Landleben: Die Aufsiedlung Steinfurths in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und die Erinnerungen des August Müller an diese Zeit

1934 hatte sich Fritz Ulrich von Bismarck-Bohlen ob seiner angespannten wirtschaftlichen Lage entschlossen, seine Groß Jasedower und Steinfurther Ländereien an die Pommersche Siedlungsgesellschaft Stettin zu verkaufen und damit das Fideicomiss, welches seine Urgroßeltern begründet hatten, aufzulösen. Das bedeutete eine enorme Veränderung für das Steinfurther Rittergut.

Bestand das Dorf bis zur Aufsiedlung 1935 neben dem den Ort bestimmendem Ensemble von Kirchenruine und Grabkapelle,

Kirchenruine mit Begräbniskapelle

aus wenigen strohgedeckten Katen,

zwei der noch erhaltenen Rauchkaten
Die Ruine des dritten Strohkatens

dem Gutshaus, der linke Teil zerfällt leider zunehmend,

Der verfallene Teil des Gutshauses mit Viehstall

Der hintere Teil des Kuhstalles, der zum Steinfurther Gut gehörte, wurde bei der Besiedlung dem Resthof zugeschlagen.

einem Gemeindehaus mit vier Wohnungen für Landarbeiter

Das 1911 von Fritz Ulrich von Bismarck-Bohlen für das abgebrannte sogenannte Kloster erbaute Haus mit vier Wohnungen
Aus dem Hausbuch der Bismarck-Bohlen: Steinfurth. An Stelle des im März 1910 niedergebrannten 4wohnungs Hauses „das Kloster“, entsteht in der Nähe, rechtwinklig zum Grundriss des alten Hauses gelegen ein großes 4wohnungs Haus, in seiner äußeren Gestalt völlig nach dem Plane des Grafen Friedrich Klinkowström, Leutnant im 3. Garde-… Rgt.- eines Vetters von Fritz Ulrich, errichtet. In seinem Mittelgiebel enthält das Haus außerdem zwei einzelne Stuben. Die Ställe des Klosters wurden reparirt und können weiter genutzt werden.

sowie dem Forsthaus,

Das Forsthaus, 1830 erbaut

so wurden nun von einer Wolgaster Baufirma neue Siedlerstellen, alle in gleicher Art und Güte mit geringen auflockernden Variationen, errichtet.

Einige der zu den Siedlerhäusern gehörenden Scheunen
Siedlerhaus mit Scheune
Die Stallseite eines anderen Siedlerhauses: im Vordergrund war die Tür zur Futterküche, die hintere Tür führte zur Toilette

Im Pommerschen Landesarchiv kann man Unterlagen über die Landvergabe unter dem Stichwort “Kulturamt Greifswald” einsehen, z. B. solche, die die Aufsiedlung Steinfurths und vieler anderer Ortschaften in der Umgebung dokumentieren.

Es findet sich neben der Baubeschreibung einer Siedlungsstelle auch Schilderungen der örtlichen Verhältnisse des Dorfes in Vorbereitung auf die geplante Besiedlung unter dem Titel “Kurze Beschreibung der örtlichen Verhältnisse zum Dorfbebauungsplan von Steinfurth, Kreis Greifswald”, verantwortet vom damaligen Kulturamt Greifswald. Einmal wird der Istzustand beschrieben, zum anderen werden detailliert die Pläne für die vorgesehenen Siedlerstellen und die weitere Entwicklung des Dorfes dargelegt. [LAG Rep 81a 329 Steinfurth]

Zunächst werden die im Dorf lebenden Bewohner genannt, welche im Einteilungsregister vom 5.11.1934 aufgelistet sind.

Vor der Besiedlung gab es in Steinfurth 8 Wohnhäuser mit 15 Wohnungen u. 16 Haushaltungen. 23 Häuser wurden neu gebaut.

  • 1 Gutshaus mit 1 Wohnung mit 2 Haushaltungen
  • 1 Arbeiterhaus mit 1 Wohnung mit 1 Haushaltung
  • 1 Arbeiterhaus mit 2 Wohnungen mit 1 Haushaltung
  • 1 Arbeiterhaus mit 2 Wohnungen mit 2 Haushaltungen
  • 1 Arbeiterhaus mit 2 Wohnungen mit 2 Haushaltungen
  • 1 Arbeiterhaus mit 2 Wohnungen mit 1 Haushaltung
  • 1 Försterhaus mit 1 Wohnung               Reichsforstverw. mit 1 Wohnung
  • 1 Arbeiterhaus mit 4 Wohnungen die Landgem. mit 4 Wohnungen

In Steinfurth wohnhafte Familien:

  1.  Fischer, Hans 3 Pers. Statthalter zieht voraussichtlich zum 1.7.35 fort
  2.  Meyer, Ernst 2 Pers. Deputant, kommt als Siedler nicht in Frage
  3.  Pieritz, Karl 3 Pers. dsgl.
  4.  Hannemann, Karl 3 Pers.  beabsichtigt zu siedeln
  5. Oestreich, Friedrich 2 Pers.            kommt ins Gemeindehaus
  6. Fürst, Wilhelm  2 Pers. dsgl.
  7. Buggenhagen, Friedrich 1 Pers.  bewohnen zus. 1 Wohnung
  8. Schreiber, Franz 5 Pers.       Freiarbeiter zieht voraussichtlich fort
  9. Ladwig, Hermann  2  Pers.           zieht zum 1.5.35 fort
  10. Albustin, Erwin 8  Pers. zieht voraussichtlich fort
  11. Schmidt, Ernst 4 Pers. dsgl.
  12. Riek, Ernst 5 Pers. zieht voraussichtlich zum 1.4.35 fort
  13. Rüberg, Friedrich 2 Pers.  Rentner   Ortsarmer
  14. Grösch, Johann 2 Pers.       
  15. Podeswa, Paul 6 Pers. Vorschnitter wird wahrscheinlich Siedler
  16. Albustin, Erich 1 Pers. lediger Knecht  15 Jahre alt
  17. Verwalterhaus (früher Försterei)

Das Siedlungsgebiet liegt im östlichen Teil des Kreises Greifswald, ca. 2 km Landweg östlich der Hauptchaussee Anklam – Greifswald.

Die Verkehrs- und Absatzlage ist mittelgut. Die nächste Stadt Anklam ist 14 km, die Kreisstadt Greifswald 23 km, wovon 2 km auf einen Landweg entfallen, vom Objekt entfernt. Der Bahnhof Karlsburg an der Strecke Züssow – Wolgast liegt 3 km vom Objekt entfernt.

Die Schule für das Siedlungsgebiet befindet sich in Karlsburg. Sie ist einklassig, fasst etwa 60 Kinder und wird zurzeit von 32 Kindern besucht.

Die Kirche und Pfarre befinden sich in Zarnekow. Zum Kirchspiel gehören die Kirchengemeinden Karlsburg, Lühmannsdorf und Wrangelsburg.

An öffentlichen Wegen sind vorhanden:

  1.  Die Dorfstrasse
  2. Der Landweg zum Bahnhof Karlsburg, 
  3. Der Landweg durch die Karlsburg’er Forst zur Hauptchaussee Anklam – Greifswald
  4. Der Landweg nach Wahlendow,
  5. Der Landweg nach Buddenhagen,
  6. Der Landweg nach Giesekenhagen,
  7. Der Landweg von der Hauptchaussee Anklam – Greifswald abzweigend nach Giesekenhagen.
Die Steinfurther Dorfstraße im Sommer
… und im Winter
Der Landweg zum Bahnhof Karlsburg im Winter
… und im Sommer
Der Knüppeldamm zum Karlsburger Bahnhof
Der Landweg durch den Karlsburger Forst zur Hauptchaussee Anklam – Greifswald
linkerhand findet man den im Wald gelegenen Platz der ehemaligen Karlsburger Mühle
Der Landweg nach Wahlendow
Der Landweg nach Buddenhagen durch den Steinfurther Wald
Historischer Wegweiser: Landweg nach Giesekenhagen
  • Bodenverhältnisse: Das Ackerland ist meist eben und gehört der IV. bis VII. Bodenklasse an.                                
  • Die Wiesen und Weiden sind nur mittelmässig, jedoch verbesserungsfähig.                          Das Verhältnis Grünland : Ackerland ist etwa 1:10.

Vorhandene Gebäude: Die Gebäude sind meist sehr alt und befinden sich mit wenigen Ausnahmen in einem sehr mässigen Bauzustande.

Baugrund: Der Baugrund für die Neubaustellen ist gut.

Wasserverhältnisse:  Die Wasserverhältnisse sind günstig. Trinkwasser ist in etwa 10 bis 20 m Tiefe aufzufinden.

Aufteilung: Im Hinblick darauf, dass der Gutshof in der Südostecke des Siedlungsgebiets liegt, weiter im Norden und Süden hart an das alte Dorf ein umfangreiches Niederungsmoor grenzt, war eine unmittelbare Dorferweiterung nur nach Osten und Westen hin möglich. Unter den vorliegenden Verhältnissen musste somit für einen Teil der neu zu begründeten Bauernstellen ein neuer Ortsteil gebildet werden.

Mit Rücksicht auf die Verkehrslage, die Lage der Schule und die Geländeverhältnisse kam hierfür nur der Landweg zum Bahnhof Karlsburg als zweckentsprechende Aufbaustrasse in Frage.

Der neue Ortsteil beginnt etwa 200 m westlich des alten Dorfes. Er ist rund 550 m lang und liegt zu den bisher sehr entfernten Aussenschägen äusserst vorteilhaft. Hierbei konnte auch der Wirtschaftlichkeit der neuen Bauernhöfe in erhöhtem Masse Rechnung getragen werden. Ausserdem werden günstige Bauernhofstellen geschaffen, die trotz der weiträumigen Anlage in einem Jahrzehnt sicher den Eindruck eines geschlossenen Ortsteiles geben werden.

In Aussicht genommen ist die Begründung von 29 Stellen und zwar:

1 Grossbauerstelle 1 Bauernstelle 25 Bauernstellen  2 Handwerkerstellen Ausserdem ist am künftigen Gemeindehaus die Anlage eines Dorfplatzes geplant.

Von den Stellen werden 8 unter Verwendung der vorhandenen Gebäude hergestellt und für 21 Stellen werden sämtliche Gebäude neu errichtet.

Grösse des Siedlungsgebietes: Das Siedlungsgebiet setzt sich aus Teilen der Güter Steinfurth und Karlsburg zusammen und ist 659,9325 ha gross.

An Kulturarten sind vorhanden

  • Acker                                    554,92 ha,
  • Wiese                                     46,63  ”  ,
  • Koppel                                   10,78   ”  ,
  • Holzung                                  8,65   ”  ,
  • Ödland                                  13,94   ”  ,
  • Wasserstücke                        0,82    ”  ,
  • Bruch                                       2,02   ”  ,
  • Hofraum und Garten            5,66   ”  ,
  • Wege                                  16,5125 ha
  • zusammen:                     659,9325 ha.

Art der Aufteilung des Siedlungsgebietes:

Die grundlegenden Gesichtspunkte der Plangestaltung sind entsprechend den mit Herrn Kreisobmann Mau – Dambeck getroffenen Vereinbarungen auf Grund des Planprüfungstermines vom 12. März 1935 wie folgt festgelegt worden:

Niederungsmoor: zwischen ehemaliger Mühle und altem Steinfurther Dorfkern: es wurde in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts trocken gelegt.

Die Gebäude sollen wie folgt verwertet werden:

  1. Stelle VII erhält ein Leutehaus als Wohnhaus,
  2. Stelle VIII wird Stellmacherei und erhält ein Leutehaus als Wohnhaus und Werkstatt,
  3. Stelle IX erhält ein Leutehaus als Wohnhaus,
  4. Stelle XV erhält 2/5 eines Viehstalles als Wirtschaftsgebäude,
  5. Stelle XVI erhält 3/5 des Gutshauses als Wohnhaus, 1/2 des Wirtschaftshauses als Leutehaus sowie Futterküche und einen Pferdestall mit Kornboden als Wirtschaftsgebäude, (Gutshaushälfte und Stall Ruine)
  6. Stelle XVII erhält ½ des Wirtschaftsgebäudes als Wohnhaus und 3/5 einer Scheune als Wirtschaftsgebäude,
  7. Stelle XVIII erhält 2/5 des Gutshauses als Wohnhaus und die Wagenremise als Stall,
  8. Stelle XIX und erhält 2/5 eines Viehstalles als Wirtschaftsgebäude,
  9. Die Landgemeinde Karlsburg erhält ein gutes Vierfamilienhaus sowie 3 Stallgebäude.
  10. Zur Unterbringung der Gutsarbeiter, die nicht angesiedelt werden können, stehen 2 alte Leutehäuser zur Verfügung. Es werden somit sämtliche vorhandenen Gebäude bei der Besiedlung verwendet.

Für 21 Stellen sind neue Gebäude zu errichten.

Wohnhaus und Stall werden unter einem Dach errichtet. Die Ausführung wird massiv und Zementfalzziegeldach. In der Bauart herrscht Abwechslung in den einzelnen Typen.

Der Wohnungsteil hat folgende Räume: 1 Flur mit Treppe, 1 Küche, 2 Stuben, 1 Futterküche, 1 Giebelstube, ausserdem ausreichenden Keller Schüttboden und Räucherkammer.

Im Stallteil ist Raum vorhanden für: 2 Pferde, 6 Stück Großvieh, 3 Schweinebuchten, Futterplatz, Hühnerstall und Abort.

Im Dachgeschoss Futterboden. Die Stalleinrichtung wird ausgeführt, eine Jauchegrube wird angelegt.

Scheune. Diese wird aus Holzfachwerk mit Bretterverkleidung hergestellt. Das Dach wird mit Zementfalzziegel eingedeckt.

Trinkwasserversorgung: Die Stellen sollen eigene Brunnen erhalten. Trinkwasser wird in etwa 10 bis 20 m Tiefe aufzufinden sein.

Elektronetz: Es ist beabsichtigt, die Siedlung an das Elektronetz anzuschliessen.

Finanzierungsplan und Rentenbemessung: Beim Ankauf des Gutes Steinfurth ist die Rente für eine 15 ha grosse Stelle unter Zugrundelegung eines Zins- und Tilgungssatzes von 4,5 v. H. auf 12,00 RM je ¼ ha landwirtschaftlicher Nutzfläche festgesetzt worden.

