Selbstgeschriebene Lebensgeschichte von Caroline erste Gräfin Bismarck-Bohlen.Teil 1

Meine geliebten Kinder!

Ich will meine einsamen Stunden damit beschäftigen, meine Kindheit u Jugend für Euch aufzuzeichnen, zur Erinnerung an vergangene Tage. Da ich noch im Wendepunckt der alten Zeit geboren bin, und nach der alten Art u Weise erzogen bin, die auch ihr Gutes hatte, obgleich ich sehr vorziehen würde, heut zu Tage Kind, zumal Euer Kind zu sein, so mag der Vergleich mit der Gegenwart u Zukunft nicht uninteressant sein, und will ich versuchen entschwundene Zeiten wieder zu vergegenwärtigen. – Zugleich wünsche ich, daß diese Aufzeichnungen in Carlsburg bleiben, da sie hauptsächlich ein Local Interesse haben. Die Jahreszahl bedeutet wann ich angefangen habe zu schreiben u wann ich fortgefahren. –

Meine lieben Eltern wohnten in Cassel, als ich den 24ten Juli 1798 das Licht der Welt erblickte, wo mein Vater [Friedrich Ludwig von Bohlen, Reichsgraf *09. Oktober 1760 in Gnatzkow, †20. März 1828 in Carlsburg kurhessischer Hofmarschall und Kammerherr, Grundherr auf Carlsburg, Groß Jasedow, Steinfurt und Zarnekow] der seit seinem 14ten Jahre im hessischen Garde Regt. gedient, Hofmarschall war. Meine Mutter, Caroline von Walsleben, geb. den 8ten Jan. 1781 hatte er in Niederhof den 6ten Nov. 1795 geheirathet. Ihr Vater war aus Mecklenburg, nachdem er sein Gut Lusewitz bei Rostock verkauft, nach Stralsund gezogen, dort den 22ten Jan. 1790, 46 Jahre alt gestorben. Im Jahre 1792 heirathete meine Großmutter [Susette Elisabeth Waitz von Eschen *21.Januar 1762 †28. August 1839] den Oberstlieutnant Philipp Christian v. Normann gest. 1825 den 25ten April. Sie starb den 28ten Aug. 1839, 77 Jahr alt. Sie war geboren den 21ten Jan. 1762 u hatte Niederhof 1791 vom Oberstlt. von Klinckowström gekauft. –

Um auf mich zurück zu kommen, so ward das Mädchen liebevoll aufgenommen, wenn auch der Güter in Pommern wegen, die noch Lehngüter waren, ein Sohn sehr erwünscht wurde. Ich erhielt die Namen Caroline, nach dem Großvater Bohlen, Elisabeth nach der Großmutter Normann, Agnes nach der Großmutter Bohlen (Stief) u Sophie nach der Tante meiner Mutter der Ministerin von Waitz.

Zu meinen ersten Erinnerungen gehören die einer Reise nach Pommern im Jahre 1802, die meine Eltern mit mir u meiner Schwester, geboren d. 10ten Juni 1800, machten, wo ich 4 Jahre alt war. Der längste Aufenthalt war bei der Großmutter in Niederhof; von der Zeit an war ich ihr Liebling u denke ich mit Vergnügen u Dankbarkeit an alle ihre Güte. In Carlsburg waren wir auch, aber viel beliebter in Niederhof, u viel lieber dort. – Zu meinen frühesten Erinnerungen aus damaliger Zeit in Niederhof gehören ein Spitz u daß der Großvater Karpfen fütterte auf einer Brücke stehend, die über ein Bassin führte das vor dem Hause war, und im Jahr 1824 zugeschüttet wurde, zur großen Verschönerung. –

Ich erinnere mir noch aus jener Zeit die Feste als der damalige Landgraf von Hessen, Kurfürst wurde, nach dem Reichsdeputationsbeschluß, auf dem letzten Reichstage zu Regensburg 1803. Meine Eltern nahmen mich Abends im offenen Wagen mit, die Illumination zu sehen, (auch wir hatten ein Transparent am Hause, in der Königstraße) mein guter Vater war aber so besorgt, daß ich mich erkälten möchte, daß er mich so in seinen Schanzloper [kurzer Oberrock aus dickem Fries] hüllte, daß ich wenig davon sah. Da ich für meine Töchter schreibe, so erwähne ich auch die Toilette meiner Eltern, die einen tiefen Eindruck auf mich machte. Meine Mutter hatte ein Kleid an von drap d’argent [silbernes Tuch, oftmals verziert mit Blumen- und Ranken-Mustern], mit einer breiten bordure von blauen Blumen in Jolie gestickt, dazu eine Schleppe von blauen moire [Gewebe mit einer Maserung; marmoriert], durch u. durch mit Schuppen in Silberpailletten, in der Mitte silberne Aehren. Ein großer fermoir [Verschluss] von Brillanten mit filigran u Brillanten um den Hals: Brillanten Ohrringe. Später wurden dafür die Smaragden eingetauscht die ich noch habe, und andern Schmuck den meine Schwester erhielt. Mein Vater hatte einen Rock von drep d’or [Goldtuch] mit Jolieblumen gestickt zu dieser Feier an, aus Lyon express verschrieben. Auch erinnere ich mir noch einen Rock von braunem Atlas mit bunten Bouquets gestickt, der hernach an eine Theater Garderobe verkauft wurde.-

Sehr früh erhielten wir eine Gouvernante, ich glaube schon den Winter nach unserer Rückkehr aus Pommern. Es war Mlle Ruppell aus einer réfugiés [Flüchtlingsfamilie] Familie aus Cassel, meine Mutter liebte sie sehr, sie blieb aber nicht lange bei uns, da ein Nervenfieber sie vermochte die Stelle aufzugeben. Ich lernte gern, wünschte schon damals Latein zu lernen, u. bekam schon früh Musik Unterricht, freute mich dessen nach Kinderart, habe es aber leider nie weit gebracht, da mir Talent u. später guter Unterricht fehlte. – Aufmerksam, gewissenhaft, reizbar, eitel, empfindlich, sehr lanksam für die die ich liebte, soll ich ein schweres Kind für die Gouvernante gewesen sein. Ich hatte das Unglück ein frühreifes zu sein, was eigentlich mit den damaligen Erziehungs=Grundsätzen ganz gut übereinstimmte, die ganz die der Mlle de Genlis waren, von einem Kind möglichst den Verstand u die Rücksichten der Erwachsenen zu begehren, u wurden die Kinder überhaupt nur mehr geduldet, als daß sie die Hauptpersonen im Hause, wie heut zu Tage waren. Dazu kam, daß ein großer Werth auf das Wissen gelegt wurde, hierin half mir ein gutes Gedächtnis, aber meine Schwester war doch der Liebling der drei Gouvernanten, trotzdem sie es sich weit weniger zu Herzen nahm wie ich. –

