Die letzten eineinhalb Jahre im Leben der Caroline erste Gräfin von Bismarck-Bohlen (April 1856 – Januar 1858)

Am 14. Januar 1858, vor 163 Jahren starb Caroline von Bismarck-Bohlen nach langer Krankheit im Alter von 59 Jahren in Venedig. Die letzten eineinhalb Jahre ihres Lebens lassen sich anschaulich aus den Lebensbeschreibungen ihres Mannes und ihres Sohnes Friedrich, ihren Briefen sowie denen ihres Mannes und ihrer Kinder, aber vor allem aus Passagen des Karlsburger Hausbuches nachvollziehen.

Caroline und Theodor Pommersches Landesarchiv Greifswald Re 38 d Karlsburg Nr. 1083

Im April 1856 während eines Aufenthaltes bei ihrer Tochter in Hannover erkrankte Caroline sehr schwer vermeintlich an einer Leberentzündung, wie Theodor rückblickend schrieb. Auch von einem Schleimfieber ist die Rede. Kurz vor ihrer Abreise schrieb sie an ihre Mutter voller Vorahnung: Meine geliebte Mutter, auf Deinen lieben letzten Brief hierher, erfolgt nun auch meine letzte Antwort von hier aus, zwar schreibe ich mit einer Empfindung, als sei dies die letzte Reise in meinem Leben, denn wenn ich mal wieder in meiner Heimat bin, werde ich sie schwerlich wieder verlassen.

Der behandelnde Arzt empfahl eine Kur in Karlsbad, zu der Caroline mit ihrem Mann auch Anfang Juni 1856 aufbrach. Zunächst reiste sie mit ihrem Schwiegersohn Hermann von Malortie nach Magdeburg, wo sie von Theodor, der Mitte Mai Hannover verlassen hatte, schon erwartet wurde. Gemeinsam ging die Reise weiter über Leipzig und Zwickau nach Karlsbad. Wie schon Jahre zuvor mieteten sie sich in der Pension Mariahilf ein. Nun hieß es fünf Wochen lang mehrmals am Tag Brunnen trinken, lange Spaziergänge unternehmen, mit Appetit essen und nicht zu vergessen, Bekannte zu treffen und das gesellige Leben der adeligen Gesellschaft manchmal mehr, manchmal weniger zu genießen.

Fünf Wochen später, also Mitte Juli, beschrieb Caroline ihrer Schwiegertochter Pauline die Rückkehr nach Karlsburg: nachdem sie Karlsbad verlassen hatten, machten sie zuerst Station in Teplitz (Teplice), wo ihr Freund Kleist ein Quartier für sie besorgt hatte. Weiter fuhren sie nach Außig (Ústí nad Labem), wo sie die Eisenbahn erreichten, um nach Dresden zu fahren und dort zu übernachten. Die nächsten Stationen waren Berlin und Stettin (Szczecin). Den andern Morgen um 6 1/2 Uhr dampften wir bei schönstem Wetter von Stettin ab, erreichten Anklam um 1/2 12, u waren hier gegen 1 Uhr, im Walde von den Schulkindern angesungen, mußten wir den Willen für die That nehmen, hier waren auch viele Kränze die Genesene zu bewillkommnen u kann ich Gott nur danken für alles Gute was mir so reichlich widerfahren. In dieser Zeit schien Caroline doch sehr zuversichtlich zu sein, was ihren Gesundheitszustand betraf.

Der Sommer verging mit den Enkelkindern, die ihr sehr viel Freude machten und über deren Befinden und Treiben sie in den Briefen an Pauline und Fritz sehr anschaulich berichtete. Im November hielt sie sich für einige Zeit in Stralsund bei ihrer Mutter auf, traf Verwandte und Bekannte.

Das unwirtliche nasskalte Herbstwetter in Pommern beendete abrupt das unbeschwerte Leben. Im Dezember erlitt sie einen Rückfall mit Bluterbrechen. Am 28. schrieb Theodor an Fritz: mit dem Befinden Deiner lieben Mutter geht es, Gott sey gedankt, etwas vorwärts zwar langsam, aber doch täglich und war Dr. Marcus, welcher gestern hier her kam, recht zufrieden besonders gut ist es, daß sich der Apetit täglich beßert, denn da sie keinen Wein oder ähnliche Stärkungsmittel nehmen kann, müßen die Kräfte alle aus der Küche ersezt werden.

