Das Weihnachtsfest in Neapel. Natale

Dieses so beliebte Fest, an welches sich die frühsten und fröhlichsten Erinnerungen einer glücklichen Kindheit knüpfen, und das in der düsteren Zeit des Winters einen Lichtpunkt der Freude gewährt, sind wir so gewohnt mit Kälte, Frost und Schnee zu feiern daß es mir ganz eigenthümlich und fremd vorkam, es unter dem wärmsten Sonnenschein unter Frühlingslüften herannahen zu sehen. Hier sind keine düstern grauen Tage, bis 5 war es beständig hell, die schönen SonnenUntergänge die den Bergen das eigenthümlich violette Colorit geben, fanden beinah täglich statt; das Spiegelglatte Meer, gab den reinen Äther wieder, und Dunst ruhte auf den Felsenzacken von Capri,

Sonnenuntergang bei Capri

und den Gebirgen von Castellamare und Sorrento;

Sonnenuntergang an der Amalfiküste

und wenn die Nacht anbrach, waren meinem Fenster gegenüber die bekannten Sternbilder des Winter, der Orion und Syrius (der große Hund), die mit ihren strahlenden Welten standen, in deren Anschauen ich mich so oft verloren hatte. –

Ein eigenthümlich vages Treiben, charakterisirt diese Zeit in Neapel; ist es immer beinah lebensgefährlich zu Fuß zu gehen, ob der ungeheuren Masse von Fuhrwerken, Karren, Wagen, Saumthieren, beladenen Eseln, Menschen, die tausend Dinge auf dem Kopf tragen, so wird es beinah unmöglich an diesen Tagen.

Via di Toledo 2018

Das Haupttreiben findet auf Toledo und St. Brigida statt, und hat auf die Ernährung „der sterblich Hülle“ Bezug. Wie bei uns Karpfen zu dieser Zeit, in Schweden Julgrütze, in Dresden Heringssallat, werden hier Aale gegessen. 2.-3. Reihen Aalverkäufer mit ihren Fäßern und Körben, vor den Häusern aus Toledo stehend, schrieen aus Leibeskräften, ihren Mund zum Quadrat verziehend. Die Tiere mager und unerwachsen sehen Schlangen und Vipern mehr ähnlich als Aalen und würden meine Eßlust nicht reizen, mich eher an die Sünde der Mutter Eva erinnern; von der anderen Seite der Straße sind es die Fleischer, Festons (Nudeln) und Girlanden von Würsten zieren Hausthüren und Buden, und Millionen gerupfte Hühner mit stehen gelassenen Schweife und Flügeln um die weiße des Fettes zu haben, ragen an Stangen in die Luft hinauf, dazwischen findet mitunter ein Hase, aber selten Platz. Auf dem eigentlichen Fleisch= und Hühner=Markt in einer Rotunda bei Toledo wagte ich mich nicht, da sie nur zu Fuß zugänglich war: Kopf an Kopf sah ich sich darin herumschieben, denn an gehen im eigentlichen Sinne, war nicht zu denken. Die Pasticcerier (Süßwarenhersteller) deren es in großer Anzahl giebt, sind besonders beschäftigt und belebt, den Hintergrund blank gescheuerter Casserollen und Deckel, verstecken beinah die vorn ausgestellten Herrlichkeiten, aus großen thurmähnlichen Torten aller Art, zumahl aber Mandeltorten verschiedener Formen, blos aus Mandeln und Zucker bestehend, mit verschiedenfarbigen Verzierungen. Vasen, Körbe, Festungen, Häuser, Thürme; unzählige andere Backwerke kleinerer Art; hinten sieht man das Feuer des Backofens lodern, weißgeschürzte Köche mit Schlafmützen laufen hin und her, arrangieren ordnen, verkaufen, tragen neue Vorräthe zu. – Den eigentlichen Honigkuchen wie bei uns, kennt man nicht, sie haben eine Art braunes Gebäck welches ihm äußerlich gleich kommt, aber nicht so wohlschmeckend ist, dagegen giebt es Mosticcioli (Pasta) die vorzüglich sind; es ist ein brauner Teig, dick mit Citronat und Gewürz gefüllt und mit Chokolade überzogen, man hat sie auch ohne Gewürzfüllung, vortreffliche Marzipane in weiße lorangen (Biscuit) mit bunten Nahmen, eingemachte und kandirte Früchte; Bonbons wie bei uns, kennen sie weniger, außer weißen Mandeln, überzogenen pistacien und Zimmt (die eigentlichen confetti) lassen sie die feineren aus Frankreich kommen, die im Ganzen wenig Absatz finden. Die schönsten und mühsamsten Sachen machen die Nonnen, in den Klöstern, die aber nicht zum kaufen, sondern nur zu Geschenken bestimmt sind. Die Obst- und Liqueurboutiquen sind am meisten verziert; eine neapolitanische boutique ist das unzweckmäßigste was ich kenne, sie besteht aus einem Brett zwischen Säulen die oben ein Heiligenbild gewöhnlich das der Madonna tragen ungefähr folgendermaßen:

 Nun werden Festons von Orangen und Zitronen daran aufgehangen und um den Raum zu vergrößern, 2 Lorbeerbäume vorn aufgepflanzt, dann setzt man auf Bänke eine Menge Fässer, die die trocknen Früchte, Kastanien, Wall-Hasel-Nüsse etc: enthalten; den Hintergrund der so wie die Bandboutiquen bei uns arrangiert ist, füllen Körbe mit Rosinen, Feigen, und andern Früchten; sehr oft findet man Kürbis Guirlanden mit buntbebänderten Weinflaschen abwechselnd, und mit bouquets von Lorbeer. Die Liqueurbuden hängen ihre bunt gefüllten, mit rosa Bänderei decorirten Flaschen, mit grünen Guirlanden festonartig auf, die Käse=, Milch= oder wie sie es nennen, latticeriebuden machen auch ungewöhnliche frais, die so gestalteten Käse werden in festons mit Orangen-Blättern aufgereiht, und in Guirlanden über der Thüre und auf die Straßen hinausgehangen, die wurden zu Säulen gefügt, dazwischen Quasten von andern Lebensmitteln z.B. Würsten. Auf St. Brigida jedoch ist der ärgste Spektakel, hier sind die Fischer in großer Masse mit unendlichen Körben versammelt in welchen sie ihren glänzenden Fang ausbieten, Fische aller Größe, Farben und Formen, sieht man hier, lange, breite, kurze, runde, kleine, Hummer und Aale, füllen die Straßen, jeder Fischer schreit dazu aus Leibeskräften, dazwischen ungeheure Ladungen frischer Gemüse, theils auf der Straße abgeladen, theils auf sauber, thurmfach bepackten muntern Eseln in Reihe und Glied. Weißer, grüner, violetter Blumenkohl, Welschkohl, Mohrüben, weiße Rüben, auf dem Rücken der Grauschimmel noch einmal so hoch als sie selbst aufgeladen, trampeln zwischen den Fischern hin und her; diese mit ihren roth und braunen Mützen, lebhaften sprechenden Zügen, ungeheuern Geschrey geben ein lebendiges Bild des Südens; der blaue Himmel, die sanfte Luft alles bildet einen sonderbaren Contrast für den Nordländer mit unserer düsteren Natur zu dieser Zeit. Nächst den Lebensmitteln sind es Raketen, Schwärmer, Feuer-Räder, die am meisten Abgang finden und wozu? lernte ich später. Ob die Sitte des Bescheerens hier wie bei uns statt findet, weiß ich nicht, bezweifle es; wie sich Italien immer seit langer Zeit nach andern richtet und keine eigentliche Nationalität in Sitten und Gebräuchen hat, so auch hierin. Man beschenkt sich zu Weihnachten mit Kuchen und Bonbons, zum Neu-Jahr finden die andern Geschenke statt, nur in Toscana existirt der Gebrauch der Weihnachtsbescheerung unter dem Namen Cepo, hier erhalten die Kinder in einem ausgehöhlten Baumstamm allerhand Geschenke. Ich hatte für die unsrigen die vaterländische Tanne mit dem italienischen Lorbeer ersetzt, und die Äpfel der Heimath mit hesperischen (abendländisch) Goldfrüchten; Korrallen, Muscheln und Lava sollten ihnen bleibende Andenken des mittelländischen Meeres, des Aufenthalts in Neapel gewähren. Sie freuten sich mit der glücklichen Heiterkeit die diesem Alter eigen ist, wo das Bewußtseyn der Existenz noch keine Wolken, an dem glücklichen Kinderhimmel aufthürmt, nur Sonnenschein; ich genoß und theilte ihre Freuden, nur der Gedanke an die entfernten Lieben jenseits der Alpen, in dem kühlen weniger reitzenden Vaterlande, wo deutsche Treue und Gemütlichkeit, wenn auch bei einem weniger äußerlich liebenswürdigen Volke wohnen, warf einen ungemüthlichen Schatten auf das Fest. – So mußten wir immer eines, etwas entbehren, und beständig daran gemahnt werden selbst in unsern Freuden wie mangelhaft alles Irdische ist! – Wir trennten uns gegen M(itternacht), als die Kinder müde trotz der Freude sich nach Ruhe sehnten, und auch ich in der bescheidenen Absicht zu schlafen, aber das war Unbekanntschaft mit Neapel! – Um Mitternacht fingen alle Kanonen der Forts an zu spielen, die Glocken läuteten, alle Schwärmer, Räder, Raketen, die Toledo den Morgen beherbergt flogen in die Luft, aus allen Fenstern ward mit Pistolen geschoßen, ja sogar der Kloster-Garten uns gegenüber hatte seine Batterien, kurz es war ein piffen und paffen, ein Knallen ein Spektakel, die Todten aufzuwecken. Hier findet auch noch die sogenannte bei uns verbotene Christ-Mette statt, in allen Kirchen. So ging das Feuern die ganze Nacht beinah ununterbrochen fort, und es gehört hier zu der Weihnachtsfeyer kein Auge zu schließen. Mit Tagesanbruch beginnt das Feuer mit unerhörter Wuth, alle Straßen sind mit Papieren besäet Petarden (militärische Explosionswaffe) flammen den ganzen Tag und Abend, an allen Enden und Ecken der Stadt auf. Es ist ein Aufwand an Pulver, der mein Bedauern über diese Erfindung wo möglich noch vermehrte. Zum Weihnachtsfest wurden dem Könige Vögel von allen Arten die hier einheimisch sind, und Blumen und Früchte überbracht, 30. Paar Landleute bringen sie in das Schloß, leider versäumten wir es, den Zug zu sehen.