Die zweite war eine Mme Souttzener aus Neufchatel, von der wenig zu sagen ist. Die Geographie der Schweiz war unser Hauptstudium, u noch stammt ein großer Fettfleck auf der alten Homann’schen Karte der Schweiz als Denkmal ihrer nächtlichen Studien von ihr her. Es entdeckte sich, daß sie eine Fuhrmannsfrau sei, u da sie weder Kenntnisse noch Bildung besaß so wurde sie entlassen. In Handarbeit war sie recht geschickt u erinnere ich ein Nadelbuch was ich unter ihrer Anleitung für meine Großmutter verfertigte. Ich glaube, daß im Herbst 1806 Demoiselle Schröder, eine Professorentochter aus Göttingen an ihre Stelle trat. Vorher im Sommer besuchte uns noch die Großmutter aus Niederhof, was für uns Kinder eine große Freude war, da sie sich sehr gern mit uns beschäftigte, mit uns mariage [Vorläufer des Kartenspiels Sechsundsechzig] spielte; auch erinnere ich mich, daß sie Stellen aus der Zaïre [von Voltaire] recitirte. Doch muß ich noch vorher erwähnen, daß meine Eltern 1804-5 Badreisen nach Carlsbad machten, indem der Vater an dem sogenannten schwarzen Erbrechen sehr krank gewesen, aber durch diese Curen gänzlich wieder hergestellt wurde. Mich machten die Abwesenheiten der Eltern sehr unglücklich, da ich nie gern die Autorität der Gouvernanten unumschränkt über mich erkannt habe. Sie besaß dennoch eine sehr große über uns, wir hatten ein Wohnzimmer u ein Schlafzimmer mit ihr, u ausgenommen das Mittagessen auch alle Mahlzeiten gemeinsam. Hier fällt mir das erste Mal ein, daß meine Mutter mich sehr ausgescholten hat; es ist wohl öfter geschehen, aber nie hat es solchen Eindruck wiedergemacht, ja noch jetzt lese oder höre ich nicht den Ausdruck den sie gegen mich gebraucht, j’ai nourri un serpent dans mon sein! [Ich habe eine Schlange in meinem Busen gefüttert] ohne dessen zu gedenken. Es war in ihrem Wohnzimmer, sie saß am Fenster vor ihrem Nähtisch an dem ich zerknirscht stand. Die Herzogin von Gotha die zum Besuch in Cassel war, hatte bei ihr Chocolade getrunken; die beiden leeren Tassen die mit der Amor Verkäuferin u die lilla mit Epheu Gehängen standen auf dem Tisch, so genau erinnere ich mir nach beinah 50 Jahren noch die Umstände meiner ersten schweren Prüfung! Folgendes war die Veranlassung: Wir spielten sehr gern bei den jüngern Schwestern unserer ersten Gouvernante, ihr Vater, Herr Rüppel war Tuchhändler in der Schloßgasse u fürchtete ich mich vor ihm, denn wenn er uns erwischen konnte, bekamen wir immer einen sehr stacheligen Kuß! Madame Rüppel sah uns gern, ihre jüngsten Töchter waren zwar etwas älter wie wir, aber besonders Georgine ihre Puppenstube, u alles was sie that u einrichtete, fand ich unvergleichlich, u erinnere ich mich die gepreßte Ledertapete im Saal mit den hochlehnigen Stühlen mit gelbem Velours d’Utrecht [Mohair-Velours; Prägung in Samt] bezogen, wie den Zopf Basilikum im Schlafzimmer. Wir hatten dort mehr Freiheit, der Puppenschrank stand oben auf dem Flur, wir spielten auf der Treppe. – Kurz Madame Rüppel sah uns lieber allein, wie in Begleitung der Demoiselle Schröder u trug mir auf dies so einzurichten, was ich wohl sehr ungeschickt gethan habe, da ich einer Klatscherei beschuldigt wurde. Die Folge war, daß der Umgang ganz aufhörte. – Meine Großmutter nahm meine Mutter mit nach Pyrmont, wo sie beide die berühmte Saison 1806 erlebten, wo die Königin Louise von Preussen sich zuletzt ihres Glücks u ihres Glanzes erfreute. (vom 19ten Juni bis zum 29ten Juli 1806) Die Großfürstin Marie von Weimar, die den ältern Leuten noch mehr in ihrer Anmuth u Bescheidenheit gefiel wie die Königin, war auch dort. Die Oberhofmeisterin der Königin Grf. Voss u die der Großfürstin Gräfin Henckel, waren schon Morgens an der Bank zu finden, im Spiel vertieft, u überließen ihre Fürstinnen ihrem Schicksal. Gräfin Voss im Oberrock von drap d’or! Geschenk des Kaisers Alexander, der das Jahr vorher bei seinem Besuch in Potsdam so ungemein freigiebig war. –

Mein Vater beschäftigte sich gern mit mir, er lehrte mich das Vaterunser, nahm mich nach Tisch mit auf sein Zimmer, wo ich besonderes Spielzeug hatte u war ich wohl noch sehr klein, da ich mich nicht erinnere, daß meine Schwester dabei gewesen. Auch zeichnete ich bei ihm, aber nicht ordentlich. –

