bestand.
Im Jahr 1874 starb mein lieber Schwiegervater der Generallieutnant v. Below u. ihm folgte meine verehrte Schwiegermutter 1874 in Divitz zu unserem Leidwesen, obgleich es eine gnädige Erlösung im jahrelangen Leiden war. Beide sind in Kenz begraben wo auch die geliebte Hedda Gröben ruht, der dann zu unseren großen Schmerz Marie Kanitz ihre jüngste Schwester folgte; beide am Kindbettfieber nach der Geburt der so ersehnten Söhne u. beide nach 11 tägigem Leiden! Marie ruht in Podangen. – Dann traf uns der schwere Schlag des Todes meines Bruders Carl am 15ten October 1878 in Venedig u. 1881 am 6ten September grade am Verlobungstage, nach 10jähriger Ehe, verlor unser geliebtes Kind Caroline ihren theuren Werner in Gröbersdorf in Folge wiederholter Schlaganfälle zu unserer großen Betrübnis.
Auch mich, nachdem ich durch einen Sturz mit dem Pferde 1875 mir den Arm ausgefallen, erfaßte 1884 ernste Krankheit in einem schweren Magenleiden so daß ich begleitet von meiner lieben Frau zu einem berühmten Magendoktor nach Erlangen in seine Klinik gehen mußte, der mir aber nicht helfen konnte, wogegen die liebevolle Pflege u. Obhut meiner geliebten Frau mich soweit wieder brachte, daß ich mit Gottes Hilfe nach Jahr u. Tag meinem Beruf doch wieder nachkommen u. wieder reiten konnte u. noch kann. Endlich beklagten wir schmerzlichst meine geliebte Frau schon in Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen den Tod der geliebten Schwester Clementine Krassow am 12ten Sept. 1888 u. noch am 17ten Oktober 1888 den Heimgang unserer treuen Luise Gesler, nach kurzem Leiden an einer Lungenentzündung, was auf meine liebe Frau die in schwerem Leiden darnieder lag, den tiefsten Eindruck machte. –
Aber auch schwere politische Ereignisse erlebten wir, in den zwei Kriegen u. Kriegsgeschrei erfüllten Zeiten u. ganz besonders waren es die fluchwürdigen Atentata auf unserm alten Heldenkaiser am 11ten Mai u. 2ten Juni 1878 die unsere Herzen empörten u. der Vater, ganz des „Großen Kurfürsten“ im Kanal mit seiner heldenmäßigen Besetzung der uns tief bewegte. Am 8ten März 1888 verschied dann der geliebte Kaiser Wilhelm I der uns beiden ein besonders gnädiger Herr gewesen war u. dann sein erhabener Sohn Kaiser Friedrich II der große Dulder 3 Monate später!
Aber andererseits haben wir so unendlich viel Freude u. Segen erlebt u. empfangen in unserer 39jährigen glücklichen Ehe, daß Worte es nicht ausdrücken können u. daß wir uns nur in tiefsten Danke beugen können vor Gottes Liebe u. Gnade mit uns u. den Unsrigen.
Beide geliebte Töchter glücklich verheiratet – Marie am 27ten November 1879 mit unserm lieben Hans Kanitz dem Witwer der geliebten Marie Krassow die 1877 im Juli gestorben war. – freilich Car. schon nach 10 Jahren Witwe – aber nun doch wiederum glücklich an der Hand des geliebten Schwagers womit ein Lieblingswunsch von uns beiden sich erfüllt hat. –
Dann, beide lieben Söhne Friedrich Carl u. Theodor, durch zwei liebe Frauen gesegnet u. in schönen militärischen Stellungen als Rittmeister u. Schwadronchef resp. Persönlicher Adjutant des Prinzen Albrecht v. Preußen, u. unser wohlbestallter Lieutnant im 1ten Garde Regiment, in dem seine beiden Großväter geblutet für König u. Vaterland u. nun 12 liebe Enkel (jetzt schon 13) die wie die Palmzweige um uns aufwuchsen – sind das nicht reiche Segen die auf uns kamen? Abgesehn von den zeitlichen Gütern, mit denen des Herrn Gnade uns auch über Bedürfniß bedacht hat. Gedenken wir nun noch an all‘ die Liebe die uns von lieben Menschen zu unsern lieben Verwandten u. Freunden in so reichem Maaße erwiesen worden, verbunden mit allen Genüssen eines reichen glücklichen Lebens in den lieben 4 Pfählen in der lieben Heimat, in dem schönen alten Familienbesitz, unserem guten Carlsburg, gedenken wir schließlich an die Freuden auf Reisen, wo es mir vergönnt war, meiner geliebten Frau manche entzückende Gegend zu zeigen, so strömten unsere Herzen über von Gottes Gnaden Führungen. –
War es doch immer meine größte Freude mich an der wahrhaft kindlichen Freude u. Genußfähigkeit meiner theuren Frau zu erquicken – in den Alpen, in Tyrol in Italien; alles Schöne genoß sie in vollen Zügen u. ihre meisterhaften kleinen Skizzen geben Zeugnis, wie richtig sie sah u. fühlte u. immer voll Bescheidenheit u. milde im Urtheil über Andere, auch bei den hervorragendsten Leistungen, zumal in der Musik. Wollten sie doch alle nur von der Mutter begleitet sein, unsere lieben Kinder die, wenn auch keins mit ihrem Talent begabt, doch alle musikalisch sind. Meine theure Mutter pflegte zu sagen: „am Klavier sieht Paulinchen wie eine Muse aus“. Und sie hatte recht, auch mir hat sie gar oft den Eindruck gemacht. So ist denn unser Leben hienieden wie ein schöner Traum dahingegangen, der nun unterbrochen, aber mit Gottes Hülfe u. Gnade sich Jenseits (fortsetze)
Ende fehlt!