Du bist der Gott der Wunder thut: die Wernereiche im Steinfurther Forst

Eine Bastelei: so oder ähnlich könnte der Gedenkstein von der gräflichen Familie im Steinfurther Wald aufgestellt worden sein.

Hier hier kann man die Route zur Werner-Eiche nachvollziehen: https://www.komoot.de/invite-tour/273253928?code=2c2xhz-PJE7BS5iwNOcc5UohIQ202C8gIYRox7kJC-QKy7Fyzc

Vor vielen Jahren wurde im Steinfurther Forst ein in drei Teile zerborstener Gedenkstein gefunden mit der Inschrift:

5. April 1872

Du bist der Gott

der Wunder thut

Ps. 77.15

Lange haben wir im Freundeskreis gerätselt, was wohl der Anlass dafür gewesen sein könnte, solch einen Stein mitten im Wald in unwegsamem Gebiet aufzustellen. Dass es die gräfliche Familie veranlasst hatte, war ziemlich schnell ersichtlich. Nur warum? Was war passiert? War es vielleicht doch ein Todesfall, da das Denkmal wie ein Grabstein aussieht? Jedoch das Tagesdatum und der Spruch, der auf ein Wunder hinweist, sprechen wiederum dagegen.
Gestern nun, nachdem ich über zwei Jahre in den Archivalien des Pommerschen Landesarchivs u. a. auch nach dem Geheimnis des 5. April 1872 geforscht hatte, fand ich im Hausbuch der Grafen Bismarck Bohlen einen Eintrag von Theodor:

1872. 5ten Apr. des Herrn schützende Hand hat am heutigen Tage namenloses Unglück von uns abgewendet. Ihm sey Lob und Dank! Mein ältester lieber Sohn, war mit Werner Arnim auf dem Rundgang und sank auf dem Steinfurther Revier, mit dem einen Fuß in eine tiefe alte Torf= oder Fenngrube bis fast an die Hüfte ein, so daß er nicht allein herauskommen konnte, das gespannte Gewehr in der Hand haltend. Werner ihm zu Hülfe kommend, faßte dasselbe vorn an und brachte, indem er auch tief einsank, die Mündung des Gewehres, sich auf den Leib und in demselben Augenblick wendete sich dasselbe und der ganze Schuß Hagel ging ihm in die Seite unter dem Arm durch, die Joppe zerfetzend, so daß alles verbrannt war und viele Hagelkörner in der Joppe steckten und nur 1 Korn ihn leicht streifte! Es ist kein Zweifel, daß wenn nicht durch Gottes Gnade, das Gewehr gerade diese glückliche Richtung gehabt hätte, der Schuß in dieser Nähe ihn unfehlbar getödtet hätte. Zum dauernden Andenken an diese Abwendung unsäglichen Unglücks, ist nahe der Stelle, eine Eiche gepflanzt und am 21ten Mai ein Denkstein gesetzt worden.

Auf einer Kuppe steht im Verein mit alten Buchen die Wernereiche – ein magischer Ort!
Mitten im Steinfurther Wald ein Kreis aus Feldsteinen in der Nähe der Fundstelle des Gedenksteins, vermutlich der Standort

Friedrich schilderte dieses Ereignis in seinen Aufzeichnungen “Aus unserem Leben für unsere lieben Kinder”, welche er im März 1890 niederschrieb, folgendermaßen: hier mögte ich aber doch kurz das Kreuz u. die Freuden erwähnen[,] die uns immer fester den Blick nach Oben richten ließen u. die mein Herz noch heut in liebstem Dank bewegen wenn ich an all‘ die Gnadenwunder denke[,] die der Herr über uns hat kommen lassen.

Zuerst, noch wärend mein lieber Vater lebte, erwähne ich des erschütternden Vorfalls[,] der mir mit unserem geliebten Schwiegersohn Werner am 5ten April 1872 zustieß, wo ich auf der Schnepfenjagd im Steinfurter Holz in ein Fenn [ndt.; morastig-sumpfiger Bereich] versinkend, an dem Gewehr von ihm herausgezogen ward u. dies ihm auf die Brust losging, so daß Rock u. Weste in Flammen standen! Einige 30 Schrotkörner wurden in seinen Kleidern gefunden[.] „Du bist der Gott der Wunder thut“ ließ mein theurer Vater dort an die Stelle in einen Stein hauen vor der dort gepflanzten Werner Eiche! – Kind u. Kindeskind sollten des stets eingedenk bleiben. –

Seit der Zeit hing ich meine Flinte an den Nagel, denn jede Jagdfreude war mir vergellt. Wenn ich auch als Wirth bei größeren Jagden manchmal mit ausrückte so habe ich doch von dem Tage ab die Jagd aufgegeben u. meinen Söhnen überlassen

Wie froh ich war, dieses Geheimnis endlich gelüftet zu haben, kann man sich sicher vorstellen. Die beiden Männer waren Friedrich von Bismarck Bohlen – der älteste Sohn von Caroline und Theodor – und sein Schwiegersohn Werner von Arnim, der mit Friedrichs Tochter Caroline verheiratet war.