Vor der Catastrophe von 1806 war meine Mutter öfter den Abend bei der damaligen Kurprinzessin, geb. Printeß von Preussen, wohin auch wir mitkamen. Es wurden dort Stücke mit ausgetheilten Rollen vorgelesen, u. A. die Braut von Messina, wir spielten mit den Prinzessinnen u dem Prinzen in demselben Zimmer, aber nur ganz leise um nicht zu stören, u war ihr größtes Vergnügen Mühlrad drehen, was Caroline ihren Kindern als schädlich untersagt. Es war nicht sehr kurzweilig, so viel weiß ich noch davon. Im Herbst 1806 kann Demoiselle Schröder zu uns als Gouvernante, die den bedeutendsten Einfluß auf unsere Erziehung u Ausbildung gehabt, u deshalb muß ich noch mehr von ihr sagen. Sie hatte große Eigenschaften, viele Kenntnisse, sie war klug u durchschaute die Kinder, aber sie war nicht natürlich, sogar verschroben. Daher hatte sie auch eine unglückliche Vorliebe für alle künstlichen gesuchten Ausdrücke u hatte mir das so gut eingeprägt, daß ich mich erst mühsam wieder dem Natürlichen zugewendet habe, als dem einzig Angemessenen u Liebenswerthen. Sie besaß eine gründliche Kenntniß der franz. Sprache, die ich ihr verdanke. Dabei war sie aber nicht im Stande einen Brief ohne große Mühe zu schreiben. Sie hatte alle Briefsammlungen der berühmtesten Briefsteller u wollte es ihnen gleich thun ohne es zu können. Jetzt weiß ich wohl woran es fehlte, ihr ging die Form über den Inhalt, für die Kinder im Ganzen weniger Sinn haben, während beide möglichst zu beachten sind. Mit Schrecken denke ich noch an einen Brief von 6 Seiten Entschuldigungen, den ich meiner Großmutter zum Geburtstag schreiben mußte. (Jan. 1808) weil ein Geldbeutel von rother Seide in filet [Netz] mit Stahlperlen, bei dem sie eine neue Erfindung machen wollte, nicht fertig wurde. Eine schwere Aufgabe für warme Kinderhände! – Ungnädig wurde die Versäumniß dennoch vermerkt, meine Großmutter hatte die große Güte uns beiden stets zu antworten u sind wir mit ihr seit unserer Kindheit in einem fortgesetzten französischen Briefwechsel gewesen, der mir manchen Schweißtropfen gekostet, aber auch viel Nutzen gebracht. Demoiselle Schröder ergriff Alles mit brennendem Eifer, wollte Alles machen u können, Papparbeiten, Blumen. Meiner Mutter zu gefallen war ihr höchstes Ziel. Besser hätte sie gethan, sich an Goethe’s Ausspruch zu halten: wer etwas leisten will, muß sich zu beschränken wissen. – Sehr früh schon wurde Sorgfalt auf die Ausbildung unserer Talente gewendet, leider ohne Erfolg, da später die Gelegenheit fehlte sie auszubilden. Sonst hatte ich vom 5ten Jahre Musiklehrer, später Zeichenlehrer u einen sehr guten französischen Tanzlehrer. Unsere Zeit war sehr besetzt, da aber keine halbstündigen Ausarbeitungen gemacht wurden, nur Übersetzungen u dergl. so wurde der Verstand nicht sehr angestrengt, heut zu Tage ist der Unterricht weit anregender. Sehr lebhaft im Gedächtnis ist mir der erste Durchzug der franz. Truppen geblieben, die Anf. Oct. 1806 die hessische Neutralität brachen. Ihre Musik spielte: freut Euch des Lebens! während sie bestimmt waren so Vielen das Leben zu verbittern u zu nehmen. Wir sahen sie aus den Fenstern des franz. Predigers der Colonie, Rammt, in der Frankfurter Straße, durchmarschieren. Viel besorglicher war aber die feindliche Besetzung von Cassel, den 1ten Nov. desselben Jahrs durch die Franzosen. Den Abend vorher sah man schon ihre Wachtfeuer auf den Höhen die Cassel umgeben, der Vater war immer auf dem Schloß, wir oben bei der Gouvernante u weiß ich noch daß die sonst so gern gegessenen gebrühten Kartoffeln den Abend garnicht schmecken wollten. Den anderen Tag nun, beim hellsten Sonnenschein u schönsten Wetter strömten sie herein. Den Morgen hatten wir keine Stunden, wir waren bei der Mutter, ich lernte Schnur auf der Gabel machen um mich zu zerstreuen. Eine Engländerin Mme Deward die gegenüber wohnte, kam in großer Sorge herüber, u beide Damen wünschten Heinrich IV herbei als Anführer der Franzosen, u ward ich gefragt, ob ich wohl wüßte wer er sei? Ich weiß nicht gewiß ob ich es wußte oder von der Zeit an strebte es zu wissen. – Gegen 2 Uhr trat der Offizier der bei uns einquartiert war, mit dem Hut auf dem Kopf bei meiner Mutter ein, u verlangte sein Zimmer, was sie im durch den Bedienten anweisen ließ. Der Vater hatte die ganze Nacht durch im Schloß packen lassen, u der Kurfürst war nach Holstein entflohen. – Im Jahr 1806 u 7 waren wir oft zum Thee bei meiner Mutter, wo ihre Bekannten sie besuchten, ich spielte zwar u.a. sehr gern mit einer Arche Noah, hörte aber auch sehr gern dem Gespräch der Großen zu. Wir hatten einen hübschen Garten vor dem Weissensteiner Thore, den ich sehr liebte u gern hinging. Mitunter, aber selten, ward dort Thee getrunken. Wenn Mamsell Schröder besonders zufrieden mit uns war, dann wurde anstatt unserer gewöhnlichen Nachmittagsmilch Thee gemacht, worin sie ein Stückchen Vanille that, u eine Comödie aus Weisse’s Kinderfreund gelesen. Dieser hat mir überhaupt viel Vergnügen gemacht, hernach schenkte ihn uns die gütige Großmutter. Auch nahmen wir warme Fuldabäder u wanderten mit der alten Christine des Morgens früh dahin, wo es uns sehr amüsierte immer in einer Ziehfähre überzusetzen. Dies war 1808 u auch wohl früher; Christine trat Michaelis 1807 in unsern Dienst, vorher war ihre Schwester unsere Pflegerin. Ein großer Kummer war für mich, eine Reise die mein Vater nach Itzehoe machte, dem Kurfürsten gerettete Kostbarkeiten zu überbringen, ich fürchtete alles Mögliche für ihn, da viel von Räubern in der Lüneburger Heide die Rede war. Er kam aber unangefochten durch u brachte uns aus Hamburg jeder eine Puppe mit, die Meinige in rohes Atlas gekleidet, u ein hübsches naturhistorisches Buch was schon Enkel u Urenkel erfreut.

Da ich dies zu sehr verschiedenen Zeiten geschrieben, u nicht immer wieder durchgelesen, so sehe ich, daß ich mich öfter wiederholte, was ich zu entschuldigen bitte, u zu vermeiden streben werde.