Nach den Absichten der Pommerschen Landgesellschaft sollen zur Sicherstellung der Siedler verschiedene Maßnahmen getroffen werden, die beim Ankauf des Gutes nicht berücksichtigt sind. Es handelt sich um folgende Mehraufwendungen, die gegen den vorläufigen Finanzierungsplan zur Durchführung kommen sollen:

  1. Die Vorflutregelung innerhalb der Pläne Nr. 215 bis 217 mit einem Kostenaufwande von 2000,– RM,
  2. Der Umbruch und die Neuansaat der Dorfkoppel in eine Größe von rd. 10 ha, mit einem Kostenaufwande von 2500,– RM,
  3. Die Vorratsdüngung der stark verhungerten Wiesenflächen in eine Grösse von rd. 43 ha mit einem Kostenaufwande von 1870,– RM,
  4. Der Ausbau und die Pflasterung der Aufbaustrasse sowie des Zufahrtweges zum Bahnhof Karlsburg in einer Länge von rd. 3,0 km, mit einem Kostenaufwande von   45000,– RM,
  5. Die Herstellung eines Wildgatters in einer Länge von 1,5 km, mit einem Kostenaufwande von   2000,– RM,

Bodenverbesserungen: Von den im Gebiet der Wassergenossenschaft Karlsburg liegenden Grünländereinen soll eine Fläche, die unter Nässe leidet, durch Ergänzung der Vorflut verbessert werden.

Die gleichfalls im Genossenschaftsgebiet liegende Dorfkoppel befindet sich in einem sehr mangelhaften Kulturzustand. Sie soll deshalb umgebrochen und neu angesät werden. Es handelt sich um eine Fläche von rund 10 ha. Weiter sollen sämtliche Wiesenflächen, die stark verhungert sind, eine Vorratsdüngung erhalten.

Die versumpften Feldwiesen innerhalb der Pläne Nr. 215 bis 217 werden durch Regulierung der Vorflut verbessert.

Der sogenannte „Sack“, ein Ackerstück an der Westgrenze der Steinfurther Forst, – Pläne Nr. 114 bis 161 – leidet sehr stark unter Rot- und Schwarzwildschaden. Um diesen Übelstand, der für die Siedler eine dauernde wirtschaftliche Schädigung bedeutet und zu grossen Unzuträglichkeiten führen kann, zu mildern, war es dringend erforderlich, die daselbst vorspringende Waldnase von der Forst abzutrennen und dem Siedlungsgebiet zuzuschlagen. Der erforderliche Tausch mit dem Deutschen Reich, vertreten durch den Herrn stellvertretenden Kommissar für die Osthilfe – Landstelle Stettin -, ist bereits durchgeführt.

Zur Verminderung des Wildschadens ist ferner der Abtrieb der eingetauschten Holzflächen erforderlich. Diese sind nur schwach mit Buchen bestanden. Es handelt sich um einen lehmigen Sandboden, der sich als Ackerland eignet.

Weiter ist die Errichtung eines Wildgatters vorlängs des in Frage kommenden Ackerstückes vorgesehen. Es kommt die Strecke von rund 1500 m in Frage.

Wegeverbesserungen: Der Landweg vom Bahnhof Karlsburg über Steinfurth nach Wahlendow befindet sich in einem sehr mässigen Zustande. Die Befestigung dieses Weges wird allseitig für erforderlich gehalten, da er die Lebensader für das neue Bauerndorf ist. Auf ausdrücklichen Wunsch der Kreisbauernschaft soll dieser Weg im Anschluss an den bahneigenen Schlackenweg am Bahnhof Karlsburg bis zum Hof der Stelle XII, also in einer Länge von rund 3,0 bis 3,5 , breit gepflastert werden. Nach erfolgtem Ausbau soll der Weg im Einvernehmen mit dem Herrn Landrat als Straße II. Ordnung vom Kreis unterhalten werden.

Gemeinwirtschaftliche Anlagen:  a) Ausstattung sind für die Gemeinde Karlsburg vorgesehen:

  1. Der Ackerplan Nr. 139 in einer ungefähren Größe von 1,50 ha,
  2. Der Ackerplan Nr. 199 in einer ungefähren Größe von 0,75 ha,
  3. Der Ackerplan Nr. 200 in einer ungefähren Größe von 2,50 ha,
  4. Holzungsplan Nr. 226 in einer ungefähren Größe von 0,75 ha,
  5. Der Ackerplan Nr. 263 als Nutzungsland für die Bewohner des Gemeindehauses in einer ungefähren Größe von 0,60 ha,
  6. Der Plan Nr. 265 einschließlich des aufstehenden sogenannten Klosters, das als Gemeindehaus verwendet werden soll in einer ungefähren Größe von 0.39 ha,
  7. Der Ackerplan Nr. 273 in einer ungefähren Größe von 1,00 h zusammen: 11,59 ha.

b) An gemeinwirtschaftlichen Anlagen sind vorgesehen:       

1.) der Plan Nr. 87 als Bullenhaltung, 2.) der Plan Nr. 140 als Sportplatz, 3.) der Plan Nr. 159 als Eberhaltung, 4.) der Plan Nr. 160 als Lehmgrube, 5.) der Plan Nr. 164 als Bullenhaltung, 6.) der Plan Nr. 198 als Sandgrube, 7.) der Plan Nr. 208 als Standplatz für das Transformatorenhaus, 8.) der Plan Nr. 264 als Dorfplatz, 9.) der Plan Nr. 266 als Dorfteich.

Als Ausstattung für die evangelische Kirchengemeinde Zarnekow ist der Plan Nr. 165 in einer ungefähren Größe von 0,50 ha als Begräbnisplatz vorgesehen. Ausserdem soll sie den Plan Nr. 66 in einer ungefähren Grösse von 4,25 ha als Hufenerleichterungsfonds erhalten.

Dieser Plan, eine weitere Begräbnisstätte zu einzurichten, wurde erst nach 1945 umgesetzt, da der Friedhof um die Kirchenruine herum voll belegt war.

Unten ist die Baubeschreibung der 1935 erbauten Siedlerhäuser mit Scheune eingestellt.

Der Kaufpreis für die Gebäude betrug ca. 10100 RM. Die Nutzflächen, die den einzelnen Höfen zugeordnet waren, bewegten sich zwischen 6 und 23 Hektar. Am wenigsten Land hatten die Handwerkerstellen, die größte Nutzfläche der Großbauer. Die meisten der Siedler besaßen zwischen 13 – 16 ha Land. Der Landpreis lag zwischen 10000 und 20000 RM. 

3/5 des alten Gutshauses bekam der Besitzer des Resthofes. Als Resthof wurde die nach der Aufteilung übrig gebliebene landwirtschaftliche Fläche bezeichnet, die sich nicht nochmals teilen ließ oder wo die notwendigen Gebäude sich nicht ohne weiteres einfügen ließen. Er war in der Regel größer als die anderen Höfe. In Steinfurth gehörte dieser dem Großbauern Willi Fink, die andere Seite einem Mann namens Schulz, einem ehemaligen Gutsarbeiter des gräflichen Gutes, der später eine Tochter aus der Siedlerfamilie Schulz heiratete. Auch das Wirtschaftsgebäude daneben wurde geteilt: die vordere Hälfte gehörte Fink, die hintere Hälfte Beckmann. Auch Hahn und Möller waren ehemalige Gutsangestellte, die schon vorher in Steinfurth gewohnt hatten.

August Müller und seine Familie kam Ende des Jahres 1935 mit drei Söhnen aus der Gegend um Wolfsburg und Braunschweig nach Steinfurth. Der Großvater väterlicherseits besaß dort eine Tischlerei mit 16 Morgen, die er dem Ältesten, August Müller, vererbte. Da sie mehrere Geschwister waren, beschlossen sie, den Besitz zu verkaufen und das Geld untereinander aufzuteilen.

Es wurde damals im hannoverschen Raum Reklame dafür gemacht, dass man in Pommern ohne Startkapital siedeln könne. Später dann, das weisen die Unterlagen über die Steinfurther Siedlungsangelegenheiten aus, musste für die jeweiligen Hofstellen sowie für das Land ein Kredit aufgenommen werden. Da der Anteil des Erbes bescheiden war, auch einiges für den Umzug draufging, standen ihnen am Ende noch 500 Mark zur Verfügung.

So kamen die Interessenten mit einem Bus, der von den Behörden zur Verfügung gestellt worden war, nach Pommern. Sie wurden durch die Ortschaften gefahren, bis sich alle einen Hof ausgesucht hatten. Auch Kredite wurden bewilligt, damit die Landwirte die Wirtschaft in Betrieb nehmen konnten. Die in Steinfurth errichteten Häuser warteten darauf, in Besitz genommen zu werden. Sobald sich ein Siedler für einen Hof entschieden hatte und der Einzugstermin feststand, wurde in die Scheune eine Ladung mit Stroh und eine mit Heu vom Karlsburger Gut angefahren.

Der Vaddermann, wie August Müller seinen Vater liebevoll nennt, bestellte einen Umzugswagen mit Anhänger, auf dem neben dem Hausrat auch die landwirtschaftlichen Geräte Platz fanden, die zur Bearbeitung des großväterlichen Besitzes schon vorhanden waren. So musste man in Steinfurth nicht ganz von vorn anfangen.

Im Dezember machte die Familie sich morgens zeitig auf den Weg. Sie wollten bei Tageslicht ihr neues Zuhause in Besitz nehmen. Aber aufkommender Schneefall verhinderte, dass sie die Brücke über der Elbe zügig passieren konnten. Erst nach einigen Stunden, nachdem Sand gestreut worden war, konnten sie ihre Fahrt fortsetzen. Als sie fast ihr Ziel erreicht hatten, stellte sich heraus, dass der Lastwagen nicht nach Steinfurth durchfahren konnte, da ein solch schweres Gefährt auf dem unbefestigten Weg Richtung Dorf nicht – ohne Schaden zu nehmen – durchgekommen wäre. Von der damaligen F109 kommend Richtung Steinfurth, passiert man zwischen Kurve und Ortseingang linkerhand ein Wäldchen, dass bei den alten Dorfbewohnern als Küsters Kuhle bekannt war.

Küsters Kuhle

Der Name kam vom Besitzer der Felder dort – auch ein Siedler – namens Küster. Der Knüppeldamm von Steinfurth her war damals erst bis zu dieser Stelle mit Feldsteinen ausgebaut und zwar von der gleichen Firma verlegt, die auch die Siedlerhäuser gebaut hatte. Der Umzugswagen musste also am Karlsburger Bahnhof auf die Entladung warten. Die F109, eine Heeresstraße, war mit Granitsteinen gepflastert. An der Grenze zu Anklam war eine Jahreszahl aus Basaltsteinen eingelassen. Obwohl er tausende Mal darüber gefahren ist, kann August Müller sich nicht genau erinnern. 1929 meint er gelesen zu haben.

Der Hof der Müllers war der letzte linkerhand auf der Steinfurther Dorfstraße Richtung Pamitz, gegenüber dem Gehöft von Otto Pahlmann, der 14 Tage vorher mit seiner Familie eingezogen war. Schon erstaunlich, dass die Häuser innerhalb eines halben Jahres hochgezogen worden waren.

Mitten in einer Dezembernacht in Pommern angekommen, musste der Vater zu Fuß in den Ort laufen, um den Milchkutscher Hannemann, der links neben der Kapelle in einem der alten Strohkaten wohnte, aus dem Schlaf zu holen. Dieser würde, so war ihm gesagt worden, mit seinem Milchwagen Kinder, Frau und die nötigsten Utensilien, die für die erste Nacht in der neuen Heimat benötigt wurden, ins Dorf transportieren. Der Nachbar Pahlmann hatte schon Ofen und Küchenherd eingeheizt, sodass die Familie, durch die Reise und das lange Warten durchgefroren, ganz erfreut ihr neues warmes Zuhause in Besitz nehmen konnte.

Das Steinfurther Siedlerhaus der Familie Müller

Am Nachmittag des nächsten Tages hat der Milchkutscher nach seiner eigentlichen Arbeit dann die restlichen Möbel und Gerätschaften geholt.

Die drei Söhne der Müllers am Steinfurther Hundewinkel, östlich hinter dem Dorf gelegen.

Im Laufe der Jahre kamen vier weitere Kinder dazu. August war der jüngste der Kinder. Er musste für die nachkommenden Geschwister das Kindermädchen spielen, erzählt er augenzwinkernd. Das Steinfurther Wohnhaus war bald zu klein für eine so große Familie. Die Mutter wollte Steinfurth nicht schon wieder verlassen, auch wenn sie nur ins nächste Dorf umziehen sollten: Zieh du alleine, ich bleibe in Steinfurth. Sie hatte zu den Nachbarn, Seffers und Pahlmanns, guten Kontakt und wollte ihn nicht so schnell wieder aufgeben. Der Vater zunächst auch nicht. Aber als er anbauen wollte, wurde sein Antrag abgelehnt mit der Begründung, dass in Kriegszeiten Privatleute keine Baumaterialien bekommen könnten. Kein Mauerstein dürfe privat vermauert werden, bekam er von der Kreisverwaltung Bescheid. Wenn er mehr Wohnraum brauche, müsse er eine Wirtschaft mit einem größeren Wohnhaus übernehmen. Bedingung war, dass alles, d.h. Vieh, Arbeitsgeräte und was sonst auf einen Bauernhof gehörte, zurückgelassen werden musste; “schlicht auf schlicht” wie August Müller das nennt. Nur die persönliche Habe – wie die Möbel – durfte mitgenommen werden. Das war 1941. Die alte Wirtschaft wurde wieder von einem Schulz aus Krebsow besetzt, der ebenfalls kein Geld hatte.

Feldarbeit

Aus dem Hannoverschen hatte Familie Müller einen Hund mitgebracht, der, da zu Anfang um die Hofstellen keine Zäune gezogen waren, immer in den Wald ausbüchste und wilderte. Als der Förster ihn darauf ansprach und drohte den Hund zu erschießen, meinte der Vater nur: mein Hund macht so etwas nicht. Wenn du meinst, dass das mein Hund ist, musst du ihn erschießen. Kurz darauf teilte ihm Gaider mit, dass der Hund erschossen im Wald liege. Zunächst war danach, wie man sich denken kann, das Verhältnis der beiden Männer ziemlich angespannt, später dann wurden sie beste Freunde. So half August Müller dem Förster, der nach dem Verkauf der gräflichen Steinfurther Ländereien mit dem Steinfurther Wald auf sich allein gestellt war, das geschossene Wild zum Karlsburger Bahnhof zu transportieren, damit es im Wolgaster Schlachthaus weiterverarbeitet werden konnte. Er bekam dafür ab und an Wildfleisch und Holz z.B. für den Bau eines Zaunes. Nach dem Krieg wurde der Förster von den Russen nach Neubrandenburg in ein Lager gebracht. Ihm wurde Wilderei vorgeworfen. Dieses Schicksal hatte er nicht verdient. Er war ein guter Mensch, sagt August Müller.

