Caroline und Theodor: Zeit des Kennenlernens

Ende des Jahres 1816, am 28. Dezember, lernte Caroline im Salon der Großmutter Theodor von Bismarck kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, wie Caroline in ihrer Lebensbeschreibung berichtet: Den 23ten gingen wir nach Stralsund, das Weihnachtsfest dort zu feiern u waren die Eltern nur um so gütiger gegen mich, seit ich allein war … Da ist denn noch zum Schluß des Jahres die Hauptbegebenheit: die Bekanntschaft von Bismarck. Den 28ten, einen Sonnabend Abend, ward er durch den Lieutenant Berghman bei meiner Großmutter vorgestellt, u gefiel mir recht gut. Vom Sylvester Ball heißt es nur[,] daß er „charmant“ gewesen sei. Im folgenden Monat waren viele Bälle, einmal 4 hintereinander[,] dazwischen wurde keine Zeit verloren; da meine Großmutter jeden Abend empfing, hatten wir oft genug Gelegenheit, die Bekanntschaft fortzusetzen. … Nun war der Rechte gekommen! Hauptmann Theodor von Bismarck, damals 26 Jahre alt, war ein sehr stattlicher, wohl u frisch aussehender Mann, mit schwarzem Lockenkopf, edlen Zügen, sehr weißen Zähnen, sehr einnehmender Freundlichkeit, die ich jedes Mal hervor zaubern konnte, wenn er sehr ernst aussah u – ein sehr guter Tänzer, eine wichtige Sache für mich damals! Er gefiel mir auch sehr, durch die große Liebe mit der er von seinem Vater sprach, u glaube ich fest, daß der Allgütige, Allmächtige Gott uns für einander bestimmt hatte. Und nicht zuletzt war sie beeindruckt von den Meriten, die er sich in den verschiedenen Schlachten erworben hatte.

Im Januar 1817 schrieb Theodor dann einen Brief an Carolines Mutter mit der Bitte, der Tochter den Zustand seines Herzens offenbaren zu dürfen: Der lebhafte Eindruck, welchen der erste Anblick der schönen Comtesse Lina auf mich machte, mußte bei unserer Bekanntschaft, durch die herrlichen Eigenschaften ihres Geistes und Herzens, durch den unendlichen Zauber ihrer anspruchslosen Bescheidenheit, und durch ihre Natürlichkeit und Sanftmuth verbunden mit allen ihren körperlichen Reitzen, so verstärkt werden, daß ohne sie mein künftiges Leben öde und freudenleer vor mir liegt, und nur an ihrer Hand sich das Paradis meiner Hoffnungen öffnet. Vorher erlauben Sie mir aber Ihnen eine ernste und wichtige Frage vorzulegen, welche ich Sie mit unumwundener Aufrichtigkeit zu beantworten bitte. Glauben Sie[,] daß ich die Fähigkeit besitze, ein so seltenes Wesen als Comtesse Lina glücklich zu machen, oder sollten mir selbst verborgene Flecken in meinem Carackter seyn, welche dies unmöglich machten? Ich habe mich seit mehrern Tagen mit Ernst und Bedacht in dieser Hinsicht geprüft, und jede Falte meines Herzens genau durchspäht, und würde nicht den Muth haben[,] diese Zeilen an Sie meine gnädigste Gräfin zu richten, wenn ich etwas anderes als die unendlichste Liebe, und den redlichen festen Entschluß selbst mit Aufopferung meines Glücks das Ihrer Comtesse Tochter zu gründen, gefunden hätte. An anderer Stelle betonte er, seine finanziellen Verhältnisse und die seines Vaters seien derart, dass er im Stande sei, mit seiner Frau standesgemäß zu leben.