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Ursula

30 Jahre meines Lebens verbrachte ich in Leipzig, holte nach Abschluss der 10. Klasse und neben meiner Tätigkeit als Buchhändlerin in der Internationalen Buchhandlung Leipzig das Abitur an der Volkshochschule nach und studierte anschließend Germanistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Neun Semester später wurde ich als wissenschaftliche Assistentin in der Literaturwissenschaft der Universität Greifswald mit dem Ziel zu promovieren, eingestellt. Meine Dissertation über den Satiriker des 17. Jahrhunderts, Johann Michael Moscherosch, verteidigte ich 1987. Zu der Zeit arbeitete ich in der Fachbibliothek des Historischen Instituts. Von 1988 bis 1990 lebte ich mit meinem Mann in Vilnius und lehrte als Sprachlektorin an der Universität Vilnius. Nach unserer Rückkehr arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Greifswald, ab 1993 dann als Leiterin des Zentralen Prüfungsamtes der Universität Greifswald. Seit einiger Zeit bin ich im Unruhestand und beschäftige mich mit verschiedenen Themen, zunächst mit dem Leben meines Großvaters mütterlicherseits, Franz van Himbergen, nun mit Caroline von Bismarck Bohlen. Aber auch das Leben in der Gemeinde Karlsburg, insbesondere aber das Steinfurther Dorfleben liegt mir in besonderer Weise am Herzen. Aus diesen Gründen habe ich diese Website eröffnet.

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