Und auch ein weiteres Rätsel löst sich nun ebenfalls. Auf einer Karte, die den Karlsburger Besitz zeigt, ist im Steinfurther Wald eine Wernereiche eingetragen. Wahrscheinlich handelt es sich um eben diese Eiche, die aus Dankbarkeit ob des glimpflichen Ausgangs in der Nähe des Unglücksortes gepflanzt wurde.

Der Standort des Gedenksteins mit der Werner-Eiche. Eine Vermutung

Nun noch einige Bilder von der näheren Umgebung des Feldsteinkreises und der Werner-Eiche, um die Wildnis, die das Denkmal umgeben, zu verdeutlichen:

Eine Eiche, zwar entwurzelt, aber trotzdem am Leben
monumentale Wurzeln
Der Brebowbach

Veröffentlicht von

Ursula

30 Jahre meines Lebens verbrachte ich in Leipzig, holte nach Abschluss der 10. Klasse und neben meiner Tätigkeit als Buchhändlerin in der Internationalen Buchhandlung Leipzig das Abitur an der Volkshochschule nach und studierte anschließend Germanistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Neun Semester später wurde ich als wissenschaftliche Assistentin in der Literaturwissenschaft der Universität Greifswald mit dem Ziel zu promovieren, eingestellt. Meine Dissertation über den Satiriker des 17. Jahrhunderts, Johann Michael Moscherosch, verteidigte ich 1987. Zu der Zeit arbeitete ich in der Fachbibliothek des Historischen Instituts. Von 1988 bis 1990 lebte ich mit meinem Mann in Vilnius und lehrte als Sprachlektorin an der Universität Vilnius. Nach unserer Rückkehr arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Greifswald, ab 1993 dann als Leiterin des Zentralen Prüfungsamtes der Universität Greifswald. Seit einiger Zeit bin ich im Unruhestand und beschäftige mich mit verschiedenen Themen, zunächst mit dem Leben meines Großvaters mütterlicherseits, Franz van Himbergen, nun mit Caroline von Bismarck Bohlen. Aber auch das Leben in der Gemeinde Karlsburg, insbesondere aber das Steinfurther Dorfleben liegt mir in besonderer Weise am Herzen. Aus diesen Gründen habe ich diese Website eröffnet.

3 Gedanken zu „Du bist der Gott der Wunder thut: die Wernereiche im Steinfurther Forst“

  1. Auf der gestrigen Winterwanderung mit Karl entlang des Brebowbaches zeigte ich nun Zora die denkwürdige Stelle. Alles war sehr schön verschneit und still, fast wie als Gleichnis der längst vergangenen Begebenheit an der Stelle der daraufhin gepflanzten Wernereiche. Ist doch schließlich diese ganze Geschichte dank deiner unermütlichen Recherchen ans Tageslicht geholt worden, so bleibt doch ungewiss, wo genau die Grube sich befand und welches der besagte Baum ist, ob er überhaupt noch steht. Das seichte Fließ auf obigem Bild zeigt den an dieser Stelle noch flachen, in Steinfurth entspringenden Brebowbach, welcher recht tief und breit um die 15 km weiter nordöstlich im Peenestrom bei Bauer-Wehrland mündet. Vielleicht gibst du ihm auf dieser Seite noch seinen Namen in der Bildunterschrift…
    Jetzt wo die verschüttete Geschichte um Wernereiche, Gedenkstein im Steinfurther Forst und Steinkreis wieder ans Tageslicht kam und erzählbar ist – ggf. könnte das entscheidene Puzzleteil wieder an seine dafür vorgesehene Stelle eingepasst werden…
    LG, Dole

  2. Liebe Ursula,
    sehr spannende und romantische Angelegenheit das alles! Du hast ja auf deiner Seite bereits eine Wegbeschreibung von Steinfurth bis zu dieser Stelle.
    Karl, Zora und ich waren vor der Dämmerung heute noch bei der Karlsburger Mühle. Auch dort haben wir einige Zeugnisse der Vergangenheit aufgespürt – Framente eines alten Mühlsteins, und zwar nicht an der heute nach der Mühle benannten ehemaligen Hofstelle an der alten Kastanie, sondern ca. 100m davon entfernt, zwischen den Fundamentresten auf dem heute bewaldeten Mühlberg.
    VG, Dole

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