Von der Mutter sind zwei Briefe an Theodor erhalten. Im ersten legt sie ihm dar, dass es aus ihrer Sicht nicht leicht sei Carolines Herz zu rühren. Bisher sei für ihre Tochter Glück gewesen im Kreise der Familie zu leben, jedoch habe sie noch keinem Mann tiefere Gefühle entgegen gebracht. Der zweite Brief hört sich dagegen sehr hoffnungsvoll an: Mit wie viel größerer Freude ergreife ich dies mal die Feder[,] um Ihnen Herr von Bismark die Erfüllung Ihrer Wünsche zu verkünden, für die ich Ihnen früher so wenig befriedigendes sagen konnte. Carolinens sichtbare Trauer über Ihre nahe Entfernung machte es mir gewiß[,] daß sie zum ersten mal in ihrem Leben Neigung empfinde, da gab ich ihr eben Ihren Brief, sie theilt Ihre Liebe u. fühlt den ganzen Zauber einer glücklichen! Ihnen war es vorbehalten[,] dieß reine treue Herz mit einem noch nie gekannten Gefühl zu erfüllen. Auffällig ist, dass die Mutter Theodor nicht zuallererst darauf hinweist, dem Vater sein Anliegen vorzutragen. Nein, sie denkt zunächst an die Großmutter, um deren Einwilligung soll er mündlich oder schriftlich bitten. Wenn er erst ihre Zustimmung hätte, könnte er schon mehr hoffen. Dann erst kommt ihr Mann ins Spiel: Nun bleibt Ihnen lieber Herr von Bismark noch die wichtige Zustimmung meines Mannes zu gewinnen. Morgen um 11 Uhr geht die Post, wollten Sie mir früher einen Brief schicken, worin Sie ihm vielleicht über Ihre künftigen Plane reden, da mein Mann ein wenig ängstlich darin ist, auch seine Kinder in äußerer Hinsicht wohl versorgt zu sehen. Der Tochter Bitten werden die Ihren unterstützen, so wie die meinen auch, u. nun füge ich keine Worte hinzu, um diese nicht länger aufzuhalten.

Und sie hat ihren Mann richtig eingeschätzt. In Jubel bricht er über Theodors Antrag nicht aus, sondern trägt zunächst seine Einwände vor, die Theodor bedenken solle: Sie wünschen über den Zuhalt, eine baldige und bestimmte Antwort. Aber so viel Hochachtung ich auch schon für Eur: Hochwohlgeboren, nach allem dem Guten[,] was ich von Sie gehört, sage, so müssen Sie es der Väterlichen Pflicht=Liebe nicht übel denken, wenn ich über die Entscheidung des wichtigsten und verhängnisvollsten Schrittes einer geliebten Tochter nicht gleich mich so entscheidend auszusprechen vermag. Es ist die einzige Tochter noch, – über deren ganzes zeitliches Glück ich bestimmen soll – und wie vielfältige Sorgen reihen sich da dem Vater=Herzen an! Da aber auch Ihrerseits die Einwilligung Ihrer Eltern fehlen, so werden Sie es nicht unbillig finden, daß ich meine letzte Erklärung hierüber bis dahin verschiebe, wo Ihr Herr Vater Ihrer Erwartung gemäß, hier Selbst herkommen wird. Eine Verzögerung[,] die von so kurzer Dauer sein wird, kann zwar nicht als eine bewährte Prüfung angesehen werden, ruft aber in der Zwischen=Zeit noch so manche Überlegungen herbei, die der Freude einer spätern Erfüllung nicht benehmen kann. Lassen Eur: Hochwohlgebohren sich durch nichts täuschen, sondern überlegen mit Ernst und Ruhe alle die Verpflichtungen[,] wozu eine solche veränderte Lage Sie hinleiten wird. Ich erwiedere mit eben der Offenheit mit welcher Eur: Hochwohlgebohren Ihre Vermögens=Aussichten berühren, daß auch ich gantz überzeugt bin, daß ein Sorgenfreies Auskommen von einer Verbindung gesichert werden muß, und muß das Geständnis hinzufügen, daß meine Vermögenslage es mir nicht gestattet meiner Tochter eine Mitgabe anzuordnen, sondern daß ich nur zu ihrem eigenen Bedürfnis Ihr ein Taschengeld zu bestimmen vermag. Der ehrenvolle Stand[,] zu welchem Sie gehören, und auf dessen Bahn Sie sich schon früh ausgezeichnet haben, ist nicht recht geeignet für ungetrübtes häusliches Glück. Erwägen Sie so mancher dieser Winke, die ich hier als redlicher Mann hinweise, und die ich meiner Tochter als Vater auch unverhohlen vorhalten werde. – Es soll mir sehr angenehm sein wenn Eur: Hochwohlgebohren bei Ihrer Geschäfts=Reise[,] die Sie in die Nähe von Carlsburg führt, hier bei mich ansprechen wollen. Am Gelaß zum Unterkommen fehlt es mir nicht und eines freundlichen Empfangs können Sie versichert sein. Ist es Ihnen zu bestimmen möglich, so wäre es mir indessen angenehm durch den Überbringer dieses, den Tag und die ungefähre Tageszeit zu welcher Sie hier einzutreffen gedenken, vorher zu erfahren, damit bei meinem jetzigen Einsiedlerleben, die Bewirthung nicht gar zu ländlich ausfalle.

Auch von Caroline liegt ein Brief an ihren Vater vor, in dem sie ihn um die Zustimmung zu der Verbindung mit Theodor bittet.