Ein Jahr später zog Familie Müller mit ihren 7 Kindern nach Pamitz. Von der Kreisbauernschaft in Greifswald waren ihnen dort drei Höfe zur Auswahl angeboten worden: zwei mit 100 Morgen, der Resthof mit 200 Morgen. Der Vater entschied sich für den Resthof, weil mehr Land dazugehörte sowie eine große Feldsteinscheune. Der Umzug lief folgendermaßen ab: es waren auf dem Kleinbünzower Bahnhof Container abgestellt worden. Am Umzugstag musste der Vater die Möbel des Pamitzer Bauern, dessen Hof er übernehmen sollte, zum Bahnhof bringen. Dieser Bauer, der immer in brauner Uniform großkotzig auf dem Motorrad durch die Gegend fuhr, sollte in Polen eine Wirtschaft mit 600 Morgen übernehmen, von dem zuvor die dort ansässigen Polen vertrieben worden waren. Die Schulden, die auf dem Pamitzer Hof lasteten, wurden ihm von den Nationalsozialisten erlassen. Auf dem Pamitzer Hof mussten bei dem Vorbesitzer zwei polnische Arbeitskräfte und zwei französische bzw. belgische Gefangene arbeiten. Die hatte die Familie Müller zu übernehmen.

Die Geschichte der Kriegsgefangenen, die auf den Höfen arbeiten mussten, ist auch ein schlimmes Kapitel deutscher Geschichte. Zum Beispiel war es verboten, dass sie sich während des Essens im gleichen Raum aufhielten wie die Familie oder mit Schuhen bzw. Kleidungsstücken ausgestattet wurden. Die Mutter hat die Gefangenen dennoch in der großen Küche essen lassen. Morgens um sieben Uhr kamen diese aus Pamitz, wo sie in einem Wirtschaftsgebäude, eng zusammengepfercht, schlafen mussten. Um 20 Uhr abends hatten sie spätestens wieder in der Unterkunft zu sein. Gefangene lebten dort nur so viele, wie auf den Bauernhöfen der Umgebung an Arbeitskräften zugeteilt wurden. In der Regel waren dort, wo Polen oder Gefangene arbeiteten, die Bauern in die Armee eingezogen worden.

Während die Gefangenen sogenannte Liebesgaben – Kleidung oder Nahrungsmittel – aus ihren Heimatländern erhielten, bekamen die Polen nichts dergleichen. Sie mussten in Holzkloben laufen. Die Eltern haben für ihre zwei polnischen Arbeiter Stiefel bei einem Greifswalder Schuster machen lassen, weil die schwere Arbeit, die sie auf Feld und Hof leisten mussten, in solch einer Fußbekleidung fast unmöglich war. Dafür wäre der Vater beinahe abgeholt worden, als der Kreisbauernführer die nagelneuen Schuhe bemerkte. Er redete sich damit heraus, dass die Schuhe, für ein Familienmitglied angeschafft, leider nicht passten.

Dann wurde August Müller eingezogen und die Mutter war mit sieben Kindern, vier Ausländern – zwei Franzosen bzw. Belgiern, zwei Polen – und einem Dienstmädchen aus dem Pamitzer Landjahrlager allein auf dem Hof. Allerdings hatte er auch Glück im Unglück. Die Ausbildung als Soldat erhielten er und Hermann Mindermann – ebenfalls ein Steinfurther Siedler – in Kiel. Sie sollten an Flakgeschützen die amerikanische Armee daran hindern, weiter vorzurücken. August Müller war dieser Situation nicht gewachsen. Immer, wenn es ins Gefecht ging, wurde er ohnmächtig und fiel um. Nach einem halben Jahr wurde er ausgemustert und nach Hause geschickt, was für die Familie ein großes Glück war.

Im Mai 1945 kam der fünfzehnjährige Otto von Odessa am Schwarzen Meer aus einer deutschen Kolonie in ein Landjahrlager, wo 50-60 Jungen für die Front ausgebildet wurden. Im April/Mai 1945 sollten sie an die Front nach Norwegen gebracht werden. Sechs der Jungs hatten von dem Pamitzer Landjahrlager für Mädchen gehört und sprangen bei Ankam aus dem Zug. Einer davon war Otto, der bei der Müllerschen Familie Unterschlupf fand und für viele Jahre mit dieser zusammen lebte.

Ende des Krieges hatten sich die Russen in Pamitz im Gutshaus und auch im Karlsburger Schloss einquartiert. Sie zogen über die Dörfer und holten von den Bauern, was sie kriegen konnten. Die Soldaten hatten Hunger. Einmal saß die Familie abends zusammen. Da hörten sie, dass draußen Leute waren. Die Jungs wollten gleich nachsehen. Aber der Vater verbot es ihnen: lasst die Russen die Schweine erschießen. Wenn ihr rausgeht, erschießen sie euch. Die waren immer mit einem Ponywagen unterwegs. Das Vieh wurde dann auf den Wagen gezogen und weg waren sie. In der Zeit wurde auch viel gewildert, obwohl ja alle die Waffen abgeben mussten. Es gab aber immer noch welche, die ihre Schrotflinten versteckt hatten. Eines Tages wurde ein russischer Soldat im Wald gefunden, ein Wilderer hatte ihn wahrscheinlich erschossen.

Die Gefangenen, die auf den Bauernhöfen arbeiten mussten, waren mit Ende des Krieges verschwunden. Die polnischen Zwangsarbeiter organisierten von den Bauern Pferde und Wagen und kehrten damit nach Hause zurück. Allerdings nicht, ohne die Bauern, die sie übel behandelt hatten, vorher zu verprügeln. Dem Züssower Ortsbauernführer, der die Polen besonders drangsaliert und schlecht behandelt hatte – sie mussten immer für ihn Jauche fahren – zahlten sie es heim, indem sie ihm einen Strick um den Bauch banden und ihn immer wieder in die Jauchengrube tauchten, bis er tot war.

Die Schmiede in Steinfurth – für alle Bauern ein wichtiger Anlaufpunkt – wurde von einem älteren Mann namens Spandau betrieben, der bis zur Aufsiedlung noch für das Gut gearbeitet hatte.

Ursprünglich gab es vor der Schmiede eine hölzerne Remise, wo die Pferde beschlagen wurden.

Der Bruder von Augusts Mutter war ebenfalls Schmied. Als er eingezogen wurde, kam er nach Peenemünde und war dort als Schmiermaxe eingesetzt. Des öfteren, wenn er Kurzurlaub hatte, kam er zu seiner Schwester nach Steinfurth, weil die Zeit für eine Fahrt nach Hannover zu kurz war. Der Vater nutzte den Schwager gleich aus: Wenn du einmal hier bist, kannst du doch gleich die Pferde beschlagen, die Jungs können den Blasebalg ziehen. Er hat dann die Tochter des Schmieds geheiratet. Die Kinder freuten sich immer, wenn Onkel Walter kam. Er war kräftig, konnte gut anpacken, so dass die Kinder in der Zeit spielen durften. Als der Krieg zu Ende war, saß Onkel Walter eines Tages morgens um 5 Uhr vor der Pamitzer Haustür. Er kam aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, war zunächst zu seinem Steinfurther Haus gegangen und hatte seine Frau rausgeklingelt. Er merkte aber schnell, dass da ein anderer Mann war und die Frau schwanger. So lief er weiter nach Pamitz zu seiner Schwester. Die Scheidung wurde eingereicht. Die Frau heiratete den Vater des Kindes namens Schulz und der Onkel ging nach Hannover zurück. Hier sei eingefügt, dass die Familien namens Schulz nicht miteinander verwandt waren.

August Müller hatte vier Pferde, die regelmäßig zum Schmied gebracht werden mussten. Damit es schneller ging, musste immer einer der Jungs mitfahren, um den Blasebalg zu bedienen. Bei einem dieser Besuche – das war schon in Pamitz – wollte der dortige Schmied den Vater überreden, doch nachts einmal mitzukommen. Da würden sie mit dem Lastwagen über Land ziehen und die Juden aus den Häusern holen. Der Lastwagen hatte eine Plane, da standen die SA-Leute drauf und drangen in die Wohnungen der Juden ein, prügelten sie auf den Lastwagen und ließen das eine oder andere mitgehen. Die Jungen verstanden nicht, was der Schmied da erzählte und wohin die Menschen gebracht wurden. Mit dem Vater durften sie darüber nicht reden. Der wies den Schmied nur ab mit den Worten: da will ich nix mit zu tun haben, da hab ich keine Zeit für. Die Mutter, als die Kinder ihr das erzählten, warnte sie: darüber dürft ihr nicht reden. Das ist etwas ganz Schlimmes.

Die Kinder mussten viel in der Wirtschaft mithelfen. Der Pamitzer Acker von August Müller grenzte an den Besitz des Großbauern Fink.

Die Felder Richtung Pamitz

Der hat ganz oft mit seinem Nachbarn erzählt und die Jungs mussten derweil die Arbeiten erledigen: Der Alte steht dahinten und quasselt und wir müssen hier arbeiten. Das fanden sie ungerecht.

Die gängigste Art den Acker zu bearbeiten oder Erntegut, Mist usw. zu transportieren, wurde in der Landwirtschaft zur damaligen Zeit immer noch mit Pferdestärken bewerkstelligt. Auf dem Karlsburger Gutshof standen u. a. vier Hengste, die bei Bedarf auch den Bauern als Samenspender für ihre Stuten zur Verfügung standen. Müllers hatten zwei Stuten und so konnten sie auf diese Weise zu dem erwünschten Nachwuchs gelangen.

August Müller berichtete nicht nur über das Leben seiner Familie in Steinfurth, Pamitz und Moeckow, er erinnerte sich auch daran, dass, bevor in den 30er Jahren des 20ten Jahrhunderts in Karlsburg eine Feldbahn angeschafft wurde, auf dem Gut ein großer Dampfpflug existierte. Am Steinfurther Damm und in Karlsburg stand jeweils ein Dampfkessel, der mit Briketts und Holz beheizt wurde. Mit Hilfe von zwei Lokomotiven, Seilwinden und viel Personal wurden Pflug oder Egge über den Acker gezogen.

Die Feldbahn reichte vom Karlsburger Gut bis zum Karolinenhof, war neben dem Schlackedamm verlegt, und auch zur alten Gärtnerei führte ein Schienenstrang. Vom Wirtschaftsgebäude an Schloss und Schafstall vorbei gingen die Schienen entlang der Lindenallee Richtung Zarnekow bis an den Bahnhof heran, sodass die Loren direkt an die dort stehenden Waggons herangefahren und der jeweilige Inhalt verladen werden konnte. Vor dem Bahnübergang querten die Schienen die Straße, waren aber so gut in das Kopfsteinpflaster eingefügt, dass man sie beim Überfahren gar nicht bemerkte. Eine Lok holte die Waggons ab. Die Güterzüge wurden dann in Züssow zusammengestellt. Am Karlsburger Bahnhof war eine Drehscheibe eingelassen, von der aus die Schienen, wie sie gerade gebraucht wurden, verlegt werden konnten. Für das Aufsetzen der Loren waren mehrere Arbeiter angestellt. Es wurde ein Schienenstrang an der Seite des Ackers verlegt, Pferdewagen brachten die Ernte zu den Loren, die ebenfalls von Pferden gezogen wurden, oder auch Dung auf die Felder. Oder, wenn der Schienenstrang an einer Stelle nicht mehr gebraucht wurde, kamen speziell dafür eingestellte Arbeiter und bauten die Schienen ab und an einer anderen Stelle wieder auf.

Die Kinder setzten sich manchmal morgens in die leeren Loren und ließen sich mit Schwung in Richtung Schule rollen, trotzdem es jedes Mal Ärger gab. Denn die Loren wurden ja für die Feldarbeit benötigt.

Die Lindenallee Richtung Steinfurth von der heutigen B109 war ein gut ausgebauter Schlackenweg, der bis zum Karolinenhof führte, wo sich die Schweinezucht des Karlsburger Gutes seit den 30er Jahren mit zwei großen Ställen, einem Wirtschaftsgebäude sowie einem Wohnhaus befand. Die vorherige Schweinezuchtanlage bei der ehemaligen Mühle lag möglicherweise zu abseits.

Diese Straße durften die Steinfurther nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad benutzen, nicht aber mit Pferd und Wagen. Ihnen stand nur der Huckelweg zum Bahnhof zur Verfügung.

Die Lindenallee zum Carolinenhof, der Karolinenweg und zwei Ansichten des Knüppeldamms zum Bahnhof

Die Felder, die zwischen den Bahnschienen Richtung Lühmannsdorf, Brüssow und Steinfurth lagen, wurden unter den Steinfurther Siedlern aufgeteilt. Nur der Schweinehof blieb beim Karlsburger Gut. Jeder der Siedler hatte ungefähr 2 ha Acker dort, weil die Entfernung zum Dorf so groß war. Der Müllersche Acker befand sich in der Nähe der Schweineställe, dadurch bekamen sie mit, was so auf dem Carolinenhof passierte.

Die Feldbahn wurde nach 1945 nicht mehr benutzt, überwucherte und wurde später abgebaut.

Der Bruder des Moeckower Gutsbesitzers Lagemann war als Inspektor auf dem Karlsburger Gut angestellt. Über diese Verbindung erhielt auch Moeckow eine Feldbahn. Die Schienen kann man heute noch in den Moeckower Häusern als Deckenträger im Keller finden, die nach 1945 im Rahmen der Bodenreform dort gebaut wurden. Die Schienen wurden so verlegt, dass jeweils ein Mauerstein dazwischenpasste. So sollen alle Kellerdecken in Moeckow gearbeitet worden sein – wie auch bei August Müller – die in dieser Zeit entstanden.

1956 baute August Müller mit seiner jungen Familie in Moeckow ein Haus und bekam im Rahmen der Bodenreform Land zugewiesen. Das Moeckower Gutshaus ist nach 1945 abgebrannt. Flüchtlinge haben darin gewohnt. Danach hat der Besitzer des Gutshauses sein Haus dort gebaut. Es war das erste, was nach dem Krieg entstand. In Moeckow wohnten in den 20er Jahren des 20ten Jahrhunderts nur einige Gutsarbeiter in alten Strohkaten, die später abgerissen wurden.

In der Moeckower großen Scheune wurden damals die Loren und die vier Meter langen Schienen über den Winter eingelagert und zu den Arbeiten auf den Feldern, wie man es brauchte, verlegt.

Zu der gräflichen Familie befragt, erzählte August Müller, dass der Graf und seine Familie viel auf Reisen gewesen seien. Der Park hätte deshalb so viele exotische Bäume in seinem Bestand gehabt, weil sie diese von ihren Reisen mitgebracht hätten. Einmal im Monat wanderten die Schulkinder mit Erlaubnis des Grafen unter Aufsicht des Lehrers, der gute Kontakte zum Inspektor hatte, durch den gepflegten Karlsburger Schlosspark, die Wege durften sie aber nicht verlassen. Viele der teils wertvollen Bäume existieren heute leider nicht mehr.

Schlosspark während der Rhododendronblüte
Riesige Platanen

Bei einer gemeinsamen Fahrt durch Steinfurth rekapituliert August Müller nochmals die damals vorhandenen Häuser mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern. Dabei habe ich über mein Dorf noch so einiges erfahren:

Zum Beispiel teilten sich die Siedler in 3 Gruppen: die Gutsarbeiter, die schon in Steinfurth in den alten Strohkaten oder im Gemeindehaus gewohnt hatten. Der alte Möller, der alte Hahn, der alte Schulz, der wiederum eine Schulz geheiratet hat. Die vom Gut hatten einen gewissen Vorrang vor den anderen Interessenten. Dann die Zwölfender: das waren die Siedler, die 12 Jahre in Hitlers Armee gedient und soviel auf der hohen Kante hatten, dass sie ohne Kredite auskamen. Und nicht zuletzt die Siedler, die Kredite aufnehmen mussten, um siedeln zu können.