Damals besuchte meine Mutter häufig der Oberstallmeister v. Gilsa, den ich sehr gern mochte, der aber einen nachtheiligen Einfluß auf meinen lieben Vater ausübte, indem er besonders ihn bewog in westfälische Dienste zu gehen. Dies ephemere [kommissarische] Königreich ward im Tilsiter Frieden Juli 1807 errichtet, u Cassel die Hauptstadt desselben. Um diese Zeit legte mein Vater auch den Puder ab, was mir gar nicht gefiel. Wir trugen bis dahin unsere Haare auf merkwürdige Art, mit einem Hahnenkamm, der mit einem feuchten Schwamm zum Stehen gebracht wurde, sonst abgeschnitten. Nun sollten sie wachsen, meine Mutter wollte sie nur à la Chinoise [im chineschen Stil] tragen lassen, davon befreite uns Bettina Arnim geb. Brentano, die damals noch unverheirathet, sehr viel zu meiner Mutter kam, ihr Bruder Clemens auch zuweilen, u weiß ich, daß ich ihr damals sehr dankbar dafür war. – Im Spätherbst hielt der König von Westphalen seinen Einzug den wir in der oberen Königstraße aus einem Fenster bei Frau Jordis, geb. Brentano, Schwester von Frau von Savigny mit ansahen u ich mich vor den Kanonenschlägen fürchtete. Meine Mutter ward Dame du Palais [Hofdame] u mein Vater Kammerherr u Maitre de la Garderobe [sich um die Kleidung des Königs kümmert]. Da wurde unser ganzes Leben ein viel bewegteres, unser Umgang vermehrte sich, mit Scheele’s waren wir sehr viel zusammen, er (der später alte hannöversche Minister) war damals Staatsrath u ward später Gesandter in München. Malchen Laffert, die Cousine von Grf. Oeynhausen, Selma Groben, besonders den Winter von 1808-9 der unser letzter war, sahen wir uns viel; auch mit den Kindern des Grafen Bocholtz u dem Sohn des bairischen Gesandten Lerchenfeld. Erstere haben mich noch aufgesucht, Letzterer nie, hatten wir viel Umgang. – Mit besonderer Freude gedenke ich des Aufenthalts meiner Mutter in Wilhelmshöhe [Bergpark mit Schloss], u wenn sie uns dann auf einen Tag, auch einmal auf 2 Tage herauf kommen ließ, wo ich bei ihr im Bette schlief, aber wenig zum Schlaf kam, aus Angst sie zu stören. Herrlich war der damalige Aufenthalt dort u schwebt mir der Ort noch immer als einen der schönsten vor, die ich sah. Dort beschenkte uns auch die Königin jede mit einer Uhr, die Caroline von mir u Julie Malortie wieder von ihrer Mutter erhalten hat, eine Jede mit 10 Jahren, während 3 Generationen! Später erhielt ich noch ein Paar Ohrringe die kleinen Rauten die noch existiren. Die Bommeln verkaufte ich für 1 Farbenkasten u Zeichen Material. Mr Breton unser Tanzlehrer übte uns im Ballet ein, denn unsere Fertigkeit im Tanzen ward auch auf den Hoffesten benutzt. Einmal im Winter zum Geburtstag der Königin, 22te Febr. ward oben auf der Löwenburg die Reine de Golconde [Oper und Ballett] von Liebhabern aufgeführt, wir Kinder tanzten ein Ballet, u zum Beschluß ich, Julie, Scheele u der Papa Schlotheim eine Allemande, die um die Hälfte abgekürzt wurde, weil unser Lehrer kein Ende finden konnte. Diesem Schlotheim sein Vater der auch eine Stelle an Hof bekleidete, trug einst Mme Morio der Frau des Oberstallmeisters ihre Schuhe nach u schrieb darin: „je vous atore“ [ich liebe dich]. Sein Sohn heirathete später die natürl. Tochter von Jerome u mit ihr eine ehemalige Commende. Wir waren als provenzalische Bauermädchen gekleidet mit schwarzen Sammet Mieder, Hut von der Seide, u wurden mir dazu Locken geschnitten die ich von da an trug, an der Stirn, das Souper ward unter einem Sternenzelt in einem runden Saal eingenommen, auf ein gegebenes Zeichen fiel der Vorhang u aus jeder Nische die mit Grünem geschmückt waren, trat ein Kinderpaar heraus u überreichte der Königin ein Blumenkörbchen. Des Königs Geburtstag fiel auf den 15ten Nov. der in Carlsburg gewöhnlich dem Gänseschlachten gewidmet war u noch ist. – Der Winter des Jahres 1808 zu 9 war ein besonders kalter u schneereicher, meine Mutter hatte uns Oberröcke mit Patten machen lassen, im Dragonerblauen Casimir u eben solche Mützen mit einer Pelzbräm rund um den Kopf, die man Kosackenmützen nannte. Dazu Bubuschen von Tucheggen [Fußbekleidung].

Aus Pommern kamen besorgliche Nachrichten über die verwickelten Vermögens=Umstände meines Großvaters. Seine Hauptgläubiger schrieben meinem Vater u suchten ihn zu bewegen die Güter anzunehmen, um sie aus dem Concurs zu retten. Mein Vater nahm Urlaub u reiste hin an Ort u Stelle zu unterrichten u faßte bei seiner Rückkehr, den allerdings schweren Entschluß einen Ort wo er über 30 Jahre, meine Mutter 14 Jahre gewohnt, zu verlassen u sein Haus zu verkaufen. Schon der Urlaub war von Seiten des Hofes ungern gegeben, u die Stelle des maitre de la Garderobe genommen worden, der Abschied machte ihn vollends mißtrauisch. Mein Vater negozirte [handelte] einige Kapitalien die ihm höchst nothwendig zur Übernahme der Güter waren u sagte dem nachherigen Minister v. Schmerfeldt den er damit beauftragt: j‘ espère que notre affaire réussira [ich hoffe unser Geschäft gelingt], auf dem Friedrichsplatz. Dies hört ein Spion, der dies sogleich berichtet, u die kluge Polizei bringt diese unschuldigen Worte im Zusammenhang mit dem Dörnberg’schen Aufstande der zu derselben Zeit – Monat April 1809 – im Gange war. Eines Tages, d. 26ten April bekamen meine Eltern den Befehl die Hauptstadt binnen 24 Stunden, das Königreich binnen 3 Tagen zu verlassen. Savoir une conspiration et ne pas la de’convoir c’est un crime qui meriterait la mort, si par égard pons votre femme et vos enfants, etc. [Eine Verschwörung zu kennen und nicht zu leugnen, ist ein Verbrechen, das den Tod verdient, wenn auch Ihrer Frau und Ihren Kindern zuliebe…] ist eine Phrase dieses Schreibens. Vorher hatte meine Mutter aus dem Erlös ihrer Möbeln uns noch einen sehr hübschen Kinderball gegeben, zum Beschluß aller Herrlichkeit; (ein sehr heftiger Schnupfen an dem ich den ganzen Tag vorher auf dem Sopha lag, trübte ihn mit etwas, ist aber die einzige Krankheit deren ich mich in meiner Kindheit erinnere.) Die Unsrigen wurden auf unsere Rechnung verkauft, mir ist aber das Geld dafür von einem diebischen Stubenmädchen in Niederhof entwendet worden. Meine liebe Mutter benahm sich vortrefflich, mit dem höchsten Widerwillen hatte sie sich in den fremden Dienst gefügt, u sah nun in dieser Art ihn zu verlassen eine Ehrenrettung, u war trotz aller Entbehrungen die das Landleben in sehr beschränkten Verhältnissen ihr auferlegte, dennoch glückselig dem glänzenden Elend entronnen zu sein. – Nun gings an das Einpacken, so viel wir konnten. Verwandten (Meyers) die meine Mutter nicht mehr gesehen, kehrten zurück u halfen ihr. In zwei Wagen der sog. großen u kleinen Erbse, wenn Du Dich ihrer noch vom Großvater her erinnerst, fuhren wir ab. In der großen, beide Eltern, Mlle Schröder u wir beide, nebst einer großmächtigen Schatulle in der Mitte. Ein Spion als Bedienter begleitete uns bis Pommern. Eine Nacht brachten wir in Brügge zu was ich noch im Jahr 1836 wieder erkannte, wo es aber keine Station mehr war. Über Hannover, Boitzenburg ging es nach Schwerin, wo wir einen Tag blieben, die Tante Dorne, Schwester meiner Großmutter, zu besuchen. Im zweiten Wagen fuhren die Görlein, Jungfer meiner Mutter, eine horreur von Häßlichkeit, die gute Christine, seit Michaelis 1807 die Nachfolgerin ihrer Schwester, die Amme meiner Schwester gewesen, war auch keine Schönheit, u erinnere ich mich, daß diese in ihrem langen Kattun Mantel mit Flanell gefüttert, in Schwerin Aufsehen auf der Straße machte, u viel über die Schönheit der Hessinnen gescherzt wurde.