Zu der wichtigsten Angelegenheit meines Lebens komme ich zu Dir, die unendliche Güte und Sorgfalt[,] die Du immer für mich gehabt hast, lassen mich beinahe auf Erfüllung meiner Wünsche hoffen, mein geliebter Vater wird stets in mir eine gehorsame Tochter finden, Er kann aus mir eine vollkommen glückliche machen. – Durch die Einlagen wirst Du schon die Absichten des Herrn v. Bismarck gesehen haben[;] ich gestehe Dir aufrichtig wie ich muß, daß die ganze Art mir seine Zuneigung zu beweisen[,] so zart und feinfühlend war, daß die meinige dadurch geweckt wurde, ich wäre es mir beinahe selbst unbewußt gewesen, wenn nicht durch die Aushebung [Einberufung von vorher gemusterten Soldaten] seine Abreise auf Morgen festgesezt worden, und Umstände seine Rückkunft so verzögerten[,] daß wir ihn wol nicht mehr hier vorgefunden hätten. Das fiel mir sehr schwer aufs Herz, und Gestern zeigte mir meine Mutter den Brief[,] der auch hierbey folgt, da schien es mir entschieden[,] daß mit der Zustimmung meiner geliebten Eltern und Großmutter ich nie einen andern Mann wählen würde. Nur die Deinige fehlt mir, mein bester Vater, wie wichtig sie mir ist, das brauchen Worte Dir nicht zu sagen, das fühlst Du selbst. Ich habe Dir nun alles gesagt, mein lieber Vater[,] was ich Dir sagen konnte, Deine Entscheidung wird mein Schicksal bestimmen, ich bin zu ergriffen[,] um noch etwas anders hinzu zu fügen als die Versicherung der kindlichen Ehrfurcht[,] die stets für ihren lieben Vater hat Deine Ihre herzlich liebende Tochter Caroline

Nach der Unterredung in Karlsburg gestalteten sich die Dinge dann doch so, dass der Vater nach der Einwilligung von Theodors Vater ein Einsehen hatte und seinen Segen zu der Verbindung gab.

Eine Episode aus Carolines Lebensbeschreibung macht deutlich, wie empfindsam die Beziehung der jungen Leute zueinander wenige Tage nach ihrem ersten Zusammentreffen war: meine Mutter und ich hatten uns bei unserer alten Freundin der Kanzlerin v. Thun angesagt, die Bismarck dazu einladet, um zu vermeiden daß der Major Kuylenstjerna nicht allein mit uns bei ihr sei. Er pflegte wohl uns zu folgen, nun war er aber nicht mehr so eifrig, kurz aus Vorsicht, um nicht ins Gerede zu kommen, lud sie erst den Rechten ein, der noch keine Antwort hatte u sehr befangen war. Ich wußte noch nicht seine Ansprache, nur, daß ich ihm gefiel, denn es ist nie zu Redensarten zwischen uns gekommen. Die Mutter hatte über die Bismarck’sche Familie Erkundigungen eingeholt, die besser nicht sein konnten. Meine Großmutter willigte bald ein u mit der Bewilligung der beiden Mütter, ward Bismarck gerufen, das Jawort mündlich zu erhalten.

Von Wolgast kam er zuerst nach Carlsburg u stellte sich dem Vater vor als jemand der ihm so nahe angehören sollte. Gar oft haben wir noch dessen gedacht auf der Höhe von Steinfurt, wo man Carlsburg zuerst erblickt. Er aß bei ihm oben in der Billardstube, u erinnert sich noch[,] daß es gebackene Karauschen gab. Den Nachmittag fuhr er nach Gützkow weiter. –

Es war Gottes Wille u gnädige Schickung, denn ich kann sagen[,] daß schon den andern Tag die Bedenken anfingen! Wahrscheinlich wäre nie etwas aus der Heirath geworden, wäre sie nicht so rasch entschieden worden. Wir waren auch auf der Abreise u blieben nur länger in Stralsund, in Folge aller dieser Begebenheiten. Die Verlobung wurde den 14ten Febr. nach der Rückkehr von Bismarck u der erfolgten Einwilligung seines Vaters bekannt gemacht

Schaut man rückblickend auf ihr Leben, scheint es die einzig richtige Entscheidung gewesen zu sein, dieser Verbindung zuzustimmen. Das Paar sollte ein 40 Jahre währendes überaus glückliches gemeinsames Leben führen, wie es aus all den verschiedenen Zeugnissen, die im Pommerschen Landesarchiv vorliegen, deutlich wird.