Die Steinfurther Dorfstraße 1936 mit ihren Bewohnern

Hinter dem Hof von Lange war ein Obstgarten für die Steinfurther, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Die Wirtschaft der Müllers ging bis zu dem Weg, der in den Steinfurther Wald und nach Buddenhagen führt. Riesige Grundstücke waren das. Vor der Stellmacherei wurde gern gefeiert, Kinder- und Erntefeste. Der Mann betrieb die Stellmacherei und die Frau die Gastwirtschaft. Es gab des öfteren Freudenfeuer auf der Straße, über die, wenn sie bis auf die Glut abgebrannt waren, die Jugendlichen gesprungen sind. Für die Kinder gab es Lakritz und andere Bonbons in der Gastwirtschaft, die Türen standen immer offen. Man saß im Garten und trank etwas oder spielte Karten.

Der Katen der der Familie Schwarz. Auf der rechten Seite war die Stellmacherei auf der linken die Gaststätte

Geht man am Ende des Dorfes den Weg in Richtung Gutshaus sieht man linkerhand noch Reste der Gutsmauer.

Reste der Gutsmauer mit den Torpfosten: zu sehen ist der zu LPG-Zeiten angebaute Teil des Kuhstalles
Der Zugang zum hahnschen Hof, die Gutsmauer und Reste des abgebrannten Schafstalles

Dahinter steht der ehemalige Kuhstall des Gutes (der vordere Teil wurde LPG-Zeiten angebaut), der zum Besitz des Großbauern Fink gehörte. Der hahnsche Besitz zeigt noch Reste des Schafstalles, der nach dem Krieg abgebrannt ist, auch die Toreinfahrten des Steinfurther Gutes sind noch zu besichtigen. Wo heute das blaue Haus steht, befand sich der Garten für die Bewohner des Gemeindehauses.

Für weitere Informationen und Hinweise, die Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, bei der Lektüre dieses Beitrags in den Sinn kommen, wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mein Dank gilt August Müller und seiner Tochter Nicole für die wunderbaren Erinnerungen und für die Zeit, die sie sich für das Interview genommen haben.

Die Familie Bismarck-Bohlen, die Zarnekower Kirche und andere Geschichten

In diesem Beitrag soll neben den Begebenheiten und Einträgen, die sich in Carolines Lebensbeschreibung oder im Hausbuch der Bismarck-Bohlen in Bezug auf die Zarnekower Kirche finden, auch Pastor Siegfried Barsch zu Wort kommen, der von 1959 an bis in die Wendezeit hinein in Zarnekow als Seelsorger tätig war. Auch die Chronik der Kirchgemeinde Zarnekow 1729 bis 1946 und weitere Dokumente aus dem Kirchenarchiv wurden hinzugezogen, wofür ich Pastor Rau herzlich danke.

Da diese Schilderungen ganz unterschiedlicher Natur sind, ergibt sich eine Vielfalt von Notizen und Episoden, die teils Bezug zu der Familie Bismarck-Bohlen, teils Bezug zur Zarnekower Kirche haben. Ein historischer Abriss ist nicht beabsichtigt.

Die Kirche wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut, 1415 erstmals erwähnt, und hat seitdem einige Veränderungen erlebt. Z. B. wurde der Turm, nachdem er 1584 wegen Baufälligkeit abgebrochen werden musste, erst 1892 wieder errichtet und zwar u. a. mit einer Spende des Dieners der Bismarck-Bohlen, Heinrich Holst aus Karlsburg, zuletzt Kastellan in Niederhof, der 1892 sein Vermögen dem Grafen Friedrich von Bismarck-Bohlen vererbte.

An der Nordseite des Turmeingangs befand sich eine Marmortafel, die heute im Innenraum des Kirchturms in die Wand eingelassen ist, mit folgender Inschrift:

Kastellan H. Holst, 44 Jahre im Dienst zu Carlsburg, gestorben am 26. Januar 1892, hat durch Vermächtnis Veranlassung zur Wiedererrichtung des Thurms gegeben, der seit 300 Jahren der Kirche gefehlt hat.
EHRE SEINEM ANDENKEN!
Hagai, 8: gehet hin u. bauet Das Haus, das soll Mir angenehm sein u. will meine Ehre erweisen, spricht der Herr.

Für die Zarnekower Kirche stifteten schon im 17. Jahrhundert Ernst von Normann, Besitzer der Karlsburger Güter, und seine Frau Eva von Tribsees (Tribbesehs) einen Sandsteinaltar. Beide Namen stehen links und rechts auf dem oberen Ende der äußeren das Abendmahl einrahmenden Säulen unterhalb der Familienwappen.

Der aus Sandstein gefertigte Altar:
Er hat ein Gedechtnis gestiftet seiner Wunder der gnedige und barmherzige Herr. Psa. III

Eine Grabplatte aus Kalkstein erinnert ebenfalls an die Familie von Normann, die übrigens auch Vorfahren der Caroline von Bohlen (1798-1858) waren. Maria Lucretia von Normann heiratete 1679 Christoph von Bohlen.

Einige Informationen zur Historie lesen sich in der Chronik der Kirchengemeinde Zarnekow folgendermaßen:

Anno 1732 diese Kirche zu Zarneckow oben an allen Balcken vorgeschossen, das meiste vom Dach neu gelegt, beyde Giebel ausgebessert und abgeweisset[,] dazu auch innenwendig gäntzlich ausgeweisset, und die Fenster mit blau und gelbe ausgezieret.

Anno 1741[,] da das Kirch Spiehl ein belieben getragen[,] eine kleine Kirchen Glocke anzuschaffen durch einen milden Beytrag. So ist auch solches bewerkstelligt: und wieget diese Glocke 282 Pfund und kostet mit allen Unkosten 98 Rht 40 Gr. Hierzu hat die Land Collecte gebracht 75 Rht., das Übrige hat das Kirch Spiehl zusammen gebracht. Diese Glocke ist den 3. Advent eingeweihet und zum ersten Mahle zum Dienste Gottes gebraucht worden. Der liebe Gott bewahre sie vor Unglücks Zufälle.

Die Zarnekower Kirche wurde von der Familie von Bohlen zu den Gottesdiensten regelmäßig, sofern sie sich in Karlsburg aufhielten, besucht. Das geht aus den Briefen von Caroline und Theodor hervor, aber auch Friedrich von Bismarck-Bohlen schrieb seiner Frau des öfteren, dass er – oft auch mit den Kindern – zur Kirche gefahren sei und dass die Predigten mal sehr gut, mal ziemlich schlecht und unbedeutend gewesen seien.

Die Bohlensche Gruft unter der Kirche zeugt ebenfalls von der engen Verbindung zur Zarnekower Kirche. Hier wurde auch Carolines Vater, der Reichsgraf Friedrich Ludwig von Bohlen, 1828 beigesetzt. Es sollte die letzte Beisetzung in der Gruft sein. Einzig bis zur Fertigstellung der Begräbniskapelle in Steinfurth wurde Carolines aus Venedig überführter Sarg ebenfalls in der Gruft abgestellt.

Dazu heißt es in der Chronik: Anno 1858 starb am 14.1. in Venedig Carolina Elisabeth Agnes Sophie geb. Gräfin von Bohlen, Ehefrau des Grafen von Bismarck=Bohlen auf Carlsburg im Alter von 59 Jahren an der Schwindtsucht. 4 Wochen wurden Mittags die Glocken geläutet. Am 24. July 1859 wurde die Verstorbene in der auf dem Kirchhof zu Steinfurth neuerbauten Kapelle beigesetzt.

Das Engagement mehrerer Generationen der Bismarck-Bohlen zeigt die tiefe Verbundenheit mit ihrer Kirchgemeinde. Caroline erwähnt in ihrer Lebensbeschreibung mehrfach die Fahrten nach Zarnekow zum Gottesdienst oder ins Pfarrhaus.

Bei einer Rückkehr von Niederhof, ward über Zarnekow gefahren, im Pfarrhause ausgestiegen, in des Pastors bester Stube war das Tischchen gedeckt, mit dem Kranz darauf, der Bräutigam (der Erzieherin) empfing uns, die Trauung ging vor sich u der Ehebund war en passant geschlossen.

1812 D. 10ten Januar starb mein Großvater u wir gingen nach Carlsburg. Den 14ten war das Begräbniß (des Großvaters) in der Kirche zu Zarnekow, was ich mit angesehen habe, meine Mutter war aber nicht mit.

Albert August Schulz
Pastor zu Zarnekow von 1797 – 1838
der zehnte Pastor nach der Reformation

D. 23ten Februar (1813) fing mein ReligionsUnterricht beim guten Pastor Schulz in Zarnekow an, ich erhielt im Ganzen 14 Stunden, legte am 11ten April dem Palm Sonntage mein Bekenntniß ab, was er mir aufgesetzt, meine Großmutter war dazu gekommen, u den 18ten am heiligen Osterfest ging ich zum ersten Mal mit meinen Eltern u meiner Großmutter zum heiligen Abendmahl. Ich gedenke jedes Mal[,] daß ich wieder vor diesen Altar trete, jener ersten Feier u jedes Mal mit größerer Andacht u größerer Dankbarkeit.

Am 12. November 1816 wurde die Hochzeit der Schwester Julie mit Carl Lazarus Henckel von Donnersmarck im Karlsburger Schloss gefeiert, Pastor Schulz hielt die Traurede.

Auch im Hausbuch der Grafen von Bismarck-Bohlen werden Kirche und Pfarrhaus einige Male erwähnt, obwohl die Wrangelsburger Adligen, zunächst der Generalgouverneur für Schwedisch-Vorpommern, der schwedische General von Wrangel, und später dann die nachfolgenden Besitzer von Wrangelsburg, das Patronat der Zarnekower Kirche inne hatten. Aus den Eintragungen erfährt man, dass die gräfliche Familie sich auch für die Erhaltung von Pfarrhaus und -garten zuständig fühlte:

1838. Im Herbst d. J. wurde der Pastor Schultz zu Zarnekow, nachdem er über 40 Jahr im Amte gewesen, zur Ruhe gesetzt, und der Pastor Cornelius aus Netzelkow wurde Nachfolger.

1840. das Pfarrhaus zu Zarnekow fast ganz durch gebauet, neue Fenster, Öfen etc., bedeutend verlängert. Auch die Hofgebäude stark reparirt.

1838. Neue Brunnen und Pumpe, im Pfarrhaus zu Zarnekow.

1858/59. Die alte vBohlensche Familien Gruft in der Kirche zu Zarnekow, war gänzlich ausgefüllt von Särgen, ganz niedrig und dunkel und ich beschloß, auch da durch meine Frau und mich, eigentlich eine ganz neue Familie gegründet wurde, zugleich aber auch, um ihr[,] der so heißgeliebten[,] eine würdige Ruhestätte, mit einer Stelle an ihrer Seite und meinen Nachkommen eine gemeinschaftliche, geräumige und freundliche Gruft herzustellen, den Bau der Capelle, welchen ich unter Gottes gnädigem Beistand, dies Jahr glücklich vollendet.

1861/62. Für die Kirche zu Zarnekow wird im Frühling eine neue Orgel angeschafft.

1877. Die uralte Glocke in Zarnekow gesprungen.

Die Zarnekower Kirche ohne Kirchturm

1889 Mein Bruder war nach dem Tode seiner geliebten Frau, die ihm Alles in Allem war, wie umgewandelt, u fand er, in seinem ernsten, religiösen Sinn, durch den Umbau der Kirche in Zarnekow eine ihm willkommene Beschäftigung. Den Anstoß dazu gab auch noch ein Vermächtniß seiner verstorbenen Frau, zu deren Andenken, der Wittwer und die Kinder, das schöne Kirchenfenster, hinter dem Altar stifteten.

1890 Ist der Umbau vollendet u wird durch ein großes Missionsfest in Carlsburg bei strömenden Regen gefeiert.
Ein Legat von 25,000 M. was der alte Diener Holst für den Thurmbau der Zarnekowkirche bestimmte, ward von meinem Bruder ausgeführt.

Das von Friedrich von Bismarck-Bohlen und seinen Kindern gestiftete Altarfenster:
Sei getreu bis in den Tod. So will ich Dir die Krone des Lebens geben.
Der Kirche in Zarnekow gewidmet im Andenken an Gräfin Pauline v. Bismarck-Bohlen geb. v. Below, der liebevollsten Gattin und besten Mutter von ihrem Manne, ihren fünf Kindern u. vier Schwiegerkindern zum 19. Juli 1890
Rechterhand ist der weiter unten beschriebene Messingleuchter

Die Glasmalerei im Ostfenster wurde 1890 nach einem Gemälde von Rafael “Verklärung Christi” bei dem Berliner Königlichen Institut für Glasmalerei von der gräflichen Familie in Auftrag gegeben.

1892 wurde der Bau des Turmes vollendet.

1901 Als bleibendes Andenken hat Lenchen in Zarnekow eine Thurmuhr mit Schlagwerk gestiftet, deren Klang die Leute an ihre treu sorgende Herrin erinnern wird! Gott wolle seinen Segen ruhen laßen, auf der Arbeitsstätte die Lenchen verläßt. O möge sein Segen sie begleiten mit dem neuen Arbeitsfeld welches sich ihr in Niederhof erschließt!

Die von Helene von Bismarck-Bohlen gestiftete Thurmuhr
Dieses Schild ist in der Glockenstube der Zarnekower Kirche angebracht.

Drei Glocken beherbergt der Kirchturm.

Das Glockengestühl

Die Inschriften auf den Glocken lauten:

  1. Die große Glocke:

CELLISSIMI COMITIS AC HEROIS DOMINI A BRAHE, PATRONI ECCLESIAE ZARNECK: SPLENDIDISSIMI IUSSU, PROMOTIONE GENEROSISSIMI DOMINI A RAMM, VICE PATRONI DIGNISSIMI, HAEC CAMPANA RESTITUTA EST ANNO MDCCLXV, ME FECIT. GOTTLIEB METZGER STRALSUND

Auf Anordnung des hocherhabenen Grafen und Heros von Brahe des hell strahlenden Patrons der Kirche von Zarnekow, und unter Förderung des hochherzigsten Herrn von Ramm als ihres hochwürdigsten Patrons ist diese Glocke im Jahr 1765 wieder hergestellt worden. Mich machte Gottlieb Metzger, Stralsund

2. Die mittlere Glocke

Inschrift im Spruchband vorn: JESUS CHRISTUS GESTERN UND HEUTE UND DERSELBE AUCH IN EWIGKEIT Inschrift im Spruchband hinten: HEBR. 13,8 Inschrift im Spruchband in der Mitte: GEOPFERT FÜR DEUTSCHLANDS WEHR NEU ERSTANDEN ZU GOTTES EHR

3. Die kleine Glocke:

Inschrift im Spruchband vorn: Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehre einziehen. Inschrift im Spruchband hinten: PS. 24,7 Inschrift an der Seite: 1937

Im Jahre 1688 wurde eine alte Glocke aus Steinfurth nach Zarnekow gebracht, die, wie im Hausbuch vermerkt, 1877 zersprang. Ihre Inschrift:

O REX GLORIE CHRISTE VENI CUM PACE

Auf der neuen Glocke wurde diese Inschrift wieder angebracht.