Eine Nacht blieben wir in Sülz, u wohnten auf der Saline beim Rentmeister, der eine Frau hatte, die in der Familie der Großmutter gedient hatte u ungemein freundlich war u mich die Milchsuppe rühren ließ, was mich sehr amüsierte. Die Familie Waitz hatte damals die Pachtung der Saline die höchst einträglich war. Dort trennten wir uns für einige Tage, mein Vater ging mit Julie nach Nehringen zu seinem Schwager Schoultz u wir gingen nach Niederhof wo wir auf‘s Freudigste empfangen wurden.

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Hier fängt ein ganz neuer Abschnitt meines Lebens an, wir sind in Pommern angelangt, u ehe ich weitergehe, muß ich meinen tiefsten demüthigsten Dank dem Geber alles Guten, unserm Herr Gott aussprechen, der unser Schicksal so gnädig lenkte, daß wir grade in den gefährlichen Jahren dem eitlen glänzenden Hofleben entrückt wurden, u wie durch einen Zauberschlag nach dem vollkommensten Gegensatze, dem stillen einsamen Carlsburg versetzt wurden, denn von unserm dortigen Aufenthalt fing zu unserm großen Vortheil das Familienleben erst an. Von der damaligen Einsamkeit Carlsburgs, macht man sich heute keine Vorstellung mehr. Es lag ziemlich entfernt von der Poststraße die über Ranzin u Schlatkow ging, u ganz Pommern dachte damals an keine Chaussée, wo die einzige in Norddeutschland die von Berlin nach Potsdam war. In Hessen dagegen waren welche auf den Hauptstraßen. Nach unserer Ankunft in Niederhof reisten meine Eltern nach Carlsburg, sich den neuen Wohnsitz anzusehen u zu übernehmen. Ein wenig erfreuliches Geschäft, wo Anforderungen von allen Seiten kamen, u die Mittel sehr knapp waren sie zu befriedigen. Doch blieb später der Segen für das so schwierige u pflichtvolle Unternehmen nicht aus, mein guter seliger Vater verschaffte seinem Vater ein sorgenfreies Alter, ward dessen Creditoren gerecht u erhielt seinen Kindern die Erbgüter: Carlsburg, Jasedow, Steinfurt u der Antheil an Zarnekow, der nun ganz in Carlsburg aufgegangen ist.  Diejenigen die mein Großvater angekauft: Crentzow u Zarrentin verkaufte er 1818 u Murchin u Libbenow 1819.  So schuf er sich u den seinen ihren Wohlstand, u wenn auch im Anfang mit vielen Sorgen, so hatte er die Freude des sichtbaren Gedeihens seines Werks u hoffen wir zuversichtlich, daß sein Segen auch ferner auf uns u unsern Nachkommen ruhen wird. –

Im Mai hatte Schill mit seiner Schaar Stralsund überrumpelt u die Mecklenburger daraus vertrieben u es besetzt. Es wurde damals erzählt: der Commandeur der Mecklenburger Major v. Kamptz (starb als General) habe sich noch in der Vorstadt ein Kopfkissen geben lassen, es auf den Sattel bei der Schlacht zu legen. Kurz, Schill besetzte die Stadt, hatte sich in dem Hause am neuen Markt einquartirt, was jetzt der Präsident Graf Krassow bewohnt (damals gehörte u bewohnte es Rittmeister v. Parsenow, dem mein Großvater Murchin abgekauft), trank vielen Rum u trachtete darnach die Festungswerke, die die Franzosen démolirt hatten, wieder herzustellen, wozu die Mannschaft des ganzen Landes aufgeboten wurde. Doch nur acht Tage dauerte seine Herrschaft! Der Marschall Gratien rückte mit einer Division Holländer, Dänen u Mecklenburgern wieder heran, nahm die Stadt in der sich ein Gefecht entspann, wo Schill in der Fährstraße nicht weit vom Krassow’schen Hause blieb (d. 31ten Mai). Seine Schaar flüchtete so gut sie konnte. Einige derselben kamen auch nach Niederhof um von dort aus nach Rügen überzusetzen, vorher kamen sie aber ins Haus u verlangten allerley; meine Großmutter trat ihnen allein auf dem Hausflur entgegen, der Hausherr hatte sich entfernt. Sie versprach ihnen Geld unter der Bedingung, daß keiner ihr folge. Sie schoßen mehrere Male um ihr zu imponiren, sie sagte: Schießt nur, ich höre gern schießen, u wußte durch ihre Ruhe ihnen zu imponiren, so daß sie sich mit einer Geldspende ruhig abfinden ließen. Ganz in der Nachbarschaft in Schönhof hatten sie dagegen, denselben Tag, den Besitzer Scheren erschossen, der so unvernünftig gewesen seine Leute zusammen zu läuten u sie mit Gewalt zu vertreiben. Wir hatten unterdessen eine Geographie Stunde im Lesage auf unserem Zimmer, das oben rechts von der Treppe u horchten doch mit Angst auf die Vorgänge um uns. Meine Schwester erinnert sich, daß es Amerika war was wir studirten, ich habe dies vergessen, weiß nur, daß ich seitdem eine besondere Liebe u Verehrung für meine Großmutter faßte, deren Muth sich so herrlich bewährt hatte. –