Am 1. Januar 1857 wurden die Kinder des Gutes (87 an der Zahl) wie jedes Jahr nach Weihnachten in die Galerie eingeladen und mit Pfefferkuchen, Nüssen, Äpfeln und kleineren nützlichen Gaben wie Wolle, Taschentücher o. ä. beschenkt. Süßigkeiten gab es, wie sie ausdrücklich betont, jedoch keine.

Mitte März meldete Caroline an Pauline, dass sie nach drei Monaten nun wieder „einen kleinen Anfall von Blutspeien“ gehabt habe. Da Theodor jedoch seine geplante Reise nach Berlin bis auf weiters verschob, schien das Wiederaufflammen der Krankheit doch gravierender gewesen zu sein, als Caroline es wahrhaben wollte. Die Leber sei völlig in Ordnung. Nun vermutete der Arzt, daß der Husten und das Blutspeien von der Lunge komme. Langsam erholte sie sich wieder. Wichtige Anzeichen dafür waren für Theodor wie bei jeder Erkrankung zunehmender Appetit, guter Schlaf und das Bedürfnis das Bett zu verlassen und tagsüber aktiv zu sein, im besten Falle an die frische Luft zu gehen.

Aber sie war sehr matt dann, Sie blieb bis ½ 10 auf, aß ein wenig Suppe und ging dann zu Bett, wo sie abermahls einen gleichen Anfall von Blutauswurf hatte, jedoch von 12-6 Uhr früh sehr gut und ruhig schlief, heut auch ohne Fieber, jedoch etwas matt war, aber doch um ½ 11 aufstehen und sich auf das Sopha legen konnte, auch Mittags etwas Bouillon und Tauben Frikaßee eßen konnte. Um ½ 6 Nachmittags kam ein ähnlicher Anfall, gegen welchen sie, wie früher mit Ersalz, die Nacken Umschläge anwandte, so daß es nach 1 Stunde fast ganz vorüber war und ich sie ziemlich ruhig und müde, vor ½ Stunde (es ist jetzt ¾ 8) verließ, nachdem sie eine Taße warme Milch, mit ein wenig Thee genoßen. Ich hoffe[,] sie wird ein wenig schlafen und mit Gottes Hülfe die Nacht gut seyn, doch habe ich zu morgen früh Dr. Marcus bestellt, um mit ihm zu sprechen, ob nicht etwas geschehen kann, um diesen Blutauswurf vorzubeugen, welcher, wie ich gewiß glaube mit ihrem Leberleiden zusammen hängt und das, wenn es gleich vor der Hand nicht gefährlich, sie doch sehr ungewiß … Gegen Mittag war der Dr. hier, fand den Zustand nicht gefährlich, allein hielt doch nöthig Mittel anzuwenden, um den unregelmäßigen Blutumlauf des Blutes nach den Lungen zu vermindern, was nach seiner Ansicht der Grund Anfälle ist und nicht die Leber, welche er ganz in Ordnung fand. Er verschrieb Arznei und Senfpflaster, was ich alles gleich holen ließ und angewendet wurde, dadurch aber hatte die Mutter, vor einer guten Stunde wieder eben solchen Blutauswurf mit Husten, wie gestern Abend und ist dadurch ungemein matt und angegriffen, wie sie dies den ganzen Tag über war, so daß sie also natürlich das Bette nicht verlaßen hat. (Brief an Fritz vom 22.03.1857)

Anfang Juni 1857 reisten sie ein weiteres Mal nach Karlsbad mit Zwischenhalt in Berlin, wo sie eine Ausstellung, Freunde und Verwandte besuchten.