Die Grüneberg-Orgel

1861 kaufte die Kirchgemeinde eine Orgel mit Pedal bei dem Orgelbauer Grüneberg in Stettin. Auch im Hausbuch erscheint darüber ein Eintrag, sodass anzunehmen ist, dass sich die Bismarck-Bohlen daran finanziell beteiligt haben.

Im Laufe der Zeit hat auch sie einiges durchgemacht: 1917 mussten die Metallpfeifen als Kriegsmaterial abgegeben werden. 1924 werden die Prospektpfeifen sowie zwei Register erneuert. 1946 wurde die Orgel von der Firma Sauer durchgesehen und 1954 erhielt sie zwei neue Register und möglicherweise auch den Motor. Seitdem wurde und wird die Orgel regelmäßig gewartet.

ln einem Gespräch mit Pastor Barsch, der von 1959 bis 1996 der Zarnekower Gemeinde vorstand, erfahre ich viele Neuigkeiten über das Leben in der Gemeinde aber auch einiges über die Familie von Bismarck-Bohlen. Die Trauung der Tochter von Fritz Ulrich und Elibsabeth, Oriana mit Franz Adalbert von Rosenberg, wurde nicht von dem damaligen Zarnekower Pastor vorgenommen, sondern von einem Geistlichen der bekennenden Kirche, deren Mitglied der Graf war.

Dazu heißt es in den Aufzeichnungen des Pastors Gurr: für Gottesdienste hat Herr Graf v. B. B. Karlsburg, nach jederzeit wiederruflicher Vereinbarung seine in Steinfurth befindliche Familienkapelle zur Verfügung gestellt. … Die gräflich von Bismarck-Bohlen’sche Herrschaft dagegen glaubte auf die Seite der sogenannten bekennenden Kirche treten zu müssen. Sie verweigerte freilich niemals z.B. die Anerkennung der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 11. Juli 1933 u. es wurde durch die Gutsverwaltung nach wie vor die Kirchensteuer gezahlt. Aber andererseits wurden kirchliche Handlungen in der Familie, – Konfirmation der Söhne, Trauung der ältesten Tochter, Beisetzung der Gräfin-Mutter, – durch andere Geistliche vollzogen ohne irgend welche Meldung an das zuständige Pfarramt.

Zu DDR-Zeiten besuchten einige Nachkommen der Familie von Bismarck-Bohlen Karlsburg und suchten bei dieser Gelegenheit den Kontakt zu Pastor Barsch und seiner Frau Helga, welche auch die Steinfurther Begräbniskapelle betreuten. Vom 20. – 24.05.1985 war Oriana von Rosenberg geb. Bismarck-Bohlen mit Jürgen von Bismarck in Karlsburg, verabredete sich mit der Familie Barsch und trug sich in deren Gästebuch ein. Dort findet sich auch ein Eintrag von Viktoria Roland, der jüngsten Tochter von Fritz Ulrich und Auguste Viktoria, die sich in der Zeit vom 27.09. – 03.10.1988 hier aufhielt. Und kurz nach dem Mauerfall besuchten Adalbert von Rosenberg mit seiner Frau Heidi ebenfalls den Ort, wo er in seiner Kindheit oft seine Ferien verbracht hatte. (16.-17.02.1990). Alle bedankten sich herzlich bei der Familie Barsch für die freundliche Aufnahme und Gastfreundschaft. Auch Briefe von Theda von Quistorp geb. von Falkenhayn, die Schwester von Auguste Viktoria, an Helga Barsch finden sich im Memorabilienbuch. Sie hielt den Kontakt, da sie bei Barschs die Pflege des Friedhofs in Auftrag gegeben hatte.

An alle diese Nachkommen wird auf Grab- oder Gedenksteinen auf dem Steinfurther gräflichen Friedhof erinnert.

Oriana geb. Gräfin von Bismarck-Bohlen
Viktoria geb. Gräfin von Bismarck-Bohlen
Adalbert von Rosenberg

Nach 1945 war Hugo Lembke bis zu seinem Eintritt ins Rentenalter Pfarrer in Zarnekow. Er wohnte zunächst im Kirchturm, denn die Wohnungsnot war groß. Im ersten Stock war das Wohnzimmer mit einem noch kleineren Raum nebenan, der als Küche diente, mit Kochmöglichkeit und Ofen ausgestattet. Es gab kein Wasser und auch keine Toilette. Im zweiten Stock war das Schlafzimmer, quasi neben dem Glockenstuhl gelegen. Aus heutiger Sicht ausgesprochen spartanisch aber irgendwie auch romantisch. Das Pfarrhaus, das nach dem Krieg abgebrannt war, wurde in seiner Zeit neu errichtet.

Das Pfarrhaus
Das Pfarrhaus am Ostersonntag 2022

Nach Pastor Lembke zog die Familie Fisch in den Turm ein. Er war Zimmermann und hat tatkräftig beim Umbau des Kircheninneren geholfen. Z. B. hat er aus Teilen der gräflichen Emporen, die aus der Kirche entfernt worden waren, die Orgelempore erweitert, sodass heute auch der Kirchenchor oder der Posaunenchor Platz hat.

Das Porträt von Siegfried Barsch wurde von Horst Zilm in Auftrag gegeben. Der Künstler ist Michael Hädrich.

Von 1959 bis 1996 war Siegfried Barsch Pastor in Zarnekow, seine Frau Helga Kirchenmusikerin und Katechetin. Beide kamen aus Anklam, er besuchte dort die Oberschule und war von zwei Oberschulklassen der einzige, der nicht in die FDJ (Freie Deutsche Jugend) eintreten wollte. Da er ob seiner Überzeugung auch nach vieler Agitation seitens der Schulleitung nicht Mitglied werden wollte, versuchte man es über den ökonomischen Hebel. Da sie sieben Geschwister waren, mussten die Eltern kein Schulgeld zahlen. Das ändert sich nun. Zunächst verlangte man 10 Mark im Monat und als das nichts half, erhöhte man auf 20 Mark, strich also die Schulgeldbefreiung, was sich die Eltern jedoch nicht leisten konnten. Der damalige Anklamer Superintendent organisierte dann vom Hilfswerk der Kirche 200 Mark, so dass Siegfried Barsch das Abitur doch noch erfolgreich 1951 ablegen konnte. Anschließend studierte er Theologie in Greifswald. Wie bei allen anderen Studentinnen und Studenten gehörte auch bei den Theologen das Fach Marxismus-Leninismus zum Stundenplan. In der Zeit 1951/52 schrieben die Studierenden unter die in diesem Fach abgelegten Klausuren: “wir geben hiermit unser Wissen wieder, aber nicht unsere Meinung.” Nach bestandenem Examen, schon als Vikar arbeitend, wurde ihm die Pfarrstelle in Zarnekow angeboten, die er dann im Januar 1959 antreten hat.

In den ersten Jahren seiner Amtszeit begann er mit dem oben erwähnten Herrn Fisch, die Kirche von den mit brauner Farbe gestrichenen Emporen der Adligen, die sich auf beiden Seiten über dem Altar erstreckten, zu befreien, da diese das Innere sehr verdunkelten und vor allem ziemlich marode waren. Auch eine zusätzlich eingezogene Decke musste entfernt werden, da sie von Schwamm befallen war.

Eine Ansicht des Innenraums, wie er schon im 19. Jahrhundert ausgesehen haben muss, zumindest vor 1890, da das Ostfenster noch nicht ausgetauscht worden war.
Die erhöhte Kanzel mit Schalldeckel
Der von der erhöhten Kanzel erhaltene Kanzelkorb
Der aus Sandstein gefertigte Altar:
Er hat ein Gedechtnis gestiftet seiner Wunder der gnedige und barmherzige Herr. Psa. III
unter dem Relief links:
ICH HAB ES VON DEM HERREN EMPFANGEN ▪︎ DAS ICH EUCH GEGEBEN HAB DENN DER HERR JESUS IN DER NACT ▪︎ DA ER VERRATEN WART NAHM ER DAS BRODT DANCKET UND BRACHES UND SPRACH ▪︎ NEMET ESSET DAS IST MEIN LEIB DER FUR EUCH GEBROCHEN WERT SOLCHES TUT ZU MEINEM GEDECHTNIS;
unter dem Relief rechts:
DESSELBIGEN GELICHEN AUCH DEN KELCH NACH DEM ABENDMAHL UND SPRACH DEISER KELCH IST DAS NEWE TESTAMENT ON MEINEN BLUT SOLCHES THUT SO OFFT IHRS TRINCKET ZU MEINEN GEDECHTNIS I ▪︎ COR ▪︎ II ▪︎ U ▪︎ Z3 ▪︎ ETSEG

Das Altarbild von 1622 war mit dem Mauerwerk verbunden. Ein Anklamer Steinmetz wurde beauftragt, dieses Kunstwerk aus Sandstein von der Wand zu lösen. Der Altar wurde neu aufgebaut, mit Sandsteinplatten verkleidet und darauf das Altarrelief gesetzt und stabilisiert. Durch zwei Stufen entstand ein Altarraum, auf einer dritten wurde der frei stehende Altar errichtet.

Blick von der Orgelempore

Ein Kaselkreuz, was anscheinend 1612 als Antependium umgestaltet worden war, wurde ebenfalls von der Familie Normann gestiftet. Es ist heute in der landesgeschichtlichen Dauerausstellung des Pommerschen Landesmuseum zu besichtigen.

Der Altar mit Antependium
Kaselkreuz

Die Geschichte des Gemäldes “Anbetung der Hirten” von Gerrit van Honthorst gleicht einem Krimi.

Das Original wurde der Pantelitzer Kirche von Hugo von Mecklenburg auf Pantlitz als Altarbild gestiftet.

Nachdem die Arbeiten an der Kirche abgeschlossen waren, sah man sich mit einem ziemlich kahlen Raum konfrontiert. Da erhielt Siegfried Barsch vom dem damaligen Kirchenbaurat den Hinweis, dass in Pantelitz bei Ahrenshagen eine Kirche gesprengt werden solle. Dort befände sich ein Gemälde von Gerrit van Honthorst, welches in der Zarnekower Kirche seinen Platz finden könne. Dieses Angebot nahm Pastor Barsch gerne an. So fuhr er mit einem Pritschenwagen in das Dorf. Die Kirche war offen, das Bild fand er inmitten von Schutt und Schmutz an der Wand lehnend, die Leinwand war durchgetreten. Den Anblick, sagte er, werde er nie vergessen. Er habe es dann dem Stralsunder Kunstmaler Erich Kiefert übergeben, der es gereinigt, mit einer Hartfaserplatte stabilisiert und mit Honigwachs gefestigt habe. Kaum hing das Gemälde in der Kirche, meldete sich der Gemeindekirchenrat von Pantelitz, er wolle es zurückhaben, da die dortige Kirche doch nicht gesprengt werden solle. Damit war Siegfried Barsch nun gar nicht einverstanden und man einigte sich, indem ein Leihvertrag über 25 Jahre verabredet wurde. Nachdem die 25 Jahre verstrichen waren, wurde das Bild genau untersucht und dann restauriert. Heute hängt es im Pommerschen Landesmuseum. Sowohl die Kirche in Pantelitz als auch die in Zarnekow erhielten jeweils eine Kopie des Gemäldes. Siegfried Barsch nahm die Darstellung der heiligen Familie immer wieder freudig zum Anlass, Momente des Gemäldes in seinen Predigten am Heiligabend aufzunehmen.

Nach Umgestaltung und Renovierung der Kirche in den 1960er Jahren wurden das schmiedeeiserne Kreuz u die beiden Leuchter auf dem Altar beim Karlsburger Schmied Rudolf Lucht in Auftrag gegeben.

In der Kirche befand sich auch ein in die Wand eingelassener Altarschrein mit einem mittelalterlichen Christus auf der Innentür, den Pastor Barsch ebenfalls in Stralsund von dem Restaurator Todemann aufarbeiten ließ. Nach der Fertigstellung wurde der Schrein nicht wieder in die Wand eingesetzt.

Auch die Episode über das Auffinden der Altarleuchter aus Messing, gestiftet von Caspar Aufing 1733, ist erzählenswert. Pastor Barsch fand sie auf dem Dachboden, wo sie als Auffanggefäße für Regenwasser benutzt worden waren. Sie sahen so unansehnlich aus, dass man kaum ihre eigentliche Funktion erkannte. Nach gründlicher Reinigung kam ihre ursprüngliche Schönheit wieder zutage und sie sind noch heute bei festlichen Anlässen zu bewundern.

Die Zarnekower Kirche wurde Ende der 1980er Jahre restauriert, bekam ein neues Dach, der Kirchturm, der ursprünglich mit Schiefer gedeckt war, wurde mit Kupferplatten belegt. Auch die Thurmuhr wurde restauriert. Das nötige Geld kam aus verschiedenen Quellen: die LPG gab 15000, das Zentralinstitut 10000, 5000 Mark kamen von der Gemeinde. Kleiderbasare, gesammelt und gespendet von der Hamburger Partnergemeinde, zum jährlich veranstalteten Turmfest brachten ebenfalls Spendengelder.

Zu einigen der Karlsburger Institutsdirektoren hatte Siegfried Barsch ein gutes Verhältnis wie zu Prof. Gerhard Mohnicke oder Doz. Dr. med. habil. Hans-Georg Lippmann. Beide unterstützten ihn bei der Krankenhausseelsorge, die in der DDR nicht gern gesehen wurde. Seelsorge sollte nur in Anspruch nehmen können, wer dies bei der Stationsschwester vorher anmeldete. Dann erst wurde der Pastor angerufen. Aushänge in der Klinik z. B. waren nicht mehr erlaubt. Die beiden oben genannten Direktoren setzten sich über diese Anordnungen hinweg und ließen Siegfried Barsch in gewohnter Weise seine Arbeit machen.

In den 37 Jahren seiner Amtszeit wurden ihm auch höhere Ämter innerhalb der evangelischen Kirche angeboten. Dazu hätte die Familie aber nach Wolgast bzw. Greifswald umziehen müssen und Helga Barsch hätte ihre Arbeit aufgeben müssen. “Uns gab es nur im Doppelpack”, meinte das Ehepaar mit einem Lächeln. Nicht zuletzt hielt sie auch die innige Verbundenheit mit den Menschen der Zarnekower Kirchengemeinde von einem Ortswechsel ab.