Wenige Tage darauf kamen die Eltern zurück, u holten uns nun auch ab nach Carlsburg. Der erste Eindruck den es auf mich machte, war ein sehr günstiger, in dem richtigen Vorgefühl alle der glücklichen Zeit, die mir bestimmt ward dort zu verleben. Ich liebte überhaupt sehr das Land; der große Garten, die Blumen, das Haus, mir gefiel Alles. Da es nun über 40 Jahre sind, daß wir hier ankamen, so will ich auch die damalige Einrichtung des Hauses beschreiben, die reichen Stoff zu Vergleichen geben kann. Nur das Eßzimmer ist unverändert geblieben, mit seinem Mahagoni Eßtisch u 12 eben solchen Stühlen englischen Ursprungs, u den Kupferstichen, die mein Großvater angeschafft, wie Alles was ich nun erzählen werde von ihm so hinterlassen war. Das erste, sog. rote Zimmer hatte eine haute-lisse [hochglatte] Tapete, ein Kamin u ein Ofen als pendant, ein Sopha Ottomane genannt, mit rothem Damast bezogen, 2 Lehnstühle u 8 Stühle en cercle aufgestellt. Spiegel u Console sind noch geblieben, ohne die Errungenschaften wären sie auch erneut. Das Bilderzimmer hatte vier große Flügelthüren unter denen eine blind war, mit grün u weißem Damast war es tapeziert, eine Ottomane u Stühle standen eben so feierlich um den Teppich herum wie im ersten Zimmer, was hier bald geändert wurde, im rothen Zimmer standen sie noch lange so, wie Gesellschaft erwartend die nie kam.  Meine Stief Großmutter väterlicherSeits, geb. v. Strantz die am 22ten Sept. 1807 ganz plötzlich am Schlagfluß gestorben war, u lange Zeit in Berlin Hofdame der Prinzeß von Preußen gewesen, (vermählte sich 1780) hatte die Zimmer ganz neu einrichten lassen, die Parquets legen lassen u die Hofsitte wenigstens in der Stellung der Möbeln eingeführt. Früher war das Bilderzimmer das StaatSchlafzimmer mit grünem Damast ausgeschlagen u ein großes Bett à la Duchesse das Hauptmöbel. Mein Schlafzimmer, das Ankleidezimmer, das Cabinet zum Schreiben, das rothe Zimmer Empfangszimmer.  Als mein Vater Kind, war die Einrichtung so, u bewohnte der Großvater wenn er kam, er war schwedischer Gesandter in Berlin, die Zimmer oben nach dem Garten heraus, die Großmutter Vaters Zimmer wo sich auch die Familie vereinigte, die drei Söhne u der Hofmeister das corps de logis. Das Eßzimmer wurde Mittags u Abends benutzt, jedes Mal zu einer Mahlzeit von drei Schüsseln. Nun aber wieder zurück zum Mai 1809. Das Cabinet war mit dunkelgrünem Damast tapeziert u hatte ein Sopha u 2 Stühle mit demselben Stoff überzogen, ein émail Tisch stand davor. Das Bild der Königin v. Schweden hing darin u waren in den Ecken étagèren mit dem Kaffee u Thee service, was jetzt in der weißen Galerie. Nachtigallen wurden darin gehalten. Meine Mutter machte es zu ihrem Haupt Aufenthalt, mein Vater ließ einen Ofen an die Stelle des zugemauerten Kamins setzen, den mein Mann wieder durch ein schönes Kamin von Marmor ersetzte. Das Schlafzimmer hatte eine haute-lisse Tapete. Die große Galerie war mit Gardinen von roth u weiß gemischten (gewürfelten) Leinen versehen, vier kleine Sophas in den Nischen, wo jetzt die Bücherschränke stehen, u 24 Stühle ebenso bezogen. Die Decke u Wände waren grün marmorirt u mit den Büsten der römischen Kaiser in schwarzem papier maché verziert.  Zwei große ungeschickte Oefen an die Stelle der Kamine von Marmor die mein Mann überall hat setzen lassen. Im schwedischen Cabinet hing ein furchtbares Gemälde: Hercules der den Riesen Antäus bezwingt, u hieß hernach das Todtschläger Cabinet! Eine einladende Benennung für ein Fremdenzimmer, was es war! – Wir hatten oben ein großes Sopha mit gelben Gros de Tours [Seidengewebe] überzogen, der schon schadhaft, bald mit eigen gemachten weiß u blauen Leinen vertauscht wurde, von dem meine Mutter so viel machen ließ, daß wir auch Matratzen u Kopfkissen davon erhielten, u es noch existirt. Meine Schwester u ich schliefen in dem Zimmer was jetzt Louise bewohnt, Christine in einem Cabinet links, was nun zum Schlafzimmer meines Mannes mit zugenommen ist, die Gouvernante im Cabinet, das Zimmer daneben war das Wohnzimmer, in dem daran stoßenden wohnte Frl. v. Wille, auch mitunter die Großmutter etc. Bei meinem Großvater stand das Billard dort, u hing Feldmarschall Schwerin dort, bis auf unsere Zeiten, wo alle Familienbilder in die weiße Gallerie kamen. Auch muß ich erwähnen, daß alle Fenster kleine Scheiben hatten, wie noch in der weißen Galerie sind, von denen 5 oben, u 3 unten u die oberen alle durch Rahmen von Papier verwehrt waren, was zwar wärmer, aber auch viel trüber war. –