Der Aufenthalt in Karlsbad zeigte nicht die Wirkung wie im Jahr zuvor. Caroline war oft schwach, musste immer wieder das Bett hüten, durfte nicht zu viel sprechen, um keinen Anfall zu provozieren. Mehrere Besuche und ein Kirchgang waren ihr nicht gut bekommen, sodass sie wieder zu Schweigen und Einsamkeit verurtheilt war, schrieb sie in einem Brief an ihre Mutter am 22.06.1857. Nach fünf Wochen jedoch verließen sie das Bad Richtung Pommern. Den 28ten Mai traten wir, auf ausdrückliche Vorschrift des Profeßor Dr. Niemeyer, meine theure Frau sehr schwach und an Mangel an Athem leidend, die Reise nach Carlsbad an, wo wir über Berlin am 1ten Juni eintrafen. Leider bekam ihr diesmahl jeder Brunnen[,] der ihr im vorigen Jahr so sichtlich wohlgethan und zu dem wir mit den größten Hoffnungen gingen, sehr schlecht[,] und war wohl gar nicht für ihren Zustand gesund. Sie konnte nur 2 halbe Gläser mit Milch trinken, sehr wenig gehen, das Wetter war außerordentlich kalt und unfreundlich und in den 1ten Tagen des July, verließen wir, bitter getäuscht in unseren Hoffnungen, meine arme Frau sehr matt, Carlsbad und langten am 9ten wieder in unserm lieben Carlsburg an, wo wir von dem lieben Fritz empfangen wurden und von unsern lieben 4 Bismarckschen Enkeln. Paulinchen war im Bade in Rippoldsaue. Meine Frau erholte sich bei dem außerordentlich schönen warmen Wetter, wo sie fast den ganzen Tag in der Luft seyn konnte, einigermaßen und da später Paulinchen, und auch die liebe Caroline mit ihren 3 Töchtern kam, verlebten wir die letzten glücklichen Wochen zusammen. Meine Schwiegermutter, welche schon längere Zeit recht leidend gewesen, wurde schlechter und ging meine Frau am 12ten Aug. auf 2 Tage nach Niederhof sie zu sehen. Da der Zustand meiner Schwiegermutter immer bedrohlicher wurde, so ging Caroline [die Tochter] am 24ten Aug. zu ihr, um sie zu pflegen und am 28ten fuhr meine Frau mit Fritz nach Niederhof, wo sie die geliebte Mutter zum letzten Mahl sehen sollte, indem dieselbe am 6ten Sept. an einer Herzkrankheit starb und meiner Frau Gesundheitszustand ihr nicht erlaubte, noch einmahl zu ihr zu kommen. – notierte Theodor im Hausbuch der Uenglinger und Karlsburger Güter.

Wieder sind die Enkelkinder im Karlsburger Schloss, während die Eltern eine Kur absolvieren. Sonst sind die Fortschritte [ihres Gesundheitszustandes] unbeschreiblich langsam. schrieb sie am 21.07. an ihren Sohn. Ihre Tochter Caroline verbrachte ebenfalls mit ihren drei Töchtern einige Wochen im Schloss zur großen Freude von Caroline. Wenn ich meine Kinder u Enkel um mich sehe[,] vergesse ich wie schwach ich bin. (ebenda)

Über die Reise nach Italien, auf die sie alle ihre Hoffnung setzten, schrieb Theodor folgendes in das Karlsburger Hausbuch: Am 15ten October verließen meine geliebte Frau und ich, begleitet von der treuen Luise Gesler, mit recht schwerem und den bangen Ahndungen erfüllten Herzen, unsere liebe Heimath, welche sie nicht wiedersehen sollte, da meine Frau nach dem Rath der Ärzte, wegen ihres Lungenübels, den Winter in einem wärmeren Klima zubringen sollte, um über Wien und Triest nach Venedig und von dort später nach Rom und Palermo zu gehen. Allein schon in Venedig, wo wir den 25ten 8ber [Oktober] anlangten, meine arme Frau sehr angegriffen von der Reise, bekam sie am 1ten Nov. abermahls Blutspeyen und wir gaben es auf weiter zu reisen.

Da sie die Reise nach Sizilien aufgeben mussten, wechselten sie sogar nach einigen Wochen noch einmal die Wohnung, da die erste ziemlich beengt und ohne jede Aussicht war. Darüber berichtet Caroline am 22. November 1857 an ihre Schwiegertochter: Die neue Wohnung ist sehr hübsch, besonders durch die reizende Aussicht die sie am Eingang des canale grande …, u hat Fritz ganz recht mit seiner Voraussetzung der Aussicht, die der liebe Vater aber wol beschrieben hat, u die uns gestern wo drüben in S(an)ta Maria della valute ein Fest gefeiert wurde, viel Spaß gemacht. Mir geht es nur immer noch so schachmatt, wie der Herbstfliege die dem Sahnetopf entrinnt; nun bin ich so mit dem Schlaf brouillirt, diese Nacht hörte ich alle Stunden schlagen, bis auf 5 u 7. Wir haben heut angefangen mich nöthig zu nudeln, recht viel zu essen zu geben, alle 2 Stunden da es wol aus Schwäche ist[,] daß ich nicht schlafe – Alles ist eine Anstrengung für mich, auch diese wenigen Zeilen, die mir aber zu viel Vergnügen machen u die ich mit Pausen schreibe, während der geliebte Vater in der Kirche ist. Wie dieser u Luise mich pflegen[,] ist über alles Lob erhaben, u bin ich immer ganz gerührt u durchdrungen von so viel Liebe[,] die mir wird u wenn ein Br(ief ) der lieben Kinder kommt, ist es 1 Festtag wie heut.