In der Wendezeit initiierte Siegfried Barsch jede Woche einen Gesprächskreis, was von den Bewohnern der Gemeinde, ob kirchlich gebunden oder nicht, gern angenommen wurde. Daraufhin trat man an ihn mit dem Vorschlag heran, doch für die Karlsburger Gemeindevertretung zu kandidieren.

An Herrn von Rosenberg schrieb er: Die letzten Wochen standen natürlich auch im Banne der ersten freien Kommunalwahlen, die wir nun glücklich hinter uns gebracht haben. … Ich bin als Parteiloser, der ich auch bleiben will, unter dem Dach bzw. auf der Liste der CDU angetreten. Dazu kamen noch einige Gleichgesinnte, die es ebenfalls für erforderlich hielten, gegen die PDS zu kandidieren. Mir ist viel Vertrauen entgegengebracht worden, sodass ich wohl die meisten Stimmen erhalten habe. Dadurch hat die CDU neun Sitze von fünfzehn erhalten und stellt den Bürgermeister und den Rat der Gemeinde Karlsburg. Als Bürgermeister zu fungieren, hatte ich nie die Absicht. Das Siegfried Barsch die meisten Stimmen bei dieser Kommunalwahl bekam, zeigt nochmals seine besondere Verbundenheit mit den Dorfbewohnern.

1992 lud die Kirchengemeinde zum 700-Jahrfeier der Kirche ein. Wie oben schon erwähnt, ist ein genaues Datum der Fertigstellung nicht auszumachen. Immerhin war der Turm, wenn auch ungleich jünger, 1892 erbaut worden, also konnte 1992 ein hunderjähriges Jubiläum gefeiert werden. Jedes Jahr findet seit vielen Jahren im Sommer ein Turmfest statt. Nach 1990 wurden sowohl das Pfarr- als auch das Gemeindehaus umfassend renoviert bzw. erneuert. Sicherlich ist die Instandhaltung des kirchlichen Gemäuers auch weiterhin eine unendliche Geschichte.

Spurensuche zu den Bismarck-Bohlen in Niederhof und Brandshagen

Ein Konzert in der Marienkirche von Brandshagen gab uns die Gelegenheit, den Innenraum zu besichtigen, wo Caroline und die nachfolgenden Generationen der Bismarck-Bohlen regelmäßig zum Gottesdienst gegangen sein müssen, und die Schwester Julie auch konfirmiert wurde.

Also machten wir uns auf den Weg, um zunächst dem Dorf Niederhof, welches sich ganz in der Nähe befindet, nochmals einen Besuch abzustatten, dem Sommersitz der Familie Bismarck-Bohlen.

Beim ersten Besuch hatten wir an einer Führung des Archäologen Gunnar Möller teilgenommen. Er hatte den Fokus mehr auf die Zeit gelegt, als das Gut sich im Besitz des Stralsunder Unternehmers Joachim Ulrich Giese befand.

Zunächst ging es den schon bekannten Weg am Standort des heute zerstörten Rokokoschlosses vorbei, die Reste des Fundaments suchend,

Kellerreste

zum Strand

Blick auf den Strelasund mit Strand

und dem ehemaligen von Helene von Bismarck-Bohlen (geb. am 27.09.1861 in Miechowitz; gest. 1933) erbauten Strandschloss,

Das Strandschloss mit Blick über den Strelasund Anfang des 20. Jahrhunderts …

… und heute

In der Chronik über Niederhof von Ingeborg Wagner heißt es zur Geschichte des Strandschlosses: am 14. Juli 1899 brennt das alte Haus am Strand, der Wohnsitz der meisten Arbeitskräfte des Hofes durch Blitzschlag ab. Die Gräfin v. Bismarck-Bohlen (Gräfin Lenchen) erbaut die drei Leute Häuser im “Schweizerstil” südlich der Koppel und für sich auf dem Platz des abgebrannten Hauses das neue Strandhaus, sehr hoch, dreigeschossiges Fachwerk mit rotem Schleppdach mit Blick auf den Strelasund.

Auf dem Rückweg besichtigten wir noch den ältesten jüdischen Friedhof an der Ostseeküste – sehr eindrucksvoll!

ALTER JÜDISCHER FRIEDHOF
Dieses Feld ist der älteste erhaltene jüdische Friedhof an der deutschen Ostseeküste. Die verbliebenen Steine sind stumme Zeugen einer bewegten Geschichte. Zwischen 1776 und 1850 bestatteten Juden aus Stralsund, Greifswald und anderen vorpommerschen Orte[n], hier ihre Toten.
In ihren jeweiligen Heimatorten war ihnen in jenen Jahren das Bestatten verwehrt – hier allerdings, im damaligen Gut Niederhof ausdrücklich gestattet. Die Beerdigungsgesellschaften kamen zumeist mit kleinen Schiffen hier an, die am nahe gelegenen Ufer anlegten.
Wie viele Menschen hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, ist nicht bekannt – sicherlich aber mehr als die 1990 feststellbaren 60 Grabsteine und Reste von solchen.
Die Umfriedung, 1999 angelegt, schützt die noch verbliebenen 26 Grabsteine von hohem kulturhistorischen Wert sowie den 1964 errichteten Gedenkstein.
Landesverband jüdischer Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern

Immer noch waren wir auf der Suche nach dem aparten hochgezogenen Giebel im Schweizerstil.

Nachdem wir bei Dorfbewohnern erfolgreich nachgefragt hatten, ging es zurück zum Dorfanfang, wo eine Sackgasse rechter Hand zu den ebenfalls von Helene erbauten Schweizer Häusern führte, die sie für die Angestellten und Arbeiter errichten ließ, nachdem das alte Haus am Strand abgebrannt war. Aber auch hier fanden wir den bizarren Giebel nicht, wenn auch die Häuser im Schweizerstil hübsch anzusehen waren.

Die Schweizer Häuser, liebevoll restauriert

Auf dem Rückweg vom Strandschloss hatten wir linkerhand weitere Gebäude entdeckt. Nun wollten wir uns rückversichern, dass wir auch nichts übersehen hatten. Also fuhren wir nochmals Richtung Strandschloss, ein Platz neben dem Eingangstor des ins Visier genommenen Grundstücks lud zum Halten ein. Und die Besitzer waren auch zu sehen. Mit unserer Frage nach dem besonderen Giebel kamen wir ins Gespräch über das Schicksal desselben.

Da stellte sich heraus, dass der Gebäudeteil des Strandschlosses mit dem hochgezogenen Dach am Ende jedoch so marode war, dass er abgerissen werden musste. Wie Schade!

Wir wurden hereingebeten und da der Vater der Besitzerin, der Sohn von Ingeborg Wagner, gerade zu Besuch war, erfuhren wir von ihm einiges über die vergangene Zeit. Auch über die Kormorankolonie hatte er Interessantes zu erzählen. 1952 waren es acht Brutpaare, heute sind ungleich mehr.

Seine Mutter war als Gärtnerin auf dem Gut angestellt gewesen und hatte eine Chronik über Niederhof verfasst. Dass wir ihren Sohn kennenlernen durften, war eine besonders freudige Überraschung. Wir standen also auf dem Boden der ehemaligen Gutsgärtnerei. Ein altes Bienenhaus und Teile des Gewächshauses erinnern noch an Helenes Wirken und die vergangene Zeit. Überhaupt hat Helene wohl die deutlichsten Spuren im Ort hinterlassen.

Das alte Bienenhaus

Das alte Gewächshaus

Herr Wagner konnte sich noch gut an das Schloss erinnern, das nach dem Krieg von Flüchtlingen bewohnt war, durch einen Schornsteinbrand in Flammen aufging und die Feuerwehr im Morast stecken blieb und zu spät kam.

Das weiße Schloss am Meer

An anderer Stelle in der Chronik von Frau Wagner, die nicht veröffentlicht und leider nur im Stadtarchiv Stralsund einzusehen ist, wird ausführlicher über die Besitzer und Besitzerinnen wie die Großmutter und Mutter von Caroline von Bismarck-Bohlen sowie die Geschichte des Gutes erzählt, was im folgenden zitiert wird: Die nachfolgenden Käufer von Niederhof, Ernst Sebastian von Klinkowström, danach Frau von Normann verwitwete von Walsleben, haben im weißen Schloß gewohnt. Dort wurde auch die Hochzeit ihrer Tochter Caroline mit Ludwig von Bohlen gefeiert, die 1795 im Brandshäger Kirchenbuch eingetragen ist. Frau v. Normann hat bis zu ihrem Tode 1839 das weiße Schloss bewohnt. Danach ihre früh verwitwete Tochter Frau v. Bohlen. Auch sie haben viele Gäste im Schloss gehabt.

So erzählt man aus der französischen Besatzungszeit 1806, daß die französischen Offiziere im Schloss gewohnt haben und auf Wunsch der Besitzerin den Hauptweg, in den man vom Balkon hineinsehen konnte, haben verlängern lassen, damit man den Strelasund nach Osten zu beobachten konnte. Da werden wohl zwei Wünsche gleichzeitig erfüllt worden sein. Der militärische Vorteil lag darin, schon frühzeitig die vom Greifswalder Bodden hochkommenden Schiffe ins Visier zu bekommen und sie dann von einem eigens stationierten Boot anhalten zu lassen. Es war die Zeit der Kontinentalsperre und jeder Seehandel mit England mußte unterbunden werden.

Da nach dem Wiener Kongreß Rügen und Vorpommern an Preußen kamen, wundert es auch nicht, daß ein preußischer König Friedrich Wilhelm IV. die Gräfin Bohlen besuchte, nachdem er einen Kuraufenthalt in Putbus beendet hatte. Eine Tafel mit diesem historischen Ereignis soll noch lange an der Linde auf dem Lindenberg gehangen haben.

Als Nachfolgerin der Carola [Caroline] v. Bohlen erhielt deren Enkelin, die Schwester des Grafen Alexander [Fritz] von Bismarck-Bohlen den Nießbrauch an Niederhof. Es war Carola [Caroline] v. Malorti[e], auch früh verwitwet, die Jahr für Jahr im Sommer im weißen Schloß mit ihren Kindern und Enkeln wohnte. Von ihr ist ein Gästebuch erhalten mit vielen Handzeichnungen und vielen Namen. Dieses wurde bis 1880-1907 geführt. 1900 hatte ihre Nichte Helene v. Bismarck-Bohlen nach dem großen Brand des “Alten Hauses am Strand” den Nießbrauch an Schloß, Park und Gut abgelöst (ausgezahlt).

Für die vom Brand Betroffenen baute sie am Anfang des Dorfes neue Häuser und für sich auf der Brandstelle das Strandhaus. Das weiße Schloß wurde renoviert, Zentralheizung eingebaut, neue Fenster eingesetzt und dann zunächst an eine Schwägerin [Nichte Paulina, Tochter von Fritz Ulrich und Elisabeth] die mit v. Dürkheim verheiratet war, vermietet. Auch sie haben mit vielen Gästen dort gelebt und Schloß und Park in guter Ordnung gehalten. Nach ihrem Fortgang wurde das Schloß an einen Herrn v. Klinkowström vermietet, der es wohl bis zum Anfang des Krieges bewohnt hat. Besitzer von Carlsburg und Niederhof war seit 1916 Graf [Fritz] Ulrich v. Bismarck-Bohlen. Als Ehrensenator der Universität Greifswald erlaubte er während des Krieges seine Schlösser zum Auslagern von Kunstschätzen und Bibliotheksbeständen zu benutzen. So war der berühmte Croy-Teppich zeitweilig in Carlsburg. Die klassischen Gipsabdrücke und viele Bücher lagen in Niederhof. Das weiße Schloß war schon ganz mit Efeu bewachsen, als mit Ende des Krieges Flüchtlinge aufgenommen wurden. In jedem Zimmer wohnte eine Familie. Die Zentralheizung funktionierte nicht und man sah aus vielen Fenstern Schornsteinstutzen von Kochherden herausragen. … Und so ist dann das Unglück passiert. Am 6. November 1947 Abends brach das Feuer aus.

Wie konnte ein Schloß aus Steinen gemauert so restlos abbrennen? Es war ein Unglück. In einem Kabinett war unter dem Schlepprohr aufgestapeltes Holz in Brand geraten. Die Panik unter Kindern und Müttern war groß. Der Weg zum Telefon, dem Postamt in Brandshagen, war weit. Die erste ankommende Feuerwehr blieb in dem unwegsamem Morastweg stecken. Eine zweite Feuerwehr, mühselig von Brandshagen aus angefordert, mußte erst die steckengebliebene aus dem Sumpf ziehen und erst dann konnte gelöscht werden. Nach getaner Arbeit fuhren die Feuerwehren wieder nach Hause. Aber ohne die notwendige Feuerwache glomm das Verderben weiter. Alles Brennbare ist im Laufe vieler Tage und Nächte neu entflammt, wurde gelöscht und brannte immer wieder, bis wirklich nur noch Steine und Metallteile übrigblieben.

Es war gut, daß die Universität ihre Bestände an Büchern und Gipsfiguren schon vorher abgeholt hatte. So sind doch unwiederbringliche Schätze erhalten geblieben. …

Anschließend ging es weiter nach Brandshagen, wo wir in der Kirche ebenfalls einige Zeugnisse der Familie von Bismarck-Bohlen entdecken konnten.

Ein schon sehr verblasster Wandteppich auf der linken Seite des Altarraumes zeigt die Wappen der Familie von Below (Pauline, die Frau von Friedrich von Bismarck-Bohlen, Sohn von Caroline, war eine geborene von Below), der Familie von Bismarck-Bohlen, der Familie von Tiele-Winckler (Helene, die Frau von Friedrich Carl von Bismarck-Bohlen, war eine geborene Tiele-Winckler) sowie der Familie Ramelow (?).

Auf der rechten Seite hängt ein weiterer Teppich in ähnlichem Zustand.

Das Wappen rechts gehört der Familie Behr-Negendank (die Mutter des letzten Grafen, Fritz Ulrich von Bismarck-Bohlen, war eine geborene Behr-Negendank)

Und ziemlich versteckt links unter der Orgel entdeckten wir einen Text an der Wand unter dem Gemälde mit einer Christusfigur:


Zum Gedächtnis des Patrons dieser Kirche, des Grafen Friedrich Carl von Bismarck-Bohlen liess seine Witwe, Gräfin Helene von Bismarck-Bohlen, geborene von Tiele-Winckler in den Jahren 1905-1906 dieses Gotteshaus im Innern erneuern. Die Maler Max Kutschmann und Albert Leusch in Friedenau, sowie der Architekt Hans Teichen in Breslau, führten das Werk aus; dazu die Handwerksmeister des Orts: Wilhelm Duchert, Ludwig Koch, Wilhelm Rabe, Wilhelm Schenk. Pastor war Ernst Schlapp, der Küster Ludwig Schumacher, Kirchenälteste: von Spalding, Hecht, von Russdorf, Friderici, Meinke, Freese.

Das Konzert war dann der Höhepunkt unseres gestrigen Ausflugs. Wunderbar!