Nun fing aber ein ganz anderes Leben für uns an, wir lebten fortan viel mehr mit den Eltern, um ½ 9 Uhr frühstückten wir unten bei der lieben Mutter u zwar auf des Vaters Fürwort Café, den ich ungemein gern trank. Im Jahre 1812 wo die Umstände immer schlechter, u die Colonialwaren immer theurer wurden, begnügten wir uns mit warmer Milch. Um 2 Uhr wurde gegessen, um 6 Uhr Thee getrunken. Abends Suppe in Tassen gegeben u Butterbrod mit Fleisch oder mitunter Brühkartoffeln, die sehr gern gegessen wurden. Abends wurde vorgelesen. Den ersten Winter erinnere ich mir: Levassor, histoire de Louis XIII. en treize Volumes! Mlle Schröder suchte etwas darin recht lange u viel zu lesen, wir lasen auch etwas glaube ich. Bis 9 Uhr strickten wir, nach Tisch wo auch der Vater unten war, spielten wir hauptsächlich mit einem Buch, was ausgeschnittene Papierpuppen enthielt, die in möblirten Zimmern wohnten, Sontags in‘s Bad reisten, wo der Tisch mit Kreide bemalt wurde u Brunnen u Alleen darstellte, wo Geismar uns wohl vorschwebte, das einzige Bad was wir kannten. Julie mochte auch wohl noch andere Spiele treiben. – Die erste Begebenheit in unserm neuen Aufenthalt war ein Besuch der Großmutter u des Großvaters, die sich gleich auf 14 Tage angesagt. Nun wurde ihnen aber die Zeit in dem wirklich einsamen Ort, an Chaussee war nicht zu denken, nicht einmal die Poststraße führte durch, dermaßen lang, daß sie sich verschworen nie wieder auf so lange Zeit herzukommen, u sie haben es gehalten. Unter andern erinnere ich mir, daß die Großmutter erklärte, sie äße gern Karauschen, nur nicht mit Sahnsauce, u sie dennoch mit der verpönten Brühe erschienen, die meine Mutter gern aß, da war die gute Laune ganz vorbei. Uebrigens war die Großmutter sehr gütig u liebevoll für uns, zumal für mich die ihr Liebling war. Wie sprachen sehr gut französisch, eine Hauptsache bei ihr, ich tanzte die Gavotte die meine Mutter sang wenn kein Instrument da war, was aber selten geschah. Mit der größten Dankbarkeit muß ich hier erwähnen wie sie weder Mühen noch Kosten scheute, unsern Unterricht u unsere Ausbildung zu fördern. Sie gab einem sehr musikalischen Secretair des Fürsten Putbus, H. Leopold, sein als solches bezogenes Gehalt, damit er uns Musik Unterricht ertheilte, er war einen Winter hier von 1810-1811. Sie ließ Bücher von Perthes aus Hamburg kommen; daß sie uns reichlichst mit Kleidern u.s.w. beschenkte u.a. mit dem ersten ital. Strohhut, dem ersten schwarzseidenen Mantel, darf ich nicht unerwähnt lassen. Sie war ungemein freigiebig für uns u werde ich noch oft erwähnen, wie wir ihr alle Vergnügungen u Annehmlichkeiten unserer Jugend hauptsächlich verdanken, die für mich noch durch die Bekanntschaft meines geliebten Mannes gekrönt wurde, den ich in ihrem Hause kennen lernte, u dem ich das größte Glück meines Lebens verdanke, zu dem meine lieben Eltern den Grund gelegt. – Zu meinem ersten Geburtstage in Carlsburg erhielt ich den kleinen Nähtisch der oben steht, u ein paar kleine Eimer, die ich mir so gewünscht um Wasser in unsern Garten zu tragen – ich liebte das Plempern wie alle Kinder, unter Kirschen verborgen lag darin ein allerliebstes Obstmesser, mit Perlmutter Schale u vermeil Klinge, kein Mensch wußte wo es her sei: bis sich eine sehr fatale Ausgeberin die wir vorgefunden als Geberin meldete. Noch viel wurde darüber hin u her gesprochen, da endlich entschloß sich Mlle Schröder sie der Lüge zu zeihen, die sie ihr hätte früher ersparen können, indem sie gestand daß die Tante Kallow ihr den Auftrag gegeben es mir zu geben ohne sie zu nennen. Ich habe es noch. Noch einmal auf die Schröder zurück zu kommen, so war sie schon damals, glaube ich, halb verrückt. Wenn sie deutsch mit uns sprach, nannte sie uns nur in der dritten Person: will sie das thun etc. Doch sprach sie meistens französisch. Ich haßte sie ordentlich, denn sie hatte mich viel geärgert. Wenn wir Abends zu ihr ins Cabinet gerufen wurden, um von jedem unbesonnenen Wort Rechenschaft zu geben, was unten bei der Mutter gesprochen worden, das war ein böser Moment! Das Schlimmste dabei war, daß sie jede Unbefangenheit raubte, die die Jugend so liebenswürdig macht. Sie hatte aber auch ihr Gutes, gründliche Kenntnisse, gab guten Unterricht (so hieß es) u war eine aufmerksame Erzieherin. Ich erinnere mich als Beweis hiervon, daß im Spätherbst 1810 meine Eltern den Besuch der Tante Schoultz u ihrer kürzlich verheirateten Tochter Mailladoz u deren Mann hatten. Die junge Frau erklärte die Duchesse de la Valière ein Roman der L. v. Genlis über Alles zu lieben, er wurde vorgelesen, ich war einen Abend die Zuhörerin u weiß nie ein Buch welches solch einen Eindruck auf mich gemacht hätte, ich träumte wachend davon, u zitterte vor Verlangen die Folge zu hören. Die Schröder mußte es bemerkt haben, denn unter keiner Bedingung erlaubte sie mir herunter zu gehen, u ich kann sie nur darum loben. Meine Mutter erlaubte uns eigentlich keine Romane; bei meiner Großmutter lasen wir jedoch Mathilde von der Cotin, was mich unbeschreiblich rührte, später Agathokles von der Pichler was mir auch sehr gefiel, u noch manchen andern der keinen solchen Eindruck gemacht.

Ich vermuthe, daß wir im Lauf des Jahres noch nach Niederhof fuhren, daß war immer eine große Freude für mich. Wir lebten hier sehr einsam; mein Großvater Bohlen bewohnte sein Haus in Greifswald, dasselbe was jetzt dem Präsidenten v. Bohlen gehört. Das Eckhaus am Markt, (seine Witwe hat es einem Materialhändler verkauft 1856). Er besuchte uns auch, u erinnere ich mir, daß er uns fragte, ob wir gut schliefen? Er litt nämlich sehr an Schlaflosigkeit, u als wir die Frage bejahten, fand er es eine große Ungerechtigkeit des Schicksals, daß Kinder ohne alles Verdienst gut schliefen, während er es nicht that. Er war uns nicht sehr hold gesinnt, denn ich erinnere mich auch noch, daß er meine Mutter fragte wer die oberen Zimmer bewohnte? Als sie antwortete ihre Kinder, so bedauerte er, daß er sie nicht für sich reservirt habe, da es gerade die hübschesten sein; darum habe ich auch mein Liebstes hinein logirt, erwiderte die Mutter. –

Der erste Weihnachten in Pommern wurde in Stralsund bei meiner Großmutter gefeiert, das war eine unendlich Freude! Wir wohnten mit der Gouvernante bei ihr im Hause. Die Eltern wohnten beim Onkel Wilhelm Bohlen, mit dem verbrannten Gesicht, der sie dringend eingeladen hatte, aber verreist war als sie ankamen; meine Eltern wußten noch nicht, daß auf seine Worte nicht zu bauen war, u ward seine Gastfreiheit später nie wieder in Anspruch genommen, sondern meine Großmutter logirte uns alle drei, Mutter u Töchter in ein großes Zimmer, u die Kammerjungfer hatte auch eins. Für den Vater fand sich auch noch eins, was er aber sehr selten benutzte, da ihm der Aufenthalt dort drückend war. Von diesem Weihnachten habe ich noch die Tasse mit dem parterre u die Theelöffel von vermeil mit meinem Namen, von der Großmutter, u will ich beides meiner Enkelin Caroline geben. Der damalige französische Commandant der Stadt, General Candras, schickte uns eine große Schachtel mit Bonbons. Er war ein häufiger Gast bei meiner Großmutter, die täglich Menschen bei sich sah. Es wurde Boston gespielt u um von seiner feinen Erziehung ein Pröbchen zu geben, habe ich meine Mutter oft erzählen hören wie er Frau v. Pollett die cour gemacht, die stehender Gast war, um sie aufzufordern, sein whist Partner zu sein, ihr gesagt: quand les boeufs sont a‘deux, ils vont tonjours mieur!! [Wenn die Ochsen zwei sind, werden sie es immer sein] Er hieß le beau Bandras u man behauptete, er sei früher Tanzmeister gewesen. Die Tochter der Frau v. Pollett, die etwa ein Jahr älter wie ich, sehr geschickt in Handarbeiten aber geistig ganz ungeweckt u Fräulein v. Thun waren unser einziger Umgang. Letztere alle älter als wir. – Auf unserer Rückreise aus Stralsund brachten wir ein oder zwei Tage in Falkenhagen zu, bei der von den Eltern hochverehrten Tante Krassow, Großmutter des Präsidenten. Dort erinnere ich mir noch ganz genau zuerst den Namen der Catalani gehört zu haben: der alte Baron Schoultz (Reinhold) las den Hamburger Correspondenten vor, in dem ihre Zukunft in Lissabon stand. Welch glückliche Nachricht! rief der alte Mann, was sehr belacht wurde. Ich nähte fleißig Tapisserie an der Bordüre eines Fußkissens – gelb schattirte Zacken auf violettem Grund – was zum Geburtstag der Großmutter nicht fertig geworden war, u übel vermerkt wurde, auch nicht wieder geschah. Wie einfach hier noch alles war, erwähne ich als Beweiß das meine Mutter das erste Corset nach Pommern brachte. –

Bot die Stadt wenig Umgang für uns dar, so war auf dem Lande vollends gar keiner, u wenn ich mit kurzen Zügen die damalige Nachbarschaft meiner Eltern schildere, so werden wir alle bekennen müssen, welche wesentliche Fortschritte die Sittlichkeit in den höhern Ständen gemacht hat.