Der Canale Grande

Louise Gessler und Holst, beide langjährige Angestellte des Karlsburger Gutes, die das Ehepaar nach Italien begleitet hatten, taten alles, um Caroline das Leben zu erleichtern, und kümmerten sich aufopferungsvoll um die Kranke. Eben so nützlich uns die gute Louise in ihrer unermüdlichen Sorgfalt für die Mutter ist, eben so gut und unverdroßen macht sich Holst und wir können uns oft nicht genug darüber wundern, wie er sich mit den Leuten zu verständigen weiß, oft beßer als Louise oder ich. Heut früh z. B. hatten wir nicht recht etwas zum Frühstück für uns beide, da von dem gestrigen dinner nur so viel für die Mutter übrig geblieben und ich sandte ihn mit einem Zettel aus, eine abgehackte Zunge zu verschaffen[,] und schon nach 1 St. schickte sie unser Koch von trefflichem Ansehen, mit Aspik belegt etc. Da aber ehe sie kam, die Frühstückszeit da war, hatte er Buttirs und Oyer mitgebracht und uns ein ganz exzellentes Rührei davon, was beßer war, wie die welche Julius zuweilen macht. Wir haben übrigens, für den Preiß von 20 täglich, eine Frau engagirt, welche kehrt, einheitzt, die Betten macht und anwäscht etc, zu welchem Ende sie Morgens ½ 8 kömmt und um 8 Uhr wieder entlaßen wird, allein Kaffee, Thee etc macht alles Holst und mit der Frau, die nur italienisch kann und von Natur sehr dumm und langsam ist, kann er sich am allerbesten verständigen. Gewöhnlich muß Holst auch einige Öfen heitzen, da es ihr nicht immer gelingt, das naße Holz zum Brennen zu bringen.

Weiter fährt er im Karlsburger Hausbuch fort: Sie siechte so fort und intermittierendes Fieber erschöpften mächtig ihre Kräfte, immer mehr und mehr, obgleich der Arzt ihren Zustand für den Augenblick nicht bedrohlich hielt und von der beßeren Jahreszeit guten Erfolg hoffte. Mit Engelgleicher Geduld und Ergebung ertrug sie dieses Siechthum und die Entbehrung so vieler gewohnter Bequemlichkeiten u.s.w.

1858. Nachdem sie auch Tages zuvor, fast 6 St. außer dem Bette gewesen, bekam sie um 1 Uhr in der Nacht v. 13ten zum 14ten Jan. einen starken Anfall von Husten mit etwas Blutauswurf und um 9 ¾ Uhr Morgens starb sie sanft und schwerelos in meinen Armen, schmerzlich beweint von ihren Kindern, welchen sie die zärtlichste Mutter war und von allen, welche ihr nahe standen, am schmerzlichsten, aber von mir, der in der treuen, über alles geliebten, mehr als 40jährigen treuen Lebensgefährtin sein Theuerstes verlohr, in ihrem ersten Glaubensmuth eine starke und nie versagende Stütze, in ihrer stets gleichen Liebe, Sanftmuth und Güte Nachsicht für seine Fehler und Schwächen fand.

Fritz kam, kurz nachdem seine Mutter gestorben war, in Venedig an, um seinem Vater bei den Formalitäten zu helfen und auch, um ihn zu trösten. Auf der Rückfahrt beschloss Theodor, für seine Frau, die provisorisch auf einem venezianischen Friedhof beerdigt worden war, eine Grabkapelle in Steinfurth zu errichten.

Aber das ist eine andere Geschichte, die später erzählt werden soll.

4 Gedanken zu „Die letzten eineinhalb Jahre im Leben der Caroline erste Gräfin von Bismarck-Bohlen (April 1856 – Januar 1858)“

    1. Das heißt von dem Heilwasser bzw. der Sole des Brunnens trinken. Augenscheinlich war jedes Heilwasser gegen bestimmte Krankheiten. Karlsbad bei Leber- und Lungenleiden. Zumindest glaubte man im 19. Jahrhundert daran.

  1. Die Grabkapelle in Steinfurth erinnert noch heute an die Geschichte um Gräfin Caroline , die uns von Ursula mit viel Engagement Nähe gebracht wird !

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