Die Nachtigall

Man stelle sich vor: es ist ein schöner und milder Frühlings- oder Sommerabend, ein laues Lüftchen weht. Noch ist es nicht dunkel. An einem weit geöffneten Fenster im Karlsburger Schloss sitzt eine Frau, die einen Brief schreibt oder in einem Buch liest. Nun kommt die Nachtigall respektive der Sprosser (siehe Youtube) ins Spiel. (Augenscheinlich unterschied man im 19. Jahrhundert landläufig nicht zwischen Nachtigall und Sprosser)

Immer wieder beschreibt Caroline die wunderbare Stimmung, in die der Gesang sie versetzt. In ihrer Lebensbeschreibung schildert sie ihren Kindern die Einrichtung des Schlosses, als sie mit Eltern und Schwester in Karlsburg ankam. Das Cabinet war mit dunkelgrünem Damast tapeziert u hatte ein Sopha u 2 Stühle mit demselben Stoff überzogen, ein émail Tisch stand davor. Das Bild der Königin v. Schweden hing darin u waren in den Ecken étagèren mit dem Kaffee u Thee service, was jetzt in der weißen Galerie. Nachtigallen wurden darin gehalten. In der damaligen Zeit war es Mode, Nachtigallen in Käfigen zu halten. Das ging teilweise so weit, dass ganze Populationen ausgerottet wurden. In Carolines Briefen ist davon aber nicht mehr die Rede. An dieser Stelle soll Caroline selbst zu Wort kommen und ihre Liebe zum Gesang der Nachtigallen.

04.06.1817 Carlsburg an ihren Verlobten Theodor von Bismarck: Der Abend ist wunderschön ich höre die Nachtigall schlagen, mit welchem Vergnügen würde ich spazieren gehen, wären Sie da! Wie ein einziger Mensch mehr oder weniger alles verändern kann, verherrlichen oder verzaubern, freylich kömmt es ganz und gar auf seine Individualität dabey an, denn hunderte und tausende könnten mir den Einzigen nicht ersetzen[,] an den ich jezt schreibe. Heute vor 8 Tagen war der lezte[,] den Sie hier zubrachten, wie froh bin daß sie vergangen sind! Übermorgen entferne ich mich auch von Ihnen, es scheint[,] als wenn wir noch nicht weit genug von einander wären, das Meer soll wenigstens nicht zwischen uns treten – die Nachtigall schlägt hier unter dem Fenster im Cyrenengebüsch, o könnten wir Sie doch zusammen hören! –

Am 26.04.1818 schreibt Caroline, die sich von Breslau kommend auf dem Weg nach Karlsburg mit Zwischenstopp in Frankfurt/Oder befindet, an Theodor: Bei Neustädtel hörte ich die erste Nachtigall, sonst ist der Unterschied groß[;] wie viel grüner es um Breslau ist wie hier, bey dem herrlichen Wetter ist es dort gewiß schon alles grün, ich konnte gar kein besseres wünschen, wir leiden nur von der Hitze.

In Karlsburg angekommen, heißt es in einem Brief an Theodor: Gestern Nachmittag war der Pastor mit seiner Frau hier, leztere hatte ich schon vor der Kirche begrüßt[;] sie nennt mich noch immer Carolinchen so wie der Carl [ein langjähriger Angestellter im Schloss] auch den ersten Tag, was mich sehr amüsiert; sonst könnte ich es nach gerade übel nehmen wenn man mir den Frauen Titel versagt, der alte Pastor freute sich sehr mich wiederzusehen, u nachdem sie weg waren[,] spazierten wir noch im blühenden grünenden Garten, der mich so an unsern Brautstand erinnert, jetzt ist oder wird es aber doch noch besser seyn, die Nachtigall hat sich nicht wieder eingefunden, heute weht es wieder so sehr, so daß wir erst gegen Abend gehen werden.

Und wenig später geht ein weiterer Brief an Theodor ab: Nach Niederhof reisen nur die Mutter ich, Jüngel [der Neffe] mit seiner Amme u Christine [eine langjährige Angestellte], im August denke ich[,] bleibt es bey unserer Rügenschen Reise, die wir schon sehr lieblich entworfen! Mit der Gr[oß]mutter bin ich jetzt auf dem besten Fuß[,] auf den wir seyn können; wie schön es hier wieder ist[,] kannst Du Dir von vorig Jahr her erinnern, alles blüht, der Flieder, die Apfelbäume, aber die Nachtigall schweigt.

Am 26. Mai 1818 meldet sie aus Niederhof an Theodor: Jetzt wohne ich mit der lieben Mutter zusammen, so wie Du hier einst warst, ich habe die Nacht sehr gut geschlafen, u bin nicht im geringsten angegriffen, sondern befinde mich vortrefflich, heute Morgen saßen wir im Park, denn es ist herrliches Wetter[,] hörten die Nachtigall, u haben die Leonie de Montbreuse [von der französischen Romanschriftstellerin Sophie Gay] angefangen.

Weiter unten fährt sie fort: Die Gr[äfin] Putbus fuhr nach dem Thee wieder weg, u die Mutter[,] Fikesche u ich gingen den schönen Abend noch spazieren u hörten die Nachtigallen schlagen, welche mich an Dich so lebhaft erinnerte[,] die ich zulezt mit Dir hatte schlagen hören.

Ein Jahr später wieder im Mai weilte Caroline kurz vor ihrer Entbindung von ihrer Tochter abermals bei den Eltern in Karlsburg und schwärmt ihrem Mann vom wunderbaren Gesang der Nachtigall vor. Guten Tag mein theurer geliebter Theodor, denke[,] wie angenehm wir heute durch eine Nachtigall[,] die sich gerade unsern Fenstern gegenüber etablirt hat[,] überrascht worden sind, sie schlägt herrlich. Und weiter unten: Alle finden mich so sehr viel kräftiger u beweglicher wie das vorige Jahr, ich selbst finde den Unterschied aber auch sehr groß, u ganz zum Vortheil des jetzigen, wie schön schlägt die Nachtigall! Ich höre sie immer an meinem Schreibtisch. Dieser Platz soll noch zu morgen früh bleiben, jetzt küsse ich Dich vielmal mein Geliebter u verlasse Dich ungern einen anderen Br[ief] zu schließen.

Immer mal wieder streute sie in ihren Briefen auch das Fehlen des Nachtigallengesangs ein: Die Nachtigall hören wir gar nicht.

Nicht nur in der ersten Zeit ihrer Ehe erinnert Caroline ihren Mann an das Schlagen der Nachtigall, welches ähnlich wie das Veilchen Sinnbild ihrer Verbundenheit und Liebe war. Aus Berlin berichtet sie im Jahre 1850: Da bin ich aus der Kirche, wo ich eine ziemlich nüchterne Predigt gehört, der Rückweg durch den grünenden Thiergarten, durch die Blumenpartieen … Die schlagenden Nachtigallen darin, das war das Erhebenste. Ich ging mit dem guten Below [der Schwiegervater von Fritz] allein, seine Damen warteten im Zuge vor der Kirche auf die Münster [eine Gräfin], das konnte er u ich nicht gut vertragen, darum alliirten wir uns.

Am 09. Juni 1854 berichtete sie Theodor aus Karlsburg: Heut Morgen hatten wir einen schönen Regen, nur zu wenig, danach schlugen die Nachtigallen wieder so schön!

An Fritz schreibt sie im Mai 1855, auf der Durchreise von Uenglingen aus: Die Nachtigall schlägt auch hier dicht unter meinem Fenster zu meinem großen Vergnügen;

Und in Hannover bei ihrer Tochter angekommen beginnt sie einen Brief Pauline so: Bei dem Schlag der Nachtigallen unter meinen Fenstern ergreife ich die Feder, meine geliebte Pauline! nur werden die lieblichen Sänger eben durch eine Marktharfe von der andren Seite übertönt.

In einem anderen Brief an Pauline vergleicht sie die Stimme ihrer Schwiegertochter mit der der Nachtigall: Deine Heiserkeit bedauere ich ungemein, u doppelt für Deine süße Nachtigallenkehle, …

In einem Brief vom 29.04.1857 verheißt sie Theodor nach einem schlechten Tag das Glück, möglicherweise eine Nachtigall zu hören: Den lieben Kindern schickte ich einen Schinken, der hoffentlich glücklich angekommen, u drückte ich da schon mein Bedauern aus über den unglaublichen Unstern der Dich d. 23ten verfolgt, an dem Tag würde ich keine Reise mehr unternehmen, schon das Wetter war ganz umgewandelt. Dagegen wirst Du es heut in Uengl.(ingen) gewiß schon recht hübsch haben, u vielleicht sogar die Nachtigall hören.

Der letzte Brief vom Mai 1858, aus dem hier zitiert werden soll, ist von Theodor an Fritz gerichtet. Drei Monate zuvor war Caroline in Venedig gestorben: Seit einigen Tagen haben wir nach recht vielen Regen, sehr schönes warmes Wetter und alles fängt an prächtig zu grünen. Mehrere Nachtigallen schlagen im Garten und ich schreibe bei offenem Fenster. Über die Nachtigallen freute sich die theure Mutter immer so und pflegte auch Abends am offenen Fenster sie zu belauschen und jetzt – Ach mich erfreut doch nichts mehr ohne sie?

Die Carlsburger Güter – drei Wanderungen: 1. Durch den Karlsburger Schlosspark und den sich anschließenden Wald

Die Wanderung beginnt an der B 109 schräg gegenüber der alten Gärtnerei.

Die alte Gärtnerei an der B109

Nach wenigen Metern eröffnet sich eine herrliche Ansicht – wie es sich für einen Park in englischer Manier gehört.

Flora mit dem Karlsburger Schloss von der Parkseite aus gesehen

Kurze Zeit später gelangt man an einen Graben, der den Park umfließt, sofern der Wasserstand und die Verkrautung es zulassen,

Herrschaftlicher Graben am Rande des Parks

sowie an ein historisches Wehr.

Ein altes zum Graben gehöriges Wehr

Geht man am Wehr vorbei Richtung Schloss, sieht man rechterhand – nicht weit von der Bundesstraße – einen Menhir,

Menhir mit Blick auf das Schloss

der wahrscheinlich bei der Umgestaltung des Schlossparks Mitte des 19. Jahrhunderts aufgestellt und ins rechte Licht gerückt worden ist. Gefunden wurde er eher um Steinfurth herum. Hält man sich links, überquert man einen weiteren Graben, und befindet sich im inneren Teil des Parks.

Blick vom Schloss aus

Geht man am Schloss vorbei und folgt dem Weg in den Park kommt man zunächst am Eiskeller vorbei

der Eiskeller, wahrscheinlich eine Fledermausherberge

wenige Meter entfernt gelangt man an ein romantisches Gewässer mit einer Insel – der sogenannten Liebesinsel – die vor einigen Jahrzehnten noch über eine weiße geschwungene Holzbrücke erreichbar war.

Der Schwanenteich im zeitigen Frühjahr…
… und im Sommer
Die Liebesinsel

Nach diesem Abstecher – wiederum mit einer schönen Aussicht auf das Schloss – geht man weiter durch das Lustholz – den Teil des Karlsburger Waldes, der sich hinter dem Schlosspark erstreckt und sowohl die damaligen Bewohner und Bewohnerinnen des Schlosses als auch ihre Gäste bei schönem Wetter zum Lustwandeln einlud. Auf der rechten Seite befinden sich der Carolinen-Horst, benannt nach Caroline erste Gräfin von Bismarck-Bohlen, und linkerhand die Friedrich Carls Höhe,

Friedrich Carls Höhe

leicht zu erkennen an dem riesigen polierten Granitstein mit goldener Inschrift. Zur Erinnerung an das kurze aber sehr segensreiche Wirken des Grafen Friedrich Carl und der Gräfin Helene B.B. wird 1902 von dem Nachfolger [Fritz Ulrich] im Besitze auf der Friedrich Carls Höhe ein großer roter polirter Granitblock mit dieser Aufschrift errichtet. Der Stein war ganz in der Nähe – bei Theodors Lust – gefunden worden. Die Bearbeitung erfolgte zu Wolgast durch die Deutsch-Schwedischen Granitwerke.

Nicht-Sicht Richtung Schloss

Steht man mit dem Rücken zum Stein, könnte man vielleicht das Schloss sehen, wäre die Sicht nicht zugewachsen. Als der Gedenkstein Anfang des 20. Jahrhunderts aufgestellt wurde, regte die vorhandene Sichtachse zum Schloss Fritz Ulrich von Bismarck-Bohlen sicher dazu an, ihn genau an dieser Stelle zu platzieren.

Geht man weiter Richtung Bollbrücke, die über die Mehlbeck oder niederdeutsch Mehlbeke führt,

kommt man an Theodors Lust-Horst vorbei, benannt nach Theodor erster Graf von Bismarck-Bohlen. Er und seine Frau haben nach Übernahme der Güter viel zur Gestaltung des Parks oder auch der ländlichen Umgebung getan, seien es die Pflanzungen von Lindenalleen oder die kilometerweiten Steinmauern, die noch heute die Landschaft um Karlsburg und Steinfurth prägen.

Blick von der Bollbrücke auf die “alte Wiese”

Der alten Wiese schließt sich der Helenen-Horst an, benannt nach der Frau von Friedrich Carl, die sich sehr um die Modernisierung des Schlosses verdient gemacht hat. Auch das schmiedeeiserne Tor verdanken wir ihr. Sie fertigte den Entwurf dafür.

Waldweg zur Spinne

Man verlässt die Bollbrücke Richtung Spinne – Spinne deshalb, weil von dieser Stelle 5 Wege abgehen. Hier einige Ansichten.

Ein unter Naturschutz stehender ziemlich alter Lebensbaum
unweit der Spinne befindet sich ein Kesselmoor

Der Rastplatz

nicht weit von der Spinne stößt man auf einen sogenannten Duellstein. Hinter F. v. H. könnte sich der Name Friedrich von Homeyer (1824-1898) verbergen, was aber nicht gewiss ist.

Inschrift: F. v. H. 4.8.1848

Über den Jasedower Privatweg oder auch am Helenen-Horst vorbei den Waldweg entlang erreicht man dass Schloss wieder.

Gemälde aus dem Karlsburger Schloss

Die Gemälde aus dem Karlsburger Barocksaal befinden sich zur Zeit im staatlichen Museum Schwerin.

Ernst Friedrich von Bismarck
auf Schönhausen
als Cornet
1728 – 1757

Carl Heinrich Behrend Graf von Bohlen
Kgl. Schw. Kammerherr u. Schlosshauptm. 1705 – 1757

Curt Christoph Graf von Schwerin Feldmarschall
1684 – 1757

Friedrich I
König von Schweden
1676 – 1751

Unbekannt
Agnes Christiane von Bohlen, geb. von Stranz 1747 – 1807
Sie war die zweite Frau von Carl Julius Bernhard von Bohlen (1738-1813)
Das Porträt befindet sich in der Kustodie der Universität Greifswald
Caroline Elisabeth Gräfin von Bohlen
geb. von Walsleben
1781 – 1857

Friedrich Ludwig Graf von Bohlen
chur-Hess. Hofmarschall
1760 – 1728
Caroline Gräfin von Bismarck-Bohlen 1798 – 1858
Philipp Friedrich Ernst Freiherr von Dörnberg 1818 – 1858
Er war der Großvater der Auguste-Viktoria von Bismarck-Bohlen, geb. von Falkenhayn
Das Gemälde von Franz Krüger befindet sich in der Kustodie der Universität Greifswald
Fritz Ulrich von Bismarck-Bohlen
1884 -1945
Das Gemälde befindet sich in der Kustodie der Universität Greifswald

Du bist der Gott der Wunder thut: die Wernereiche im Steinfurther Forst

Eine Bastelei: so oder ähnlich könnte der Gedenkstein von der gräflichen Familie im Steinfurther Wald aufgestellt worden sein.