Es waren drei Familien, aber alle drei in unsittlichen Verhältnissen lebend. Die erste war der Landrath von Buggenhagen auf Buggenhagen, mit seiner Frau geb. von Meklenburg aus Zibühl in Meklenburg. Ihre Ehe war kinderlos u er der Stifter der drei Majorate, Buggenhagen, Klotzow, Züssow, die entfernten Vettern von ihm zu Theil wurden. Er war ein beschränkter eitler Mann, der sich eine Maitresse in Klotzow hielt, weil mein Großvater, der vornehmste Mann in der Gegend, die Seinige in Crentzow etablirt hatte. Dieselbe Madame Damm geb. Reinkendorf die noch jetzt nach 40 Jahren ihre Pension in Anklam genießt. Sie starb im Mai 1855, 84 oder 85 Jahre alt. Seine Frau dagegen war eine äußerst gescheute gebildete Frau, ganz in der Geistes Richtung von Voltaire. Musterhaft war ihr Benehmen gegen ihren Mann, die wußte ihn zu haben u behandelte ihn mit der größten Freundlichkeit, dafür verehrte er sie ungemein u betrachtete ihre Aussprüche wie ein Orakel. Auf ihrer Bücher étagère lagen Wörterbücher in allen Sprachen, fremde Worte aufzuschlagen, denn sie kannte u sprach nur französisch aber gründlich. Als Wittwe richtete sie ein Nebenzimmer als Bibliothek mit Weltkugeln u allen gelehrten Kram neben ihrem Wohnzimmer ein. Sie liebte außerordentlich Hunde u zwar Mopse, deren sie eine ganze Anzahl hatte u nicht müde ward ihre Vorzüge vor denen der kleinen Kinder heraus zu streichen, was mir sonderbarer Weise jetzt so oft wieder einfällt, wo ich auch einen Hund habe. Meine Schwester pflegte zu sagen daß der einzige Zeitgenosse den sie hier in der Gegend habe, der Mops des Landrath von Buggenhagen sei u dieser sei noch ein Jahr älter wie sie, 15 Jahre alt. Das muß also im Jahr 1814 gewesen seyn. Wir wurden immer bei diesen Besuchen mitgenommen, wir gingen im Garten u erinnere ich mir noch die Kupfer non Paul et Virginie mit dem Text darunter, die das erste Zimmer schmückten u die ich eifrig betrachtete. Sie hatte Radirungen von Goethe, ohne doch von Kunst etwas zu verstehen; sie starb in den 30ger Jahren, ihr Mann schon 1816.

Ein kunstsinniger Bürgermeister Cratius in Lassan war wohl gelitten in der Gegend, er hatte etwas Kunsthandel auch getrieben, u mein Großvater die Kupferstiche von ihm gekauft, die im Eßzimmer hängen. Ich bleibe ihm dankbar verpflichtet weil er meiner Mutter fußfällig bat sich nicht von Titel malen zu lassen, u er ward erhört. Wenn er Geschäfte in Greifswald hatte aß er gewöhnlich bei den Eltern zu Mittag; er nahm aber ein trauriges Ende, er ersäufte sich auf die falsche Nachricht hin, daß eine Lebensversicherung Tantine der er sein geringes Vermögen anvertraut, falliert [in Konkurs gehen] sei. Als seine Frau starb, die ich aber nicht mehr gekannt habe, lieh er sich den Sarg von der alten Loesewitz, die ihn sich schon angeschafft hatte, wie alte Leute pflegten, u hat er ihn ihr nie wieder gegeben. Es war die Mutter des damaligen Inspektors zu Carlsburg.

Die andere Nachbarschaft bestand aus dem Hauptmann von Lepel u seiner Frau in Bauer. Er war ein Bruder der Kanzlerin von Thun, aber äußerlich wie innerlich himmelweit verschieden von dieser würdigen Frau, auf die als meiner größten Gönnerin u Freundin ich mir vorbehalte zurück zu kommen. Er war häßlich wie die Nacht, von Blattern zerrissen, kriechend  schmeichelnd gegen Vornehmere u anmaaßend gegen Geringere. Seine Frau eine geborne Weigel aus Greifswald, war eine reiche Wittwe gewesen, um die er sich ehr eifrig beworben u eine höchst gutmüthige Frau. Aus Mitleiden nahm sie ein armes Fräulein von Lilljeström bei sich auf, u diese lohnte ihr ihre Güte damit, daß sie ihren Mann gänzlich von ihr abzog. Sie heiratete in Hohensee, was an Bauer gränzt, einen alten Junggesellen, den Baron Kirchbach den sie mit einer zahlreichen Nachkommenschaft versorgte. Sie begnügte sich nicht allein mit der Zuneigung ihres Nachbarn Lepel, sondern ruinierte ihn noch gründlich. Die Frau ertrug das Alles musterhaft, starb früher wie ihr Mann, der Bauer verkaufte u sehr alt in Dürftigkeit in Stralsund gestorben ist.

Die gemeinste Wirtschaft von Allen war aber in Gribow, bei dem Major von Gloeden. Ich erinnere mich dort ein großes Diner erlebt zu haben, u einen Besuch, wo er uns in der Abwesenheit der Frau, zum Entsetzen meiner Mutter annahm, neben an hörte man die Kinder seiner Maitresse Ausgeberin schreien. Seitdem sind wir nie wieder dort gewesen. Es war eine Tochter dort, von meinem Alter ungefähr, Ende März 1811 gaben meine Eltern ein Diner – eine sehr seltene Begebenheit – einer Familie von Bohlen aus Schlesien die ein Tertial in Kröpelin hatte, die waren Glödens auch mit dieser Tochter, seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen. Es war so ungewöhnlich schönes Wetter den Tag, daß er sich mir unvergeßlich eingeprägt hat, Frau v. Bohlen spazierte in weißen Atlas Schuhen im Garten, die Drosseln sangen, die ersten Frühlingsblumen blühten, den 1ten April waren alle Corinthensträucher [Felsenbirne] grün. Es war das Kometenjahr!  –

Das handschriftliche Origial befindet sich im Pommerschen Landesarchiv Greifswald.

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