Hier kann man die Route zur Werner-Eiche nachvollziehen: https://www.komoot.de/invite-tour/273253928?code=2c2xhz-PJE7BS5iwNOcc5UohIQ202C8gIYRox7kJC-QKy7Fyzc

Vor vielen Jahren wurde im Steinfurther Forst ein in drei Teile zerborstener Gedenkstein gefunden mit der Inschrift:

5. April 1872

Du bist der Gott

der Wunder thut

Ps. 77.15

Lange haben wir im Freundeskreis gerätselt, was wohl der Anlass dafür gewesen sein könnte, solch einen Stein mitten im Wald in unwegsamem Gebiet aufzustellen. Dass es die gräfliche Familie veranlasst hatte, war ziemlich schnell ersichtlich. Nur warum? Was war passiert? War es vielleicht doch ein Todesfall, da das Denkmal wie ein Grabstein aussieht? Jedoch das Tagesdatum und der Spruch, der auf ein Wunder hinweist, sprechen wiederum dagegen.
Gestern nun, nachdem ich über zwei Jahre in den Archivalien des Pommerschen Landesarchivs u. a. auch nach dem Geheimnis des 5. April 1872 geforscht hatte, fand ich im Hausbuch der Grafen Bismarck Bohlen einen Eintrag von Theodor:

1872. 5ten Apr. des Herrn schützende Hand hat am heutigen Tage namenloses Unglück von uns abgewendet. Ihm sey Lob und Dank! Mein ältester lieber Sohn, war mit Werner Arnim auf dem Rundgang und sank auf dem Steinfurther Revier, mit dem einen Fuß in eine tiefe alte Torf= oder Fenngrube bis fast an die Hüfte ein, so daß er nicht allein herauskommen konnte, das gespannte Gewehr in der Hand haltend. Werner ihm zu Hülfe kommend, faßte dasselbe vorn an und brachte, indem er auch tief einsank, die Mündung des Gewehres, sich auf den Leib und in demselben Augenblick wendete sich dasselbe und der ganze Schuß Hagel ging ihm in die Seite unter dem Arm durch, die Joppe zerfetzend, so daß alles verbrannt war und viele Hagelkörner in der Joppe steckten und nur 1 Korn ihn leicht streifte! Es ist kein Zweifel, daß wenn nicht durch Gottes Gnade, das Gewehr gerade diese glückliche Richtung gehabt hätte, der Schuß in dieser Nähe ihn unfehlbar getödtet hätte. Zum dauernden Andenken an diese Abwendung unsäglichen Unglücks, ist nahe der Stelle, eine Eiche gepflanzt und am 21ten Mai ein Denkstein gesetzt worden.

Auf einer Kuppe steht im Verein mit alten Buchen die Wernereiche – ein magischer Ort!
Mitten im Steinfurther Wald ein Kreis aus Feldsteinen in der Nähe der Fundstelle des Gedenksteins, vermutlich der Standort

Friedrich schilderte dieses Ereignis in seinen Aufzeichnungen “Aus unserem Leben für unsere lieben Kinder”, welche er im März 1890 niederschrieb, folgendermaßen: hier mögte ich aber doch kurz das Kreuz u. die Freuden erwähnen[,] die uns immer fester den Blick nach Oben richten ließen u. die mein Herz noch heut in liebstem Dank bewegen wenn ich an all‘ die Gnadenwunder denke[,] die der Herr über uns hat kommen lassen.

Zuerst, noch wärend mein lieber Vater lebte, erwähne ich des erschütternden Vorfalls[,] der mir mit unserem geliebten Schwiegersohn Werner am 5ten April 1872 zustieß, wo ich auf der Schnepfenjagd im Steinfurter Holz in ein Fenn [ndt.; morastig-sumpfiger Bereich] versinkend, an dem Gewehr von ihm herausgezogen ward u. dies ihm auf die Brust losging, so daß Rock u. Weste in Flammen standen! Einige 30 Schrotkörner wurden in seinen Kleidern gefunden[.] „Du bist der Gott der Wunder thut“ ließ mein theurer Vater dort an die Stelle in einen Stein hauen vor der dort gepflanzten Werner Eiche! – Kind u. Kindeskind sollten des stets eingedenk bleiben. –

Seit der Zeit hing ich meine Flinte an den Nagel, denn jede Jagdfreude war mir vergellt. Wenn ich auch als Wirth bei größeren Jagden manchmal mit ausrückte so habe ich doch von dem Tage ab die Jagd aufgegeben u. meinen Söhnen überlassen

Wie froh ich war, dieses Geheimnis endlich gelüftet zu haben, kann man sich sicher vorstellen. Die beiden Männer waren Friedrich von Bismarck Bohlen – der älteste Sohn von Caroline und Theodor – und sein Schwiegersohn Werner von Arnim, der mit Friedrichs Tochter Caroline verheiratet war.

Und auch ein weiteres Rätsel löst sich nun ebenfalls. Auf einer Karte, die den Karlsburger Besitz zeigt, ist im Steinfurther Wald eine Wernereiche eingetragen.

Die Wernereiche

Ganz sicher handelt es sich um eben diese Eiche, die aus Dankbarkeit ob des glimpflichen Ausgangs in der Nähe des Unglücksortes gepflanzt wurde.

Der Standort des Gedenksteins mit der Werner-Eiche. Eine Vermutung

Nun noch einige Bilder von der näheren Umgebung des Feldsteinkreises und der Werner-Eiche, um die Wildnis, die das Denkmal umgeben, zu verdeutlichen:

Eine Eiche, zwar entwurzelt, aber trotzdem am Leben
monumentale Wurzeln
Der Brebowbach

Die Angst vor Corona heute war im 19. Jahrhundert die vor der Cholera

Der Ausnahmezustand, in dem wir uns seit über einem Jahr befinden, ängstigt sicher nicht nur mich deshalb so stark, weil immer mehr Mutanten auftreten und die Impfung nur schleppend vorangeht. So ähnlich müssen sich die Menschen im 19. Jahrhundert bei vielen ansteckenden Krankheiten – sei es Tuberkulose oder Cholera – gefühlt haben, deren Lebensverhältnisse sowie das medizinische Wissen und natürlich auch die medizinische Versorgung unvergleichlich schlechter waren als heute.

In Carolines Briefen an ihren Sohn Fritz nehmen Krankheiten aller Art einen großen Raum ein, die eigenen und mit großer Anteilnahme die in ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis. Von Seuchen wie der Cholera, die die Menschen ebenfalls außerordentlich ängstigten und die sowohl in Anklam oder Stralsund aber auch in ganz Preußen bzw. in ganz Deutschland grassierten, ist des öfteren die Rede.

14.11.1848: Hier ist unterdessen, die Cholera u zwar ziemlich ernst aufgetreten: Sonnabend starb der Kuhhirt in Steinfurt daran, u den Sonntag die beiden jüngsten rüstigsten Tagelöhner – natürlich alle mit Hinterlassung von Wittwen u Kindern. Hier erkrankten 3 Frauen daran, die ich mit Erfolg behandelt habe, nach Angabe des Arztes der zum Glück kam, heut ist noch eine krank u einige auf dem Hof was aber wol nicht viel seyn wird, mit Ausnahme einer wo wir das Nervenfieber fürchten. Es ist nur ein gastrisches Fieber. Vater fuhr Sonntag Vormittag sogleich nach Greifswald u brachte einen jungen Arzt mit, den ihm Berndt empfohlen u den er auf einen Monat engagirt hat. Er gefällt mir recht gut, u ich glaube nicht daß er den liquor austrinken wird, wie der vor 17 Jahren es that mit H. Lauter in Compagnie. … Hier ist im Hause alles wohl, drüben liegen 3 Mädchen u 2 Jungen, die Stube der Wirthschaftslehrlinge u die Fremdenstube sind als Lazareth eingerichtet, im Dorf liegen 4 Frauen aber alle in der Besserung. In Steinfurt ebenso. –

10.08.1849: Eine schwere Sorge ist mir auf’s Herz gefallen mit Fritz [ihr erstgeborener Sohn], daß er die Cholera in seiner Schwadron hat! Gewiß geht er hin ihre Kranken zu sehen – mir schadet das nicht, aber für ihn bin ich besorgt u empfehle ihn dringender als je den Schutz des Himmels, das ist ja das Einzige was man in der Abwesenheit thun kann.

06.09.1849: Doch nun will ich Deine Geduld nicht länger auf die Probe setzen, sondern Dir sagen daß wir sehr glücklich hier eintrafen u Carl [ihr jüngster Sohn] hier vorhanden, da in Anklam Cholera u besonders ein sehr bösartiges Scharlachfieber herrschen, so daß Dr Buhtz ihm gerathen lieber hierher zu gehen. Auf wie lange ist noch unbestimmt. … Hier ist der Garten so frisch u hübsch u auch viel Obst darin, nur erlaubt die Nähe der Cholera nicht, daß man es roh genieße, bis jetzt ist aber noch alles gesund.

25.09.1849: In Stralsund haust die Cholera noch immer, u wenn auch nicht viele Opfer fordernd, so sucht sie sie recht empfindlich aus. Da sehe ich heut den Tod des Grafen Ranzow in der Zeitung ein Schwager von Haselbergs, der 1 Wittwe mit einem kleinen Kind hinterläßt, u der der ganzen Familie ein Stütze, der besten Bürger Einer der Stadt war. Da sind die Wege der Vorsehung sehr unerforschlich. – August Bluhm ist auch noch immer sehr krank seit 5 Wochen an einem nervösen Fieber, aber auf der Besserung dem Anschein nach. Die Cholera verbreitet sich auch wieder auf dem Lande, in Pamitz ist ein Mann daran erkrankt aber wieder geworden.

01.09.1850: Die Cholera ist schlimm in Stralsund u sterben viele daran, wir sprechen aber nicht davon in Juliens [Carolines Schwester] Gegenwart u werden auch nicht in die Stadt fahren, was mir sehr angenehm ist.

04.09.1850: Kein Besuch aus Stralsund stört unsere angenehme Vereinigung [in Niederhof] indem dort leider! die Cholera sehr herrscht, u meine Schwester sie etwas fürchtet.

17.10.1855: Wie dem auch sei so ist es hier auch gut wohnen, u wir sehen Euch um so lieber so gut im Winterquartier eingerichtet, als hier in der Nachbarschaft die Cholera spukt u ziemlich böse ist. In Züssow u Salchow. Gott bewahre uns in Gnaden davor! Dagegen ist in Stralsund seit d. 4ten keiner erkrankt, u freut es mich um so mehr, als die liebe Clementine in dieser Woche einziehen wollte u ich darauf hoffe, sie von Niederhof aus zu sehen … Die Majestäten [Königreich Hannover] sind aber so schwächlich gewesen, daß sie doch wol wenig Freude davon gehabt – an der Marschallstraße mit dem Gefolge zu essen – die Königin hat sich gleich nach der Tafel u der König bald nachher zurückgezogen, Alle haben an der Cholera gelitten!! Wenn sie sich nun doch etwas Ruhe gönnten!

Das Veilchen

Bei meinem heutigen Rundgang durch den Garten fiel mir beim Anblick der blühenden Veilchen ein, dass das Auffinden dieses Frühlingsboten auch bei einem von Theodors ersten Karlsburger Besuchen im März 1817 ein romantischer Augenblick gewesen sein muss, an den beide sich gern erinnerten. Er und Caroline entdeckten bei ihren Spaziergängen im Park die Veilchen und sprachen in ihren Briefen davon. Auch in späteren Jahren erwähnte sie das Veilchen und dachte an diese Momente unbeschwerten Glücks mit etwas Wehmut zurück.

Am 01.03.1817 schreibt Caroline: Nach Veilchen habe ich auch noch nicht spähen können, Sie brauchen sie nicht zu erwarten, das wissen Sie ja!

Wilde Veilchen im Karlsburger Schlosspark: vielleicht dort, wo die Verlobten sie gefunden haben?

Theodor am 06.03.1817: Gestern und vorgestern war zur Veränderung einmahl gutes Wetter; schon glaubte ich, der Barens habe endlich ausgetobt, die Schläuche des Himmels sich geschlossen, und der liebe Frühling werde endlich mit gutem Wetter und Veilchen kommen, allein heut scheint das Versäumte wieder aufgeholt zu werden, denn alles was der Himmel herab auf armen Erdbewohnern auf die Köpfe fallen kann, Hagel, Regen, Schnee, ist bereits heut früh unter Begleitung eines Sturms gefallen.


Caroline am 17.03.1817: Das Wetter ist Ihnen wenigstens recht günstig: ich werde hernach im Garten gehen und mich nach dem Veilchen umsehen wo Sie ein Reis beysteckten,

Theodor am 18.03.1817: Mit den Veilchen wird es nun wohl bis zu meiner Ankunft währen. Sontag oder Montag über 8 Tage! Mein geliebtes Linchen wäre doch dieser Tag erst da!

Caroline am 23.03.1817: Unser Veilchen ist abgepflückt, ich habe mich danach umgesehen.

Theodor am 20.03.1817: Sie gehen gewiß heut ein wenig im Garten, mein geliebtes Linchen, vielleicht in diesem Augenblick, warum kann ich nicht an Ihrer Seite gehen? Warum nicht mit Ihnen die Veilchen knospen untersuchen, anstatt nun allein zu Malmens zu wandern?

Am 10.10.1820 schreibt sie an Theodor: So eben komme ich von einem großen Spaziergang mit Fikeschen zurück von dem ich Dir auch etwas mitbringe etwas altes u neues zugleich: ein Paar Veilchen
Und einige Zeilen später: Ich fliege ein wenig zu Dir herüber mein geliebter Theodor, u sage Dir zuerst daß Dein Liebling Fritz sanft eingeschlafen ist, nachdem ich ihm ein Veilchen gegeben.

Und in späterer Zeit am 16.04.1842: Zum Beweis daß wir nicht ganz verfrieren schicke ich Dir die beiden einzigen Veilchen die ich finden konnte heute, es ist trotz der Kälte grüner geworden.

Sowie am 31.03.1848: Hier geht alles gut, wir sind wohl u genießen das köstlichste Frühlingswetter, könnte man es nur mit leichtem frohen Herzen wie ehemals! Ich habe eben die ersten Veilchen aus dem Garten gebracht.